Am 22. November 1859 wurde das epochemachende Werk, gedruckt mit einer Auflage von nur 1250 Exemplaren, den einzelnen Buchhändlern beim Herbstverkauf in Murrays Verlagshaus angeboten und war sofort ausverkauft. Wie die Darwin'sche Theorie über die Jahrzehnte von der Biologie rezipiert wurde und welchen Stellenwert sie heute noch dort hat, ist jedem bekannt.
Aber was geschah in der Gesellschaft an jenem Tag, als Darwins Schrift veröffentlicht wurde? Konnte seine Botschaft all die Jahrzehnte lang überdauern, ohne verfälscht zu werden? Mit diesen Fragen beschäftigt sich der Mitherausgeber der FAZ, Frank Schirrmacher, in einer Kolumne2 auf der Titelseite der o. g. Ausgabe, die den Namen „Um einen Darwin von innen bittend“ trägt, wobei der Autor eine durchaus originelle Interpretation von Darwins Botschaft liefert.
Mehrmals in der langjährigen Geschichte sei die Evolutionstheorie falsch gedeutet worden:
Schirrmacher schreibt, dass Darwins These, „die zunächst eine beschreibende Theorie war, […] fatal“ zu sein begann, „als sie Anwendung wurde“. Gemeint ist damit nicht die Anwendung im biologischen, sondern im gesellschaftlichen Bereich: der Sozialdarwinismus, den wir u. a. als „Rechtfertigungsideologie nationalsozialistischer Rassenpolitik“ wiederfinden, eine äußere Wirkung also. Doch auch der innere Bereich der Gesellschaft, die Art und Weise, wie der Mensch denkt, wurde durch sie geprägt: Sie führte „den Menschen die unendlichen Zeiträume vor Augen“, die von der Natur benötigt werden, „um […] Lebewesen an veränderte Umwelten anzupassen“. Man beachte die Personifizierung der Natur; solche und ähnliche Aussagen finden wir häufig in Texten, die versuchen, in der Evolution stattfindende Vorgänge zu beschreiben: Der eigenwillig handelnden Natur wird Kreativität und Fürsorglichkeit zugeschrieben.
Ein sachlicher Fehler unterläuft Schirrmacher als er vorgibt, dass „seit Darwin“ jedes Kind lernt, „dass die Triebwerke der Evolution zufällige Mutation und zielgerichtete Selektion sind“. Er ließ den Sachverhalt außer Acht, dass Mutation erst im 20. Jahrhundert mit der Ausarbeitung der Synthetischen Evolutionstheorie ihren Einzug in den Evolutionsgedanken fanden. Vorsicht geboten ist auch bei der Auffassung, die Selektion verlaufe „zielgerichtet“, die bei vielen Evolutionsvertretern, die bewusst solche Ausdrücke meiden, leicht Abneigung erzeugen könnte.
Die Schlussfolgerung Schirrmachers möge einigen dubios vorkommen: Wollen wir Darwins tatsächliche Intentionen verstehen, reicht es „auf die Urtexte zurückzugreifen“, um „nach Lektüre auch nur der Briefe dieses gewaltigen Briefschreibers festzustellen, dass Darwins Weltbild im zweihundertsten Jahr seiner Geburt eine neue Botschaft bereithält: die Sympathie mit der Schöpfung“ (Hervorhebung von IL). Ob man diese Botschaft tatsächlich aus Darwins Werk herleiten kann und ob man das Leben und im allgemeineren Sinne auch das Sein für eine Schöpfung im wahrsten Sinne des Wortes hält, was stets auch einen Schöpfer erfordert, bleibt dem Leser überlassen.
Schirrmachers Feststellung ergibt im Lichte des folgenden Zitats aus dem englischen Originaltext von „On the Origin of Species“ (S. 490) durchaus einen Sinn:
„There is grandeur in this view of life, with its several powers, having been originally breathed by the Creator into a few forms or into one; and that, whilst this planet has gone cycling on according to the fixed law of gravity, from so simple a beginning endless forms most beautiful and most wonderful have been, and are being, evolved“3 (Hervorhebung von IL).
[1] - IUBS - International Union of Biological Science
[2] - http://www.faz.net/s/Rub9D229D57C7F947129665399BB3D3BB9B/Doc~E0E747447BBD1450CB97ED55B61A6261D~ATpl~Ecommon~Scontent.html
[3] - http://darwin-online.org.uk/content/frameset?viewtype=side&itemID=F376&pageseq=508


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