Motivation
Um die Eingangsfrage beantworten zu können, soll zunächst einmal die Motivation dargestellt werden, warum es überhaupt sinnvoll ist, sich diese Frage neu zu stellen.
Immer wieder wird dem wissenschaftlich interessiertem Publikum erläutert, dass der Mensch eigentlich weniger als ein Staubkorn in den unermesslichen Weiten des Universums sei. Anhand der großen Abmessungen, denen man das Universum zuschreibt, sowie den gewaltigen Kondensationsprozessen bei der Materieentstehung und -vernichtung, scheint es auch für jeden nachvollziehbar, ja zwingend, zu sein, dass die Bedeutung des irdischen Lebens ganz und gar irrelevant ist. Entstehung und Vergehen von Leben, wie wir es kennen, scheinen in der Tat sinnlose Produkte einer gigantischen Energieumwälzung zu sein. Und stets werden zur Untermauerung die neuesten Messungen auf astrophysikalischer und kosmologischer Basis herangezogen. Interpretationshoheit wird mittels der kopernikanischen Wende in der Wissenschaftsgeschichte beansprucht und argumentativ abgesichert. Doch gerade das resultierende Kopernikanische Prinzip im Zusammenwirken mit modernsten Modellen und Messreihen führen in eine Krise.
Kopernikanisches Prinzip
Mit Nikolaus Kopernikus wird gemeinhin der Erkenntnisweg der modernen Naturwissenschaft verknüpft, da dieser im 16. Jahrhundert die Vermutung und die dazugehörige Nachweismethode erörterte, dass die Erde nicht im Mittelpunkt des Universums stünde, sondern diese Rolle die Sonne einzunehmen hätte. Da die Sonne damals auch als ein allegorisches Bild für Gott Verwendung fand, wollte Kopernikus dies auch gar nicht als einen glaubensfeindlichen Akt ansehen, ganz im Gegenteil. Heutige Astronomie stellt klar, dass auch der Sonne nicht der Eigenschaft als Mittelpunkt des Universums zu gelten, zukommt. Wissenschaftshistorisch ist vielmehr festzuhalten, dass die Erde nur als ein Planet unter vielen zu gelten hat, die im Rahmen eines Sonnensystems an eine Zentralmasse gebunden sind. Solche Systeme sind auch keine Seltenheit, sondern treten in den unterschiedlichsten Gestalten in allen kosmologischen Entfernungen auf. Die oft vorgebrachte Relativität der betrachteten Systeme, also dass man aufgrund der Einsteinschen Theorie die Erde als Himmelkörper in der Tat als Mittelpunkt betrachten darf, reicht als Rettungsanker nicht aus, denn dies gilt auch gleichberechtigt für jeden anderen Himmelskörper. Auch mit Einsteins Theoriengebäude lässt sich die Erde nicht als Mittelpunkt des Universums betrachten, denn dieser Mittelpunkt müsste absolut gültig sein. Einsteins Theorie kann nur dahingehend gebraucht werden, dass sich jeder als Mittelpunkt des Universums betrachten darf, wenn er diese Betrachtungsweise auch jedem anderen gleichberechtigt zukommen lässt. Da sich nun jeder als Mittelpunkt sehen darf, kann es niemand für sich als absolut reklamieren!
Diese Erkenntnis wird gemeinhin in dem umfänglicherem Sinne formuliert, dass es im Universum keinen irgendwie ausgezeichneten Ort gibt: Das Universum ist homogen und isotrop!
Im Mittelalter wurde aber mit der angenommenen Zentralstellung der Erde keine bevorzugte Rangordnung verbunden. So schreibt Dennis R. Danielson in [1]:
Doch die Forscher erkennen immer klarer, dass Kopernikus und seine Anhänger die 'Verdrängung' der Erde aus dem Mittelpunkt des Universums keineswegs als Herabstufung empfanden. Nach Auffassung von Aristoteles, dessen physikalische Vorstellungen bis ins 17. Jahrhundert hinein das wissenschaftliche Weltbild bestimmten, ruhte die Erde allein deshalb bewegungslos im Mittelpunkt des Universums, weil sie von allen Elementen - Erde, Wasser, Luft und Feuer - das Schwerste war. Und das Zentrum des Universums war eben der Ort, wo sich die schweren Dinge sammelten. Dieser Umstand, und nicht der wie immer privilegierte Rang der Erde, bescherte uns letztlich eine zentrale Stellung im Weltall.
Der Planet des Lebens
Dennoch wird die Stellung des Planeten Erde gerne mit einem Rang verbunden. Dies aber in erster Linie von jenen Strömungen, die ohnehin jede menschliche Vorrangstellung aus dem philosophischen Denken verbannen möchte, gerade auch in Hinblick auf eine wie auch immer geartete göttliche Auserwählung. Solange der Standpunkt der Erde mit einem positiven Rang des Menschen verbunden ist, versucht man ihn herabzusetzen, um diesen Rang zu verringern. Aufgrund der gezeigten Erkenntnis, dass Stellung der Erde nicht mit dem Rang zu verwechseln ist, verlegt man die Herabsetzung auf die Bedeutung der Erde als Planet des Lebens.
Auch wenn hier die Resultate noch nicht so eindeutig sind, sieht man in den Weiten des Universums doch immer wieder Spektren von Molekülen, die auch als Lebensbausteine in der irdischen Lebensvielfalt anzutreffen sind. Ferner kennt man bereits sehr viele Exoplaneten. Jene Planeten, die um andere Sterne kreisen, als um unsere Sonne. Dabei sind diese Planeten auch wirklich exotisch zu nennen, denn sie haben ganz andere Eigenschaften, als jene Planeten in unserem Sonnensystem. Doch auch unser eigenes Sonnensystem zeigt deutlich auf, dass es Lebenswelten geben kann, die unter ganz anderen Bedingungen zustande kommen, als es bei unserem Heimatplaneten der Fall ist. Außerhalb der habitablen Zone unseres Sonnensystems - etwa zwischen Venus und Mars - finden sich höchstwahrscheinlich Ozeane und Meere gewöhnlichen Wassers unter einer dicken Eiskruste auf Monde des Jupiter und des Saturn. Nähere Untersuchungen müssen klären, ob es dort Leben gibt. Man könnte es aber in diesen Ozeanen ansiedeln. Selbst die oberflächlich unwirtlichen Bedingungen des Mars scheinen auszureichen, dass - wenn dort auch Leben nicht selbst entstanden sein sollte - Mikroben dorthin transportiert wurden, die sich in Nischen festsetzen und vermehren könnten. So schreiben Norbert Pailer und Alfred Krabbe [2]:
Aus heutiger Sicht bietet Mars die beste Aussicht, Lebensspuren jenseits der Erde zu finden. Allerdings sind Erde und Mars keine biologisch isolierten Systeme. Zwischen ihnen gibt es einen langen Austausch von Material in Form von Gesteinsbrocken ihrer Oberflächen, die aus Einschlagsvorgängen von Asteroiden und Kometen stammen. Mikrobiotische Organismen sind nun einmal in Steinen zu finden und zum anderen ist so eine Reise im interplanetaren Raum kein Problem. Damit würde sich Leben auf dem Mars nur als ein anderer Zweig des Lebens auf der Erde darstellen und wäre kein neuer Lebensstammbaum. Sollte es diese Überkreuz-Befruchtung der beiden Planeten gegeben haben, so ist für die naturwissenschaftliche Diskussion offen, wo es entstand. Mars wird dabei als favorisierter Platz gehandelt, da er wegen seiner Größe schneller abkühlte und das Leben früher starten konnte. Dazu kommt, dass durch die geringere Masse (kleinere gravitative Linse) das frühe Bombardement durch herumvagabundierende Brocken geringer ausfiel. Und am Ende wären wir doch alle Marsianer?!
Es ist bis heute Stand der Wissenschaft, dass bislang kein Himmelskörper gefunden werden konnte, der auch nur die Möglichkeit für komplexes Leben bieten würde bis hin zu intelligenten Spezies. Hier ist aber Vorsicht geboten. Diese einmalige lebenspriviligierte Stellung der Erde könnte nur ein Produkt unseres mangelnden Wissens sein, wie jener aristotelischen Begründung der Zentralstellung der Erde im Weltall. Um anderswo komplexes Leben finden zu können ist es zudem sinnvoll nicht die irdischen Verhältnisse und auch nicht die irdischen Lebensformen als alleinigen Maßstab einer exobiologischen Suche zu nehmen. Schon die Suche nach ET nötigt uns also eine andere Sichtweise auf unsere eigene Stellung im Universum ab. Vielleicht ist das der Grund, warum einige Zeitgenossen gerne diese Suche im Keim ersticken wollen und jede Forschungsmission, die hier erfolgreich sein könnte, infrage stellen.
Dunkles Universum und das Kopernikanische Prinzip
Diese für das Selbstverständnis des Menschen sicherlich pessimistische Sichtweise wird aber mit Resultaten aus der Astronomie konfrontiert, die sie in eine Krise stürzen. Zunächst findet man in den Bewegungen von Galaxien, dass die dort sichtbare Masse nicht ausreicht, um diese nach den bekannten Gravitationsgesetzen zu erklären. Aus diesem Anlass heraus postuliert man die Dunkle Materie. Diese Materieform ist nicht mit jener der Dunkelmaterie zu verwechseln, also leuchtschwache normale Materie, Gase, Staubwolken etc. Die Dunkle Materie müsste aus einem exotischen Aufbau bestehen, der nicht dem unserer baryonischen Materie entspricht, aus der wir Menschen, Planeten und Sterne bestehen. Aus den immer genaueren Messungen ergibt sich, dass es ca. sechs Mal soviel Dunkle Materie wie baryonische Materie geben müsste. Ihr direkter Nachweis gestaltet sich hingegen sehr schwierig. Eventuell kann das LHC in Genf hier Abhilfe schaffen, sobald die Experimente erfolgreich anlaufen. Das Problem der dunklen Materie besteht vollkommen unabhängig von der Frage, ob die Urknalltheorie korrekt ist oder nicht. Selbst bislang vorgeschlagene Änderungen der Gravitationsgesetze konnten nicht alle Effekte, die auf Dunkle Materie schließen lassen, erklären. Ein weiteres Problem zeigt sich, wenn man unter Zugrundelegung der Urknalltheorie die Expansionsrate des Universums misst. Dabei fiel auf, dass am Rande des sichtbaren Universums die Expansionsgeschwindigkeit zunimmt, anstatt abzunehmen, wie man noch vor 20 Jahren dachte. Um dieses bestätigte Phänomen der zunehmenden Galaxienflucht zu erklären, postuliert man zusätzlich die Dunkle Energie. Die postulierte Dunkle Energie kann man dadurch ersetzen, in dem man das Kopernikanische Prinzip verlässt. Dazu schreiben die Begründer einer alternativen Deutung Timothy Clifton und Pedro G. Ferreira [3]:
Welche empirischen Daten könnten klären, ob die kosmische Expansion von Dunkler Energie angetrieben wird oder ob wir uns an einem ungewöhnlichen Ort - im Zentrum einer riesigen Leere - aufhalten? Um das Vorhandensein eines Leerraums zu überprüfen, brauchen die Kosmologen ein Modell für das Verhalten von Raum, Zeit und Materie in dessen Nachbarschaft. Just solche ein Modell wurde schon 1933 von dem belgischen Priester und Physiker Georges Lemaitre formuliert, unabhängig ein Jahr später von dem amerikanischen Theoretiker Richard Tolman wiederentdeckt und nach dem zweiten Weltkrieg vom britischen Kosmologen Hermann Bondi weiterentwickelt. Die Expansionsraten ihres Modelluniversums hingen nicht nur von der Zeit ab, sondern auch vom Abstand von einem bestimmten Punkt - genau wie unsere Hypothese.
Schieben wir also die Dunkle Energie beiseite, so leben wir in einem ausgezeichneten Punkt. Nehmen wir nun aber einmal an, dass Dunkle Materie und Dunkle Energie doch existieren, dann ist im Gegensatz zum Kopernikanischen Prinzip unsere Existenz etwas ganz besonderes.
In der grafischen Masse-Bilanz des Universums nimmt die Dunkle Energie ca. 70 %, die Dunkle Materie etwa 25% und die baryonische Materie, aus der wir Menschen bestehen, nur 5 % ein. Unsere gesamte baryonische Welt ist sozusagen gerade einmal die Schaumkrone eines Ozeans, den wir als Universum kennen.
Exoplanetenforscher Jaymie Matthews von der kanadischen University of British Columbia fasst es wie folgt zusammen:
Noch vor drei Jahrzehnten glaubten wir, aus den elementaren Urbestandteilen des Universums hervorgegangen zu sein - wir waren gewissermaßen das Mehl im kosmischen Rezept. Heute scheinen wir eher irgendeine Zutat oder (wie ich gerne glauben würde) immerhin die Würze zu sein.[4]
[1] Spektrum der Wissenschaft 09/2009, Das Vermächtnis des Kopernikus, S. 67f.
[2] Der vermessene Kosmos, Wort+Wissen-Buch im hänssler Verlag, 2006, S. 124
[3] Spektrum der Wissenschaft 08/2009, Wozu Dunkle Energie?, S. 31
[4] Zitiert in Spektrum der Wissenschaft 09/2009, Das Vermächtnis des Kopernikus, S. 72

