Wer sich etwas eingehender mit der Diskussion um die biologische Ursprungsfrage und den verschiedenen diesbezüglichen Positionen befasst hat dürfte wissen, dass Kreationisten heute in der Regel keine absolute Konstanz der Arten vertreten. Ronald L. Numbers (2004) schrieb dazu:
„Trotz des populären Bildes welches Kreationisten als fest verheiratet mit der Konstanz der Arten zeichnet hat niemand für schnellere Artbildung durch natürliche Selektion argumentiert als diese notorischen Darwin-Ketzer, die Kreationisten.“
Was eher unbekannt sein dürfte, ist die Tatsache, dass sich Kreationisten (zumindest im Sinne von Schöpfungsgläubigen, die nicht immer alle heute als 'typisch kreationistisch' geltende Ansichten vertreten haben) schon lange vor Darwin für eine große natürliche Variabilität der als geschaffen erachteten Arten ausgesprochen haben. Interessant ist in dieser Hinsicht ein Artikel von Todd C. Wood (2008), der die Geschichte solcher Anschauungen nachzeichnet (Dank an C.Heilig für den Hinweis).
Wood zeigt, dass einige Kreationisten die Idee von Arten als unveränderliche, statische Schöpfungseinheiten schon lange vor Darwin aufgaben. Interessanterweise waren dabei auch theologische bzw. auf der biblischen Urgeschichte basierende Überlegungen ausschlaggebend. Im Gegensatz dazu war die Konstanz der Arten in der britischen Naturtheologie (einige sehen ID als geistigen Nachfahren dieser Denktradition, allerdings scheint mir die Situation komplizierter) stark betont. Dort verfolgte man den Gedanken, religiöse Prinzipien auf Beobachtung der Natur und Vernunftschlüssen zu gründen, ohne ausdrücklich Bezug auf eine spezielle Offenbarung zu nehmen, d.h. in diesem Fall ohne Bezugnahme auf die Bibel als Informationsquelle. Philosophische Überlegungen führten in dieser Denktradition dazu, Arten als unveränderlich anzusehen.
Darwin argumentierte gegen separat geschaffene Arten die er mit unveränderlichen Arten gleichsetzte, obwohl dies nicht notwendigerweise zusammengehört: Arten können geschaffen sein aber sich anschließend verändern und Kreationisten haben solche Auffassungen schon vor Darwin vertreten. Hat Darwin also gegen einen Strohmann kreationistischer Auffassungen argumentiert? Wood argumentiert jedenfalls, dass diese Anschuldigung zu kurz greifen würde, unter anderem auch, weil das Bild einer statischen Schöpfung zu Darwins Zeit tatsächlich weit verbreitet war.
Wood bezeichnet Kreationisten, die an der Ansicht einer statischen Schöpfung welche keinerlei (evolutionäre) Veränderung erlaubt, festhalten, als Antievolutionisten. Diese Begriffsdefinition ist überzeugend, denn heutige Kreationisten kann man allgemein sicher nicht sinnvoll als Antievolutionisten bezeichnen, da sie evolutionäre Veränderung in Grenzen akzeptieren. Sie müssen weder die Selektionstheorie noch EvoDevo-Modelle oder andere Theorien zur Veränderung der Arten pauschal ablehnen und zeigen tatsächlich auch eine reges Interesse an den jeweils neuesten evolutionären Erklärungsansätze um sie im Rahmen ihrer schöpfungstheoretischen Auffassungen anzuwenden – etwa um schnelle Artbildung nach der Sintflut zu erklären. Differenzen ergeben sich dann natürlich dort wo es um den Erklärungsanspruch von Evolutionstheorien geht.
Woods Untersuchung kommt zu einem interessanten Schluss: Kreationisten sind offenbar mehrfach im Prinzip unabhängig auf die Idee gekommen, Arten eine begrenzte Veränderungsfähigkeit zuzuschreiben und die Gründe dafür waren nicht immer dieselben. Es wäre damit zu simpel, kreationistische Vorstellungen zur begrenzten Wandelbarkeit der Arten als Zugeständnis an Darwin zu sehen.
Numbers, Ronald L. (2004): Ironic Heresy. How Young-Earth Creationists Came to Embrace Rapid Microevolution by Means of Natural Selection. S.84-100 IN: Lustig Abigail et al. (2003): Darwinian Heresies. Cambridge University Press
Wood, Tood C. (2008): Species Variability and Creationism. Origins Nr.62 URL.:http://www.grisda.org/origins/62006.pdf


3 Kommentare:
Hi Markus Rammerstorfer!
"Sie müssen weder die Selektionstheorie noch EvoDevo-Modelle oder andere Theorien zur Veränderung der Arten pauschal ablehnen und zeigen tatsächlich auch eine reges Interesse an den jeweils neuesten evolutionären Erklärungsansätze um sie im Rahmen ihrer schöpfungstheoretischen Auffassungen anzuwenden – etwa um schnelle Artbildung nach der Sintflut zu erklären."
ROFLMAO - Schnelle Artbildung nach der Sintflut?!
Ein bißchen schwanger geht nicht und "Kreationismus light" hat nichts mit Evolution zu schaffen. Reinhard Junker nennt das genannte "Variation eines Themas". Da darfst Du gerne einmal den Versuch machen, vor diesem Hintergrund zu erklären, was eine Art ist - wir sehen dann ganz schnell, warum es gerechtfertigt ist, alle YEC/IDler Antievolutionisten zu nennen. Von Selektion und EvoDevo in diesem Zusammenhang erst gar nicht zu reden.
"Differenzen ergeben sich dann natürlich dort wo es um den Erklärungsanspruch von Evolutionstheorien geht."
Der Erklärungsanspruch wird dann überbrückt durch einen schöpferischen Intelligent Designer als Hilfsevolutionsfaktor?
BTW: Haben die Bakterien-Taxa alle zur gleichen Zeit den Austauschmotor verpasst bekommen? Inwieweit sind dem Designer die Hände bezüglich konstruktiver Limitierungen gebunden? Werden die Organismen für bestimmte ökologische Bedingungen eingepasst oder vice versa?
Cheers,
Lamarck
Kann sein, dass ich es überlesen habe, aber wo kommt nach 'ROFLMAO' ein Argument gegen meine Ausführungen?
Hi Markus Rammerstorfer,
nein - nach 'ROFLMAO' kommt kein Argument gegen Deine Ausführungen, damit so Platz für entsprechende bildhafte Vorstellungen 'geschaffen' werden kann ... . ;-)
Cheers,
Lamarck
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