Sonntag, Oktober 25, 2009

Gibt es eine Krise des Kopernikanischen Prinzips?

Motivation

Um die Eingangsfrage beantworten zu können, soll zunächst einmal die Motivation dargestellt werden, warum es überhaupt sinnvoll ist, sich diese Frage neu zu stellen.

Immer wieder wird dem wissenschaftlich interessiertem Publikum erläutert, dass der Mensch eigentlich weniger als ein Staubkorn in den unermesslichen Weiten des Universums sei. Anhand der großen Abmessungen, denen man das Universum zuschreibt, sowie den gewaltigen Kondensationsprozessen bei der Materieentstehung und -vernichtung, scheint es auch für jeden nachvollziehbar, ja zwingend, zu sein, dass die Bedeutung des irdischen Lebens ganz und gar irrelevant ist. Entstehung und Vergehen von Leben, wie wir es kennen, scheinen in der Tat sinnlose Produkte einer gigantischen Energieumwälzung zu sein. Und stets werden zur Untermauerung die neuesten Messungen auf astrophysikalischer und kosmologischer Basis herangezogen. Interpretationshoheit wird mittels der kopernikanischen Wende in der Wissenschaftsgeschichte beansprucht und argumentativ abgesichert. Doch gerade das resultierende Kopernikanische Prinzip im Zusammenwirken mit modernsten Modellen und Messreihen führen in eine Krise.


Kopernikanisches Prinzip

Mit Nikolaus Kopernikus wird gemeinhin der Erkenntnisweg der modernen Naturwissenschaft verknüpft, da dieser im 16. Jahrhundert die Vermutung und die dazugehörige Nachweismethode erörterte, dass die Erde nicht im Mittelpunkt des Universums stünde, sondern diese Rolle die Sonne einzunehmen hätte. Da die Sonne damals auch als ein allegorisches Bild für Gott Verwendung fand, wollte Kopernikus dies auch gar nicht als einen glaubensfeindlichen Akt ansehen, ganz im Gegenteil. Heutige Astronomie stellt klar, dass auch der Sonne nicht der Eigenschaft als Mittelpunkt des Universums zu gelten, zukommt. Wissenschaftshistorisch ist vielmehr festzuhalten, dass die Erde nur als ein Planet unter vielen zu gelten hat, die im Rahmen eines Sonnensystems an eine Zentralmasse gebunden sind. Solche Systeme sind auch keine Seltenheit, sondern treten in den unterschiedlichsten Gestalten in allen kosmologischen Entfernungen auf. Die oft vorgebrachte Relativität der betrachteten Systeme, also dass man aufgrund der Einsteinschen Theorie die Erde als Himmelkörper in der Tat als Mittelpunkt betrachten darf, reicht als Rettungsanker nicht aus, denn dies gilt auch gleichberechtigt für jeden anderen Himmelskörper. Auch mit Einsteins Theoriengebäude lässt sich die Erde nicht als Mittelpunkt des Universums betrachten, denn dieser Mittelpunkt müsste absolut gültig sein. Einsteins Theorie kann nur dahingehend gebraucht werden, dass sich jeder als Mittelpunkt des Universums betrachten darf, wenn er diese Betrachtungsweise auch jedem anderen gleichberechtigt zukommen lässt. Da sich nun jeder als Mittelpunkt sehen darf, kann es niemand für sich als absolut reklamieren!

Diese Erkenntnis wird gemeinhin in dem umfänglicherem Sinne formuliert, dass es im Universum keinen irgendwie ausgezeichneten Ort gibt: Das Universum ist homogen und isotrop!

Im Mittelalter wurde aber mit der angenommenen Zentralstellung der Erde keine bevorzugte Rangordnung verbunden. So schreibt Dennis R. Danielson in [1]:

Doch die Forscher erkennen immer klarer, dass Kopernikus und seine Anhänger die 'Verdrängung' der Erde aus dem Mittelpunkt des Universums keineswegs als Herabstufung empfanden. Nach Auffassung von Aristoteles, dessen physikalische Vorstellungen bis ins 17. Jahrhundert hinein das wissenschaftliche Weltbild bestimmten, ruhte die Erde allein deshalb bewegungslos im Mittelpunkt des Universums, weil sie von allen Elementen - Erde, Wasser, Luft und Feuer - das Schwerste war. Und das Zentrum des Universums war eben der Ort, wo sich die schweren Dinge sammelten. Dieser Umstand, und nicht der wie immer privilegierte Rang der Erde, bescherte uns letztlich eine zentrale Stellung im Weltall.



Der Planet des Lebens

Dennoch wird die Stellung des Planeten Erde gerne mit einem Rang verbunden. Dies aber in erster Linie von jenen Strömungen, die ohnehin jede menschliche Vorrangstellung aus dem philosophischen Denken verbannen möchte, gerade auch in Hinblick auf eine wie auch immer geartete göttliche Auserwählung. Solange der Standpunkt der Erde mit einem positiven Rang des Menschen verbunden ist, versucht man ihn herabzusetzen, um diesen Rang zu verringern. Aufgrund der gezeigten Erkenntnis, dass Stellung der Erde nicht mit dem Rang zu verwechseln ist, verlegt man die Herabsetzung auf die Bedeutung der Erde als Planet des Lebens.

Auch wenn hier die Resultate noch nicht so eindeutig sind, sieht man in den Weiten des Universums doch immer wieder Spektren von Molekülen, die auch als Lebensbausteine in der irdischen Lebensvielfalt anzutreffen sind. Ferner kennt man bereits sehr viele Exoplaneten. Jene Planeten, die um andere Sterne kreisen, als um unsere Sonne. Dabei sind diese Planeten auch wirklich exotisch zu nennen, denn sie haben ganz andere Eigenschaften, als jene Planeten in unserem Sonnensystem. Doch auch unser eigenes Sonnensystem zeigt deutlich auf, dass es Lebenswelten geben kann, die unter ganz anderen Bedingungen zustande kommen, als es bei unserem Heimatplaneten der Fall ist. Außerhalb der habitablen Zone unseres Sonnensystems - etwa zwischen Venus und Mars - finden sich höchstwahrscheinlich Ozeane und Meere gewöhnlichen Wassers unter einer dicken Eiskruste auf Monde des Jupiter und des Saturn. Nähere Untersuchungen müssen klären, ob es dort Leben gibt. Man könnte es aber in diesen Ozeanen ansiedeln. Selbst die oberflächlich unwirtlichen Bedingungen des Mars scheinen auszureichen, dass - wenn dort auch Leben nicht selbst entstanden sein sollte - Mikroben dorthin transportiert wurden, die sich in Nischen festsetzen und vermehren könnten. So schreiben Norbert Pailer und Alfred Krabbe [2]:

Aus heutiger Sicht bietet Mars die beste Aussicht, Lebensspuren jenseits der Erde zu finden. Allerdings sind Erde und Mars keine biologisch isolierten Systeme. Zwischen ihnen gibt es einen langen Austausch von Material in Form von Gesteinsbrocken ihrer Oberflächen, die aus Einschlagsvorgängen von Asteroiden und Kometen stammen. Mikrobiotische Organismen sind nun einmal in Steinen zu finden und zum anderen ist so eine Reise im interplanetaren Raum kein Problem. Damit würde sich Leben auf dem Mars nur als ein anderer Zweig des Lebens auf der Erde darstellen und wäre kein neuer Lebensstammbaum. Sollte es diese Überkreuz-Befruchtung der beiden Planeten gegeben haben, so ist für die naturwissenschaftliche Diskussion offen, wo es entstand. Mars wird dabei als favorisierter Platz gehandelt, da er wegen seiner Größe schneller abkühlte und das Leben früher starten konnte. Dazu kommt, dass durch die geringere Masse (kleinere gravitative Linse) das frühe Bombardement durch herumvagabundierende Brocken geringer ausfiel. Und am Ende wären wir doch alle Marsianer?!

Es ist bis heute Stand der Wissenschaft, dass bislang kein Himmelskörper gefunden werden konnte, der auch nur die Möglichkeit für komplexes Leben bieten würde bis hin zu intelligenten Spezies. Hier ist aber Vorsicht geboten. Diese einmalige lebenspriviligierte Stellung der Erde könnte nur ein Produkt unseres mangelnden Wissens sein, wie jener aristotelischen Begründung der Zentralstellung der Erde im Weltall. Um anderswo komplexes Leben finden zu können ist es zudem sinnvoll nicht die irdischen Verhältnisse und auch nicht die irdischen Lebensformen als alleinigen Maßstab einer exobiologischen Suche zu nehmen. Schon die Suche nach ET nötigt uns also eine andere Sichtweise auf unsere eigene Stellung im Universum ab. Vielleicht ist das der Grund, warum einige Zeitgenossen gerne diese Suche im Keim ersticken wollen und jede Forschungsmission, die hier erfolgreich sein könnte, infrage stellen.


Dunkles Universum und das Kopernikanische Prinzip

Diese für das Selbstverständnis des Menschen sicherlich pessimistische Sichtweise wird aber mit Resultaten aus der Astronomie konfrontiert, die sie in eine Krise stürzen. Zunächst findet man in den Bewegungen von Galaxien, dass die dort sichtbare Masse nicht ausreicht, um diese nach den bekannten Gravitationsgesetzen zu erklären. Aus diesem Anlass heraus postuliert man die Dunkle Materie. Diese Materieform ist nicht mit jener der Dunkelmaterie zu verwechseln, also leuchtschwache normale Materie, Gase, Staubwolken etc. Die Dunkle Materie müsste aus einem exotischen Aufbau bestehen, der nicht dem unserer baryonischen Materie entspricht, aus der wir Menschen, Planeten und Sterne bestehen. Aus den immer genaueren Messungen ergibt sich, dass es ca. sechs Mal soviel Dunkle Materie wie baryonische Materie geben müsste. Ihr direkter Nachweis gestaltet sich hingegen sehr schwierig. Eventuell kann das LHC in Genf hier Abhilfe schaffen, sobald die Experimente erfolgreich anlaufen. Das Problem der dunklen Materie besteht vollkommen unabhängig von der Frage, ob die Urknalltheorie korrekt ist oder nicht. Selbst bislang vorgeschlagene Änderungen der Gravitationsgesetze konnten nicht alle Effekte, die auf Dunkle Materie schließen lassen, erklären. Ein weiteres Problem zeigt sich, wenn man unter Zugrundelegung der Urknalltheorie die Expansionsrate des Universums misst. Dabei fiel auf, dass am Rande des sichtbaren Universums die Expansionsgeschwindigkeit zunimmt, anstatt abzunehmen, wie man noch vor 20 Jahren dachte. Um dieses bestätigte Phänomen der zunehmenden Galaxienflucht zu erklären, postuliert man zusätzlich die Dunkle Energie. Die postulierte Dunkle Energie kann man dadurch ersetzen, in dem man das Kopernikanische Prinzip verlässt. Dazu schreiben die Begründer einer alternativen Deutung Timothy Clifton und Pedro G. Ferreira [3]:

Welche empirischen Daten könnten klären, ob die kosmische Expansion von Dunkler Energie angetrieben wird oder ob wir uns an einem ungewöhnlichen Ort - im Zentrum einer riesigen Leere - aufhalten? Um das Vorhandensein eines Leerraums zu überprüfen, brauchen die Kosmologen ein Modell für das Verhalten von Raum, Zeit und Materie in dessen Nachbarschaft. Just solche ein Modell wurde schon 1933 von dem belgischen Priester und Physiker Georges Lemaitre formuliert, unabhängig ein Jahr später von dem amerikanischen Theoretiker Richard Tolman wiederentdeckt und nach dem zweiten Weltkrieg vom britischen Kosmologen Hermann Bondi weiterentwickelt. Die Expansionsraten ihres Modelluniversums hingen nicht nur von der Zeit ab, sondern auch vom Abstand von einem bestimmten Punkt - genau wie unsere Hypothese.

Schieben wir also die Dunkle Energie beiseite, so leben wir in einem ausgezeichneten Punkt. Nehmen wir nun aber einmal an, dass Dunkle Materie und Dunkle Energie doch existieren, dann ist im Gegensatz zum Kopernikanischen Prinzip unsere Existenz etwas ganz besonderes.

In der grafischen Masse-Bilanz des Universums nimmt die Dunkle Energie ca. 70 %, die Dunkle Materie etwa 25% und die baryonische Materie, aus der wir Menschen bestehen, nur 5 % ein. Unsere gesamte baryonische Welt ist sozusagen gerade einmal die Schaumkrone eines Ozeans, den wir als Universum kennen.

Exoplanetenforscher Jaymie Matthews von der kanadischen University of British Columbia fasst es wie folgt zusammen:

Noch vor drei Jahrzehnten glaubten wir, aus den elementaren Urbestandteilen des Universums hervorgegangen zu sein - wir waren gewissermaßen das Mehl im kosmischen Rezept. Heute scheinen wir eher irgendeine Zutat oder (wie ich gerne glauben würde) immerhin die Würze zu sein.[4]

Quellen:

[1] Spektrum der Wissenschaft 09/2009, Das Vermächtnis des Kopernikus, S. 67f.

[2] Der vermessene Kosmos, Wort+Wissen-Buch im hänssler Verlag, 2006, S. 124

[3] Spektrum der Wissenschaft 08/2009, Wozu Dunkle Energie?, S. 31

[4] Zitiert in Spektrum der Wissenschaft 09/2009, Das Vermächtnis des Kopernikus, S. 72

Donnerstag, Juli 30, 2009

Design-type thinking: Warum Menschen die Arme schwenken...

...wenn sie gehen: Dazu gibt es zwei Erklärungen. Die eine klingt plausibel und kann bequem am Schreibtisch erstellt werden. Sie besagt, dass das Schwingen der Arme ein Überbleibsel aus der Evolutionsgeschichte ist, als unsere Vorfahren noch auf allen Vieren ging.

Die andere Erklärung wurde von einem Ingenieur erstellt, der daran arbeitet, gehfähige Maschinen zu konstruieren. Er kam dahinter, dass die mit schwingenden Armen irgendwie besser funktionieren. Dies inspirierte Versuche am Menschen, bei denen sich zeigte, dass das Schwingen der Arme - obwohl es eine geringe Belastung der Armmuskulatur bedeutet - die Stabilisierung des Körpers erleichtert und dadurch eine bedeutende Menge Energie spart. Der Ingenieur wird wie folgt zitiert (Cosmos Online, Lisa Merolla):

"Damit ist die Theorie, dass das Schwingen der Arme ein rudimentäres Relikt unserer sich vierfüßig fortbewegenden Vorfahren ist, überholt" sagt Steve Collins, ein Ingenieur für Biomechanik an der Universität Michigan in den USA. "Stattdessen ist das Schwingen der Arme sinnvoller Bestandteil eines ökonomischen Gangs auf zwei Beinen."

Wenn Sinn und Zweck an einer Stelle gefunden wird, wo bisher eine Erklärung stand, die eigentlich erspart hätte, danach zu suchen, lacht das Herz des Ingenieurs (= Spezies mit notorisch teleologischer Denkweise). Vom Schreibtisch aus kann man natürlich immer noch entgegnen, dass das Schwingen der Arme trotzdem evolutionsgeschichtlich zu erklären sei und eben beim Menschen noch eine Funktion übernommen habe. Für die Praxis der biologischen Forschung sind solche Erklärungen freilich mehr wie des Reserverad im Auto oder die Verzierung am Kuchen: Nett wenn man sie hat, aber man kommt grundsätzlich auch ohne aus. Was man dagegen wirklich braucht wurde von Michael Ruse einmal so erklärt:

„Wir behandeln Organismen – zumindest ihre Bestandteile – als wären sie fabriziert, als wären sie designed und anschließend versuchen wir ihre Funktionsweise herauszufinden. Zielbezogenes Denken – teleologisches Denken – ist in der Biologie nur angemessen, weil, und wirklich nur weil, Organismen aussehen, als wären sie fabriziert, als wären sie von einer Intelligenz entworfen und in Tätigkeit gesetzt worden.“ ("Darwin and Design. Does Evolution have a purpose? Harvard University Press, p268)

Evolutionstheoretische Überlegungen haben als Kinder einer a-teleologischen Denkweise traditionell Schwierigkeiten hier mitzuhalten ("Zu den Segnungen der Evolutionsbiologie"). Darum darf man dann nur so forschen "als ob" ein rationales Design dahinter stecken würde, "als ob" z.B. der aufrechte Gang ein intelligentes Design repräsentiert.

Montag, Juli 06, 2009

Diskussionsforum

Das neue Studium Integrale Journal kann nun erworben werden. In diesem Thread möchte ich gerne meinen Artikel "Ursachen fossiler Muster. Vergleich von phylogenetischer und ökologischer Deutung am Beispiel des Komplexitätsgewinns der Krebstiere (Crustacea)" zur Diskussion stellen. Ich würde mich sehr freuen, wenn dazu konstruktive Anfragen kämen. Zwei bitten jedoch:
  • Lest den Artikel bitte auch wirklich zuerst. Ich bin nicht bereit, mir Mühe für recherchierte Antworten zu machen, wenn der Fragesteller nichtmal bereit ist, das zu lesen, was er kritisiert. So ein Studium Integrale Journal wird man sich doch zumindest einmal leisten können, oder?
  • Bitte keine allgemeinen Anfragen zu Sintflut und anderen Themen, die ich nicht behandelt habe oder höchstens am Rande wo gestreift habe. Ich mag's nicht, wenn's immer so schnell off topic wird. Ich würde gerne mal sehr konkrete Punkte diskutieren. Versucht den Artikel doch einfach auf der Grundlage dessen was ich schreibe zu kritisieren - so, als käme er nicht von mir, sondern von einem "Normalen". Danke.

Sonntag, Juni 28, 2009

Evolutionspsychologie kritisch gesehen

Evolutionspsychologische Erklärungen für menschliche Verhaltensweisen sind in populären Medien stark angesagt (siehe z.B. für Untreue und Treue). Sie klingen immer irgendwie plausibel und können wohl auch nützlich sein, wenn man eigene Verhaltensweisen erklären/entschuldigen will. Die Kritik an der Evolutionspsychologie beschränkt sich allerdings nicht auf die Einsprüche notorischer Evolutionskritiker, sondern kommt auch von 'innen' (siehe z.B. hier "Evolution of the Mind: 4 Fallacies of Psychology"). Der neueste diesbezügliche Beitrag, in dem viele populäre Behauptungen der Evolutionspsychologen als wissenschaftlich zweifelhaft aufgezeigt werden, stammt von der Wissenschaftsjournalistin Sharon Begley in Newsweek ("Why do we Rape, Kill and Sleep Around?"):

"Trotzdem bleibt die Evolutionspsychologie in den Medien und auf dem Universitäts-Campus sehr populär; die Gründe sind offensichtlich. Sie beschäftigt sich mit "diesen sehr sexy Themen," sagt Hill*. "Alles dreht sich um Sex und Gewalt," und hat, wie er es nennt, eine "Obsession mit just-so stories aus dem Pleistozän". Nur wenige Leute - wenige Wissenschafter - kennen die empirischen Daten und theoretischen Argumente die sie unterspülen. "Die meisten Wissenschafter sind zu beschäftigt um Studien außerhalb ihres eigenen spezialisierten Forschungsgebietes zu lesen," sagt Hill."



*Kim Hill, Anthropologe.

Freitag, Juni 19, 2009

Spuren aus dem Präkambrium

Markus Rammerstorfer hatte auf diesem Blog vor einiger Zeit auf neue Belge für die Hypothese einzelliger Verursacher präkambrischer Spuren hingewiesen. Theresa HALLER (2009) führte das im Studium Integrale Journal ausführlicher aus. Darauf Bezug nehmend wies ich (HEILIG 2009a) auf einen vor kurzem bekannt gewordenen Fund hin. Diesen Beitrag stelle ich nun online:

Wissenschaftliche Erkenntnis ist immer vorläufig und kann durch neue Ergebnisse schnell hinfällig werden. Dies gilt in besonderer Weise für spekulative Hypothesen der historischen Wissenschaften. Möglicherweise bahnt sich das bereits für Aussagen an, die sich auf Schlussfolgerungen beziehen, über die Theresa HALLER (2009) im vorangehenden Beitrag berichtet. MATZ et al. (2008) hatten eine neue Deutungsmöglichkeit für präkambrische Spurenfossilien vorgestellt, die bisher als wichtiges Argument für die Existenz komplexer Zweiseitentiere (Bilateria) vor dem Kambrium gewertet wurden und belegen sollten, dass die „Kambrische Explosion“ gar nicht so explosiv gewesen müsse. Die Autoren beobachteten, dass riesige Einzeller auf dem Boden heutiger Meere Spuren hinterlassen können, welche in ihrer rinnenartigen Form an die besagten Fossilien aus dem Präkambrium erinnern. Mikhail Matz meinte auf der Grundlage dieser Ergebnisse: „Ich persönlich denke nun, dass das gesamte Präkambrium möglicherweise ausschließlich von Protisten beherrscht wurde.“ (Zitiert bei ANONYMUS 2008a)
Eine weitreichende Spekulation! Sie könnte sich nun jedoch als falsch herauszustellen: Ein Fund von Loren Babcock, dem ein Alter von 570 Millionen Jahren zugeschrieben wird, weist Spuren auf, die aussehen, als seien sie von einem mehrfüßigen Tier erzeugt worden. Damit verlegt der Fund die Existenz lauffähiger Meerestiere um gut 30 Millionen Jahre nach gängiger Datierung zurück, hinein ins Ediacarium. Die Entdecker mutmaßen, bei diesem Tier könne es sich um einen mit Beinen ausgestatteten Wurm, einen Hundertfüßer oder einen Doppelfüßer gehandelt haben (DAILY MAIL REPORTER 2008). Wobei hier kritisch anzumerken ist, dass die Doppelfüßer auf dem Land leben und ihre vielen Gliedmaßen kaum geeignet erscheinen, um ein solches Muster regelmäßiger und recht weit voneinander getrennter Punkte zu produzieren, wie Matz in persönlicher Kommunikation betont. Er würde auf einen Lobopoden wie Hallucigenia tippen. Doch auch für einen solchen Verursacher seien die Spuren ungewöhnlich regelmäßig und rund.

Matz selbst, der den Fund mir gegenüber als „fantastisch“ bezeichnete, meinte: Sollte sich Babcocks Deutung eines biologischen Ursprungs des Fossils und dessen Datierung bestätigen lassen, so würde dies tatsächlich sein eigenes – wohlweislich nicht in die Originalpublikation aufgenommenes – Statement zur präkambrischen Fauna (s.o.) widerlegen. Die wissenschaftsinterne Diskussion wird zeigen, wie belastbar der Fund ist. Auch Babcock erwartet angesichts des spektakulären Charakters des Fundes Skepsis von Kollegen und hält diese auch für angebracht, ist sich jedoch „ziemlich sicher – aber nicht zu 100%“, dass das Fossil von einem hundertfüßerartigen Arthropoden oder einem Wurm mit Beinen verursacht wurde (ANONYMUS 2008b). Der Fund eines entsprechenden Körperfossils könnte mehr Licht ins Dunkel bringen.
Bisher wurde lediglich ein Poster vorgestellt, dem jedoch schon einige technischen Details über das Fossil zu entnehmen sind (AHN et al. 2008). Eine Publikation in der Fachliteratur steht noch aus.
In Studium Integrale Journal werden zum einen Versuche, Evolutionsabläufe mit Plausibilität auszustatten, kritisch hinterfragt. Dazu zählt auch die Bewertung von Argumenten, mit denen die im Rahmen des Evolutionsparadigmas angenommene plötzliche Entstehung der Tierstämme entschärft werden soll. Zum anderen sollen aber auch Alternative entwickelt werden. Geht man nicht von einer evolutiven, sondern von einer ökologischen Ursache für die Fossilabfolge für höhere Organismengruppen aus (STEPHAN 2002; HEILIG 2009), dann vertritt man selbst (wie die kritisierten Evolutions-Vertreter) eine Existenz der Tiergruppen bereits vor ihrer fossilien Überlieferung. Im ökologischen Interpretationsrahmen ist das vereinzelte Auftreten von Spur- (oder auch Körper-)fossilien vor der eigentlichen Radiation der Tiergruppe durchaus zu erwarten, auch wenn dies die evolutionskritische Argumentation schwächt.


AHN SY, BABCOCK LE, REES MN & HOLLINGSWORTH JS (2008) Body and Trace Fossils from the Deep Spring Formation (Ediacaran), Western Nevada. Geological Society of America (Abstracts with Programs) 40, 143.

ANONYMUS (2008a) Discovery provides new perspective on animal evolution. Science Centric, Newsmeldung vom 5. Dezember: http://www.sciencecentric.com/news/article.php?q=08120530-discovery-provides-new-perspective-on-animal-evolution. Letzter Zugriff: 03.02.2009.

ANONYMUS (2008b) 570 Million Year Old Tracks In Nevada Are Earliest Animal Footprints Ever Found. Scientifblogging, Meldung vom 05. Oktober: http://www.scientificblogging.com/news_releases/570_million_year_old_tracks_in_nevada_are_earliest_animal_footprints_ever_found. Letzter Zugriff: 03.02.2009.

DAILY MAIL REPORTER (2008) Earliest animal footprints ever show creatures walked the earth 570 million years ago. Daily Mail, Meldung vom 07. Oktober: http://www.dailymail.co.uk/sciencetech/article-1069605/Earliest-animal-footprints-creatures-walked-Earth-570million-years-ago.html. Letzter Zugriff: 03.02:2009.

HALLER T (2009) "Trauben" im Präkambrium? Stud. Int. J. 16, 58-59.

HEILIG C (2009a) Eine heiße Spur? Stud. Int. J. 16, 59-60.

HEILIG C (2009b) Ursachen fossiler Muster. Vergleich von phylogenetischer und ökologischer Deutung am Beispiel des Komplexitätsgewinns der Krebstiere (Crustacea). Stud. Int. J. 16, 22-35.

MATZ MV, FRANK TM & JUSTIN (2008) Giant Deep-Sea Protist Produces Bilaterian-like Traces. Current Biology 18, 1-6.

STEPHAN M (2002) Der Mensch und die geologische Zeittafel. Warum kommen Menschenfossilien nur in den obersten geologischen Schichten vor? Holzgerlingen.

Freitag, Mai 22, 2009

DSDM - Deutschland sucht den Medienstar...

... und er kommt aus der Nähe von Darmstadt und heißt "Ida". Näheres zur Person zu lesen gibt es bei Franzen et al. (2009)... oder einem beliebigen Boulevardblatt. Selbst Martin Neukamm von der AG Evolutionsbiologie meint, der "Sensationsfund" hätte "umwälzenden Folgen für unser Weltbild". Zweifellos haben wir es hier mit einem wunderbar erhaltenen Fossil zu tun, das viel Diskussionsstoff liefern wird. Es irritiert mich jedoch ein wenig, schon im Vorfeld dieser Debatten eine erstaunliche Medienkampagne wahrzunehmen. Nur deswegen habe ich mich auch entschlossen, schnell einen kurzen Blogeintrag zu schreiben, obwohl ich gerade eigentlich kaum Zeit habe. Erste kritische Anmerkungen zum "achten Weltwunder" gibt es etwa hier, hier und hier.




Franzen, J.L. et al. (2009) Complete Primate Skeleton from the Middle Eocene of Messel in Germany: Morphology and Paleobiology. PLoS ONE 4, e5723.