In einem Newseintrag der AG Evolutionsbiologie (21.01.2008) wurde beklagt, dass evolutionskritischen Einwänden häufig keine einfachen Antworten mehr entgegengehalten werden können. Doch glücklicherweise konnte man ankündigen: "Der Weltanschauungsbeauftragte der ev. Landeskirche Württemberg H. Hemminger entlarvt die Absurdität evolutionskritischer Argumentationsstrukturen mithilfe einer stringenten wie verblüffend einfachen Allegorie." Es lohnt sich, den Beitrag "Entsteht unser Wetter zufällig, oder kommt es von Gott?" zu lesen (hier) und zu überlegen, ob zugunsten einer "einfachen Antwort" nicht kritische Aspekte ausgelassen wurden. Vereinfachen ohne zu simplifizieren ist bekanntermaßen die hohe Kunst. Meine Überlegungen hier beziehen sich auf ID. Hemmingers spezifische Anspielungen auf kreationistische Argumentationen lasse ich weg, auch da ich nicht sehe, wo der Witz liegt, wenn man zeigt, dass eine fiktive absurde Exegese zu fiktiven absurden Konsequenzen führt.
1) Meteorologische Wissenschaft macht Wettergötter nicht arbeitslos Wetterereignisse allgemein sind heute wissenschaftlich sehr gut erklärbar und vorhersagbar. Dennoch gibt es unzweifelhaft Wetterereignisse, die mit einer Intelligenz in Zusammenhang stehen. Atheistische Wettergötter üben bekanntermaßen Wetterkontrolle aus und lassen es je nach Plan regnen oder nicht. Sie erhören zwar keine Gebete und erfreuen sich nicht an Regentänzen, aber ihre Intelligenz erlaubt es ihnen Einfluss auf lokale Wetterereignisse zu nehmen. Ihre Mittel sind Raketen, Flugabwehrkanonen und Silber-Jodid. In einem Pressetext wurde berichtet (Eckelsberger 2007):
"Während sich andere Veranstalter damit zufrieden geben, auf schönes Wetter zu hoffen, überlassen die Gastgeber der Olympischen Spiele 2008 in Peking nichts dem Zufall. Am Tag des Eröffnungsfestes werden Mitarbeiter des chinesischen Weather Modification Program für wolkenlosen Himmel über der Stadt sorgen. Wurde künstlicher Regen früher eingesetzt, um Dürre zu verhindern und die Ernte zu verbessern, wird die Technologie in China heute auch im Kampf gegen Waldbrände, Sandstürme oder schlicht unpassendes Wetter verwendet."
Derartige Wundertaten sind von der Wissenschaft Meteorologie nicht vorherzusagen. Wenn eine Wolke, die zwar genügend H2O gespeichert, aber keine Tropfen bilden kann, von einer mit Silber-Jodid beladenen Rakete getroffen wird und daraufhin abregnet, ist das ein einmaliges Ereignis, welches über ihren Horizont hinausgeht. Meteorologie schließt intelligentes Eingreifen bei Wetterereignissen methodisch aus, kann aber das nötige Hintergrundwissen über Wetterprozesse liefern um Design erkennen zu können. Wenn wir z.B. Wolken in bestimmten Farben oder Formen sehen, vermuten wir aus Erfahrung begründet, dass diese wahrscheinlich von einem Kunstflieger in den Himmel gesprüht wurden. Dieser Vermutung wird dann von Hintergrundwissen über natürliche Wetterabläufe bestätigt (oder auch nicht).
Hemmingers allegorische Konstruktion verliert dadurch einiges an Witz, da sich offensichtlich sogar bei Wetterphänomenen die Frage nach Planung stellt, unabhängig von der Kraft meteorologischer Wissenschaft. Dass es Menschen sind, die Wetterphänomene absichtsvoll hervorrufen können nimmt nur ideologische Brisanz, aber trifft Hemmingers Ausführungen trotzdem. Denn inhaltlich basiert Hemmingers Argumentation darauf, einen offensichtlich scheinenden teleologischen Fehlschluss anzuführen. Der ganze Witz (und Inhalt) einer solchen Argumentation ist es, dabei ein Beispiel zu wählen, welches teleologische Schlüsse besonders absurd erscheinen lässt (in diesem Fall das Wettersystem) - dank der "atheistischen Wettergötter" wird dieser Absudität die Spitze genommen. Aber selbst wenn intelligentes Design bei Wetterereignissen nicht bekannt wäre, hätte Hemminger kein wirkliches Argument: Denn nur weil einzelne teleologische Schlüsse widerlegt sind, bedeutet das nicht, dass alle teleologischen Schlüsse falsch oder oberflächlich sind (dazu weiter unten). Genausowenig bedeutet die Widerlegung einzelner naturwissenschaftlicher Konzepte keineswegs, dass alle unzutreffend oder pauschal zweifelhaft sind.
Problem: Die Übertragung auf Wetterereignisse bietet grundsätzlich kein sicheres Refugium vor der Frage nach Planung.
2) Der Trick mit der Epi-Teleologie Hemminger baut in seiner Kritik von ID auf eine Strategie, die ich "Tanz mit der Epi-Teleologie" nenne. Wie in 1) bereits gezeigt, wäre es absurd vom Versagen einzelner teleologischer Schlüsse auf das Versagen oder die Minderwertigkeit aller teleologischen Schlüsse zu schließen. Hemminger bringt z.B. folgendes Beispiel:
"Und unstreitig habe das Wetter in vielen Fallen eine spezifische Funktion, für die Natur ebenso wie für das menschliche Leben. Als der junge Martin Luther in freiem Feld von einem Gewitter überrascht wurde, änderte dieses Wetterereignis sein ganzes Leben. Er gab das Studium des Rechts auf und wurde Mönch. In einem solchen Fall, so sagt die PW, ist eine Absicht oder Planung logisch notwendig, um das Wetterereignis zu erklären."
Wie ich schon öfter (Rammerstorfer 2006, p.33-41) eingeräumt habe, ist es möglich beliebig eine Art "übergeordnete Zielgerichtetheit" zu postulieren - immer und überall (selbiges funktioniert übrigens mit Dysteleologie...). Wenn irgendetwas geschieht das zum persönlichen Nutzen oder auch Nachteil gereicht, kann man z.B. immer Absichten oder Pläne dahinter postulieren. Oder ein Beispiel aus der Biologie: Ist der Schnabel des Finken für das Picken bestimmter Körner "gerichtet", oder frisst er sie nur deshalb, weil sein Schnabel dafür zufällig gerade gut geeignet ist? Schwer zu entscheiden? "Epi-Teleologie" zeichnet sich dadurch aus, dass sie eine bloße Zuschreibung ist. Lässt man sie weg, ist nichts verloren. Sie ist völlig austauschbar und trägt nichts zum Verständnis einer Sache bei. Wenn man nun auf Basis einer solchen "Epi-Teleologie" - mithin beliebig austauschbarer teleologischer Zuschreibungen - auf Planung schließt, ist das nicht überzeugend oder sogar völlig unsinnig. Hans-Dieter Mutschler (2002, p.74) schreibt dazu passend:
"Wenn Teleologie nur im Akt der Zuschreibung bestünde, müssten wir imstande sein 1) alles, auch z.B. das Sonnensystem oder eine Molekülkonfiguration, teleologisch zu beschreiben, was in Phantastereien ausarten würde und wir müssten 2) imstande sein, alle Artefakte hinreichend zu begreifen indem wir von den in sie eingebauten Zwecken absehen, was noch nicht einmal bei einer Beißzange möglich ist."
Das ist der kritische Punkt: Nur weil es absurde (epi-) teleologische Zuschreibungen gibt, bedeutet das noch nicht, dass man immer und überall auf Teleologie verzichten kann (Details und Dokumentation: Rammerstorfer 2006). Ganz speziell trifft das auf Lebewesen zu, dazu nur ein Zitat aus dem Nachschlagewerk "Herder" (Vollmer 1994):
"In der Biologie ist das Problem komplizierter. Keine Naturbeobachtung, und erst recht keine Wissenschaft vom Leben, ist vollständig, die nicht auch die unverkennbare Zweckmäßigkeit organismischer Systeme beschreibend und erklärend in ihre Überlegungen einbezieht. (...) Tatsächlich stellt sich auch die moderne Biologie – im Gegensatz zur Physik – noch regelmäßig und mit Erfolg die Frage „Wozu?“ und sucht sie zu beantworten."
Teleologische Denkweisen und Ansätze haben sich in der Physik (und damit natürlich auch in der Meteorologie als deren Teilgebiet) als verzichtbar oder unsinnig herausgestellt, in der Biologie aber "ist das Problem komplizierter". Man hat es also nicht mit "billiger" Epi-Teleologie zu tun, sonst gäbe es kein solches Problem. Natürlich wird (auch im "Herder") betont, dass die Teleologie nur eine scheinbare sei - nur eine Kurzfassung kausaler Formulierungen. Es handle sich um Teleologie ohne Telos, Zweckmäßigkeit ohne Zweck "und erst recht ohne Zwecksetzer". Diese Statements werden allerdings auf Basis evolutionärer Ansätze getätigt, also einer speziellen Erklärung (- die sich natürlich auch kritisieren lässt und der nicht immer zugestimmt wird.) Für Epi-Teleologie benötigt man keine spezielle Erklärung, sondern nur den Verzicht auf eine Zuschreibung. All das fällt bei Hemminger komplett unter den Tisch und damit werden die eigentlichen kritischen Fragen umgangen: Ist der teleologische Anschein bei Organismen tatsächlich nur Illusion? Liefern Evolutionstheorien eine hinreichende Begründung ihn als Illusion einzustufen?
Problem: Die Übertragung auf Wetterereignisse begünstigt eine Karikatur teleologischer Ansätze als "Epi-Teleologie" unter Umgehung wesentlicher Fragen.
3) Gegenwart und Vergangenheit In Punkt 1) hat sich gezeigt, dass sich die Frage nach Planung grundsätzlich auch bei Wettereignissen stellen kann. Die Meteorologie sucht nach Gesetzmäßigkeiten im Wettergeschehen (was Vorhersagen möglich macht) stellt aber nicht die Frage nach Planung, wenngleich sie für eine Beantwortung dieser Frage nötiges Wissen über Naturabläufe liefert. Bei Hemminger liest es sich hingegen so, als gäbe es einen notwendigen Konflikt zwischen der (erfolgreichen) Wissenschaft der Meteorologie und der Frage nach Planung, bzw. als würden Spekulationen über Design einfach in den (natürlich schrumpfenden) Wissenslücken der Meteorologie nisten. Natürlich kann man Blitze auf eine Absicht zurückführen, man kann Organismen irgendwelche mysteriösen Kräfte zuschreiben und diese in den Erklärungslücken der Biologie ansiedeln, auch kann man unverstandene Zustände eines Computers mit dem "Gespenst in der Maschine" erklären. Es gibt vermutlich keine absurde These teleologischer oder auch a-teleologischer Herkunft, die nicht ihre Vertreter hat. Üblicherweise stellt sich jedoch die Frage nach Design nicht, wenn es darum geht Lücken in der Naturwissenschaft zu schließen (Biologie, Meteorologie) oder das Verhalten von auf physikalisch-chemischen Gesetzen basierenden Gerätschaften zu erklären (Computer). Die Frage nach Design ist meist in den historischen Wissenschaften beheimatet, also dort wo man nicht gezwungen ist eine bestimmte (naturgesetzliche) Erklärung für bestimmte Ereignisse und Sachverhalte zu finden sondern eine angemessene Ursprungserklärung (die jedoch eine naturgesetzliche sein kann). Carol Cleland (2001, 2002) hat gezeigt, dass historische Wissenschaft die Evidenz rund um ein bestimmtes Ereignis untersucht. Daraufhin werden verschiedene Szenarios entwickelt, welche die Ursachen des jeweiligen Ereignisses erklären sollen. Danach wird die nach gegenwärtigem Wissenstand beste Erklärung gewählt. Optimalerweise geschieht dies durch Entdeckung einer "smoking gun", also Spuren die eine klare Entscheidung zwischen den verschieden denkbaren Szenarios herbeiführen. Naturgesetze sind dabei relevant, aber nicht unbedingt eine hinreichende Erklärung. Wenn es darum geht, die Herkunft eines spezifischen Wetterphänomens zu klären ist eine genaue Kenntnis meteorologischer Zusammenhänge wichtig. Sie bietet sozusagen den "Rahmen". Das Event an sich kann jedoch auf nicht reproduzierbare Faktoren zurückgehen, inklusive der Absicht eines (menschlichen) Designers.
Der Meteorologe als Meteorologe würde an einer Silber-Jodid-Ladung verzweifeln, die seine Regenwolke trifft. Auch die absolute Kenntnis aller für sein Fachgebiet relevanter Gesetze und die darauf basierenden bestmöglichen Modelle könnten das unmotiviert scheinende Abregnen der Wolke nicht vorhersagen. Aber der Meteorologe als Geschichtswissenschaftler wird sein Hintergrundwissen als Meteorologe nutzen um zwischen verschiedenen Denkmöglichkeiten für das Event zu entscheiden. So hat er zumindest eine Chance zu entdecken, dass das spezielle Event von einer Intelligenz hervorgerufen wurde. Und falls er es entdeckt, hat er danach trotzdem keine Probleme meteorologische Wissenschaft zu betreiben. Denn als Meteorologe kümmert ihn die Frage nach ID nicht; nur als Geschichtswissenschaftler stellt es ein denkmögliches Szenario dar.
Problem: Die Übertragung auf die Meteorologie als Gegenwartswissenschaft ist dem Charakter der Fragestellung nach Planung nicht angemessen.
Fazit
Hemmingers Allegorie hat einen gewissen Wert als anregende Polemik. Doch Hemmingers Anspruch ist weit höher und er behauptet:
"Die skizzierten Positionen, die natürlich fiktiv sind, entsprechen bis in die Details der Begründung hinein denen, die von Kreationisten und Vertretern eines intelligenten Designs vorgetragen werden."
Hemminger scheitert an diesem Anspruch. Es gelingt ihm nach meiner begründeten Einschätzung nach nicht, einen komplexen Diskurs in eine einfache Allegorie zu übersetzen. Vielmehr gehen bei der Übersetzung entscheidende Merkmale verloren. Interessanterweise immer genau nach einem Muster, welches Intelligent Design-Vertretern und Kreationisten zum Nachteil gereicht. Deshalb liegt nahe, dass Hemmingers Beitrag nicht als sachlich erhellender Beitrag mit guter allgemeiner Verständlichkeit in die Annalen der Ursprungsdebatte eingehen wird, sondern eher Personengruppen bedient, die sich in einem Kulturkampf sehen.
Literatur:
Cleland, Carol E. (2001): "Historical science, experimental science, and the scientific method" Geology, v.29; no.11: 987-990
Cleland, Carol E. (2002): "Methodological and Epistemic Differences between Historical Science and Experimental Science" Philosophy of Science, 69: 474-496
Eckelsberger, G (2007): "Wetterkontrolle: Klarer Himmel für Olympia 2008" pressetext.austria URL: http://www.pressetext.de/pte.mc?pte=070716032
Hemminger, H. (2007): "Entsteht unser Wetter zufällig, oder kommt es von Gott?" In: Hemminger, H. (2007) "Mit der Bibel gegen die Evolution" S. 68-70. EZW-Text 195, Berlin; Abrufbar unter: http://www.evolutionsbiologen.de/atheistische_wetterlehre.html
Mutschler, H.-D. (2002): "Naturphilosophie" Grundkurs Philosophie, Band 12; Kohlhammer, Stuttgart
Rammerstorfer, M. (2006): "Nur eine Illusion? Biologie und Design" Tectum, Marburg
Vollmer, Gerhard (1994): "Teleologie-Teleonomie" Herder-Lexikon der Biologie