Montag, Oktober 27, 2008

BIONIK

Kai-Uwe Kolrep, Autor des Buches "Schöpfung oder Evolution: Eine kritische Einführung", hat einen lesenswerten Aufsatz mit dem Titel "Design in Natur und Technik" veröffentlicht (hier, Erstveröffentlichung in Factum 06/08).

"Ist es nicht sogar so, dass Bionik nur dann betrieben werden kann, wenn man den biologischen Untersuchungsobjekten eine Zweckmässigkeit unterstellt? Aus Erfahrung wissen wir zweifelsfrei, dass jegliche Art von Technik nur unter Einsatz von Intelligenz erzeugt werden kann. Der Schluss liegt deshalb nahe, eben nicht nur in menschlicher Technik intelligentes Design zu sehen, sondern auch in biologischen Konstruktionen: intelligentes Design in Technik und Natur."

Bin ich ein ID-Vertreter? Kritische Anmerkungen.

Hinweis: Dieser Beitrag ist quasi 'ID-Intern' und an Christoph Heilig gerichtet (siehe diesen Post für den Kontext). Auf seinen Wunsch hin wird er im Blog gepostet und nicht nur im internen Forum. Ich habe mir keine Mühe bezüglich Zugänglichkeit/Lesbarkeit gegeben und werde nicht auf 'externe' Kritik eingehen. Der Beitrag hat entsprechend einen etwas redundanten bzw. provisorischen Charakter und dient nur der Diskussion und Weiterentwicklung von IDeen.


Hi Christoph,

Dein Beitrag/die Replik scheint mir wie ein 'nacktes' Logik-Experiment, welches in sich ansatzweise stimmig scheint, aber dem die Inhalte fehlen. Als Versuch die Debatte um ID durch ordnende Kategorien zu schärfen ist er eine Überlegung wert, aber ob bzw. was er inhaltlich etwas hinzufügt ist mir weniger klar.

„Struktur X ist für Verursacher A nur durch Absicht zu verwirklichen, für Verursacher B jedoch auch „nebenbei“. Die komplexere Struktur Y erfordert vllt. Auch bei B absichtsvolles handeln. Man kann nun die Komplexität der Struktur beliebig steigern, du wirst niemals zu einem Punkt kommen, wo kein Denkbarer Verursacher modellierbar ist, der zu ihrer Produktion nicht designen müsste.“

Ich frage mich worauf diese Aussage aufbaut. Sie macht nur Sinn, wenn sie sich auf Strukturen bezieht, die keine innere Teleologie aufweisen. Echte Teleologie bedeutet, dass die Anfangsbedingungen durch die Endbedingungen (!) determiniert werden. Sie ist quasi eine verdrehte Kausalität (bzw. 'Rückwertsverursachung'), was sie eigentlich als fehlschlüssig ausweisen würde, wenn der Fehlschluss nicht durch die Einführung des Faktors 'Intentionalität' zu vermeiden wäre. 'Intentionalität' ist eine Eigenschaft, die wir einer Intelligenz zuschreiben müssen. Wenn Intentionalität zur Herstellung einer bestimmten Struktur nötig ist, dann gilt das gänzlich unabhängig von Macht oder Intelligenz eines Designers bzw. „Komplexität“ (was immer das sein soll). Ob die Intentionalität dabei direkt vom Designer aufgewendet wird, im Programm liegt oder welchem Zweck die Struktur im Ganzen folgt ist dabei natürlich egal.

„Nur weil eine nahezu gelähmte Person viel Absicht aufbringen müsste, um mit einem Stift auf ein Blatt Papier etwas zu kritzeln, weil es sie sehr anstrengt, heißt das doch nicht, dass das auch für mich durchdachtes Handeln erfordert...“


Klar erfordert das für Dich genau soviel durchdachtes Handeln! Es fällt Dir nur leichter, weil Du über unvergleichlich mehr 'Kraft' verfügst bzw. nicht gegen Störungen ankämpfen musst. Wenn ein kleines Kind eine 10kg Hantel einen Meter anheben will, muss es bis an das Maximum seines Vermögens gehen. Wenn Du das machst nutzt Du vielleicht nur einen Bruchteil Deines Vermögens und denkst nebenbei über den nächsten Urlaub nach. Der nötige Kraftaufwand für die Aufgabe war aber in beiden Fällen gleich. Du kannst vielleicht noch argumentieren, dass bei Dir das „kritzeln“ (großteils) automatisiert abläuft. Allerdings hast Du es in der Vergangenheit gelernt, also quasi den mentalen Mechanismus erstellt, der jetzt Deine damalige Intention trägt. Ist so ähnlich wie eine vollautomatisierte Fabrik: Ist sie erst einmal aktiviert sind ihre einzelnen Erzeugnisse für sich genommen nicht beabsichtigt, allerdings liegt die Absicht dann in der Fertigungsanlage. Siehe auch Unterschied zwischen Prototyp und Massenfertigung.

„Es ist exakt dieselbe Sache, nur dass es nun schon einen sehr komplexen Verursacher bräuchte, der sowas „aus Versehen“ macht. Du weißt schon: So ein unendliches Wesen vom Typ ich-nies‘-mal-und’s-gibt-nen-big-bang. Sowas hälst Du für unplausibel? So nen Verursacher nimmst Du nicht an? Das schmeckt dir nicht? Klar – Du darfst das ausschließen! Mache ich auch.“


Ein „Big-Bang“ ist eine Kleinigkeit verglichen mit einem Flagellum und anderen Strukturen die innere Teleologie aufweisen. Es geht nämlich hier nicht um Fragen der Macht eines Designers. Und selbst wenn der Big-Bang ein gewolltes und genau spezifiziertes auf Ziele hin gerichtetes Universum hervorbringt, ergo ein 'Design' darstellt, so hat man aus der Innenperspektive eines solchen Universums immer noch Probleme das festzustellen. Das Universum ist vermutlich einer dieser Fälle, wo es vielleicht Anzeichen für 'Künstlichkeit' gibt, man aber über 'Design' nur spekulieren kann, in dem Sinne als es auch alternative Blickwinkel gibt die noch nicht einmal von der Einführung ungelenkter Naturabläufe als Erklärungsmöglichkeit abhängen (->Epi-Teleologie).

„Nur, weil Du bereits Einschränkungen zum Designer machst, die in den logischen Kategorien nicht enthalten sind.“

Das finde ich interessant. Ich habe nämlich nicht den Eindruck, als hätte ich mir einen Ausschnitt aus einem enormen Pool möglicher Designer abgezäunt. Ich gebe zu: Tatsächlich gehe ich von den Designern bzw. Intelligenzen aus, die wir auf unserem Planeten haben. Das sind einige tierische Intelligenzen und Milliarden Menschen teilweise recht unterschiedlicher geistiger Befähigung. Aber wo habe ich mich eingeschränkt? Wo ist mein Modell 'spezifischen Designs'? Kannst Du irgendwelche alternative Intelligenzen aufzeigen?

Du spekulierst über unglaublich machtvolle Designer. Auch der Mensch hat seine Möglichkeiten vertausendfacht. Ändert aber noch nichts daran, dass die innere Teleologie seiner Produkte von Intentionalität zeugt.

Du spekulierst über enorm intelligente Designer. Auch die menschliche Spezies hat in dieser Hinsicht eine enorme Variationsbreite. Aber wenn die Vertreter des unteren Endes Intentionalität aufwenden müssen, dann tun das auch die Vertreter des 'high end'.

Du spekulierst über unendlich intelligente und machtvolle Designer. Was soll das bitte sein? Würden bei einem solchen Designer Strukturen voller interner Teleologie – Flagellen, Supercomputer, Teilchenbeschleuniger, Wirbeltieraugen – einfach ohne Intention 'passieren'? Vielleicht. Aber das ist kein Punkt für Dich. Ein solcher Designer wäre das gleiche wie ein unendliches Multiversum: 'Irgendwann' und 'Irgendwo' passiert alles. Nicht tausendmal, sondern unendlich. Irgendwann passiert auch ein Universum, in dem ein menschliches Gehirn im Vakuum am Rand einer Galaxie hängt, deine Erinnerungen und dein Wissen hat, und über diesen Beitrag nachdenkt, den ich dort nie gepostet habe, bevor es eine Sekunde später 'funktionsuntüchtig' wird. Unendlich ist halt keine große Zahl, sondern ein Zustand. Derlei Ideen zerstören die rationale Verständlichkeit der Dinge. Da kann man den Designer gleich streichen und sagen: „Es ist halt so passiert.“ Man kann auch sagen: „Weiteres Argumentieren zwecklos.“ Oder besser: „Ich gehe ein Bier trinken.“

D.h.: Du musst mir erst einmal zeigen gegen was ich Einschränkungen bezüglich des Designers mache. Wo ist der Designer, der so fremd - so anders ist – dass er trotzdem noch als Designer definierbar ist und nicht einfach nur eine andere Bezeichnung für einen dieser Punkte ist, wo man an das Ende jedes rationalen Diskurses kommt? Wo ist dieser fremdartige Designer, für den sogar Produkte die innere Teleologie aufweisen, bloßer Abfall im Sinne von 'ups, ist mir gerade so passiert', sind? Welchen Anlass haben wir zu vermuten, dass eine Steigerung der Intelligenz und Macht eines Designers an einen Punkt führen, wo Intentionalität bei der Erschaffung klar teleologischer abgrenzbarer Strukturen überflüssig wird?

Wenn ich sage, dass die Entscheidung zwischen 'künstlich' und 'Design' Sinn macht, dann meine ich damit, dass man manchmal nur genug weiß um vielleicht 'Künstlichkeit' zu attestieren. Oft weiß und versteht man aber genug um 'Design' zu attestieren (jedenfalls in einem kleinen Bereich), ohne Kenntnis des Designers und seiner Pläne bzw. spezifischer Konzepte den Designer betreffend. Das wirkliche Ausmaß der Intelligenz und Macht eines Designers ist gänzlich irrelevant, mein weiß doch was er mindestens können muss/getan haben muss. Intentionalität ist am Objekt ablesbar, soweit man jedenfalls Teleologie festmachen kann. Hat man aber 'echte' Teleologie, dann hat man auch Intentionalität und damit Design. Du hast nicht gezeigt, wieso ein 'Hochschrauben' der Intelligenz und Macht eines Designers daran etwas ändern sollte. Deine Beispiele haben alle nur gezeigt, dass (technologische) Entwicklung 'Künstlichkeiten' hervorrufen kann, die auf einem niedrigeren Entwicklungsstand entweder unmöglich wären (kein Radioemitter/kein Radiosignal) oder höchst mühevoll (riesige Anlage für schwaches Radiosignal), die aber später routinemäßig in Massen erzeugt werden (Satellitennetzwerke etc.). Mann muß aber eben auch auf die Qualität des 'Kunstproduktes' achten. Dieses kann ggf. als 'Design' erkennbar sein, ganz egal ob dahinter eine einfache oder hochentwickelte Zivilisation steht -> denn (echte) Teleologie ist eine eigene Qualität die an irgendeinem Punkt und in irgendeiner Form aus einer Intention hervorging. Anders lässt sich ihre 'verdrehte' Kausalität nicht auflösen (es sei denn, man sagt, sie sei eine durch ungerichtete Prozesse entstandene Illusion wie es Darwinisten so gerne betonen – aber dann hat es sich eh mit der 'Künstlichkeit' auch.)


Fazit


Um 'Design' zu erkennen benötigt man kein SD-Modell. Es gibt IMHO kein alternatives Modell einer zu intelligenter Gestaltung fähigen Intelligenz, die teleologische Strukturen (welche für uns als solche klar erkennbar und abgrenzbar sind), ohne Intention erschaffen könnte. Liegen solche Strukturen vor, kann man von einem 'Design' im Sinne absichtsvoller Gestaltung ausgehen. Die Kategorie 'es könnte aber auch ganz andere Typen von Designern geben die sowas ohne Intention produzieren' ist dagegen eine leere Schublade, eine logische Kategorie die ohne Inhalte dasteht. Kontroversen liegen in ganz anderen Punkten, z.B.:

+ Wie sind Versuche einzustufen, Teleologie als durch ungerichtete Naturabläufe (speziell Evolutionsmechanismen) erzeugte Illusion einzustufen?

+ Was kann man in Fällen tun, die keine teleologische Interpretation erzwingen, bzw. wo nur ein Verdacht auf Design besteht? (Klassischer Fall: Ist unser Universum auf intelligentes Leben hin gerichtet?) Kann man in solchen Fällen zumindest 'Künstlichkeit' nahelegen?

SD-Modelle scheinen dagegen recht sekundär: Du hast ja die 'Multiple Designers Theorie' von Richard B. Hoppe als SD-Ansatz eingestuft. Demnach behandeln SD-Modelle Fragen wie: Gab es einen oder mehrere Designer? Interagierten diese miteinander? Kopierten sie voneinander? Gab es einen Wettstreit zwischen diesen? Da werden recht spezifische Gedanken zum Designer vorgebracht, aber nichts was die Einstufung teleologischer Organisationsgefüge als 'Design' und damit als intentional verursacht in Frage stellen würde. Dieses SD-Modell ist nicht annähernd auf dem selben grundlegenden Niveau wie die Frage „Gibt es einen völlig andersartigen Typus von (Super?)Intelligenz der ohne Intentionalität Dinge erschaffen kann welche innere Teleologie aufweisen und somit eigentlich von Intentionalität zeugen würden, ergo als 'Design' einzustufen wären?“

Ein SD-Modell könnte nur insofern dazu führen, dass man 'Design' erkennt, als man dadurch Sachverhalte als 'Design' interpretiert, die ohne ein solches Modell 'unauffällig' geblieben wären, d.h. nicht von sich aus schon nach Intentionalität gerufen haben. Das hat sicher seinen Wert, genau wie es seinen Wert hat zwischen 'Künstlichkeit' und 'Design' zu differenzieren.

Soweit mein Schuss in die Runde. Ich bin dann mal gespannt wie weit wir auseinander liegen.

LG, Markus

Freitag, Oktober 24, 2008

ID platt gemacht?

Plattfische


Die Ordnung der Plattfische (Pleuronectiformes) ist für ihren außergewöhnlichen Körperbau bekannt. Im Larvenstadium schwimmen ihre Vertreter aufrecht und die Symmetrie ihres Körperbaus weicht noch nicht von der anderer Fischgruppen ab. Im weiteren Verlauf ihres Wachstums kommt es jedoch zu einigen Umstrukturierungen. Am bedeutendsten ist dabei die Wanderung eines der Augen auf die andere Seite des Kopfes, sodass eine "blinde" Unterseite entsteht.

















( © 2004 by Tomasz Sienicki)


Friedman (2008) untersuchte nun einige Fisch-Fossilien durch moderne Verfahren. Er beschrieb dabei eine neue Gattung (Heteronectes), analysierte aber auch eine schon länger bekannte (Amphistium) und konnte bei beiden Fischgruppen eine nicht abgeschlossene Augenwanderung nachweisen. Dabei schloss er eine durch die Lagerung entstandene Deformierung aus. Wie Friedman (2008, 209) feststellt, muss es sich bei den fossilisierten Lebewesen um erwachsene Fische gehandelt haben, und nicht um Jungtiere, bei denen die Augenwanderung noch unvollständig war. Deshalb schlussfolgert er, dass mit den beschriebenen Arten evolutive Mosaikformen vorliegen, welche belegen, dass die Evolution der Asymmetrie der Plattfische graduell verlief.
Die Behauptungen bezüglich der Kleinschrittigkeit des postulierten Evolutionsweges müssen als vermessen betrachtet werden, da sich dies aus zwei Mosaikformen nicht ableiten lässt und das Auftreten und die Diversifikation auch moderner Plattfisch-Gruppen noch immer "plötzlich" erfolgt, wie Friedman (2008, 212) selbst einräumt.



"Zwischen"formen
Morphologisch betrachtet, stehen die Fossilien tatsächlich zwischen heutigen Plattfischen und ihren postulierten evolutiven Vorfahren. Anstatt hier ein graduelles, evolutives Szenario zu bemühen, ist es jedoch mindestens ebenso naheliegend, den Fund aus einer entwicklungsbiologischen Perspektive heraus zu verstehen: Schließlich kann im Zuge der Individualentwicklung eben jene Augenwanderung über viele "Zwischenstufen" ständig beobachtet werden. Von einer polyvalenten Stammform des Grundtyps (der Grundtypen?, s.u.) der Plattfische ausgehend, kann nun postuliert werden, dass diese Ausgangspopulation über programmierte Variabilität und ein breites Spektrum an möglichen Ausprägungen des Entwicklungspfads der Augenwanderung verfügte. Möglicherweise ist die "unvollständige" Individualentwicklung bei den angeführten Funden auch auf Degeneration bereits bestehender Entwicklungsprogramme (und nicht auf noch unvollständige evolutive Neukonstruktion eben dieser) zurückzuführen. Auch heute noch weisen manche – evolutiv als "urtümlich" geltende Plattfische (Psettodes) – eine relativ wenig weit fortschreitende Augenwanderung auf
. Es gibt bisher keinen Hinweis darauf, dass der "abgeflachte" Zustand nicht bereits ursprünglich (zumindest latent) bei den Plattfischen vorhanden war und von dieser Situation aus die Plattfisch-Diversifikation erfolgte.
Für diese Interpretation der Befunde spricht auch, dass im Fossilbericht mit den von Friedman angeführten Funden bereits viele vollausgebildete - "moderne" - Plattfische auftreten.



Berichterstattung
Soweit die Daten- und Interpretationslage. Minard (2008) greift den Fall für National Geographic News auf und versucht, aus ihm ein Plädoyer gegen den ID-Ansatz zu machen. Bereits in der Überschrift ihres Artikels behauptet sie: "Merkwürdiger Fisch-Fund widerspricht dem ID-Argument".
Diese Argument gibt sie wie folgt wieder:



Intelligent design advocates have seized on the idea of instant flatfish rearrangement as evidence of God or another higher being intentionally creating new animal forms.


Der Fund könne daher bei ID-Vertretern "bange Herzen hervorrufen". Des Weiteren behauptet sie, diese würden häufig auf den Mangel an Übergangsformen verweisen, um den Fossilbericht als Hinweis auf eine "intentionale Schöpfung der Arten" anzuführen.

Anmerkungen
Die Berichterstattung bei National Geographic zeigt einmal mehr, wie unkritisch falsche Inhalte auch auf hochrangigen populärwissenschaftlichen Plattformen publiziert werden, wenn sie sich gegen das Feindbild "ID" richten. Dieses ist nämlich durchaus mit dem Postulat einer Gemeinsamen Abstammung allen Lebens vereinbar und hinterfragt lediglich den Mechanismus einer (etwaigen; von manchen ID-Vertretern wird sie auch abgelehnt) Stammesgeschichte (vgl. Ross 2005). Auch wenn man dem ID-Ansatz kritisch gegenübersteht, wie auch ich selbst in weiten Teilen (Heilig 2008a; 2008b), erfordert es die Fairness, die Gegenseite in diesem Punkt richtig zu zitieren und ihr nicht zu unterstellen, sie richte sich gegen "Evolution" im Sinne einer Stammesgeschichte. Darüberhinaus ist es unredlich so zu tun, als wäre der Erwerb der Plattfisch-Asymmetrie ein einheitlich akzeptierter Kandidat für eine der Neukonstruktionen für die nach Ansicht der ID-Vertreter keine ungerichteten makroevolutiven Mechanismen in Frage kommen. Die postulierten Grenzen für den kritisierten Mechanismus liegen auf einer anderen Ebene (vgl. Behe 2007). Daher wundert es auch nicht, dass auch Minards weitere Wiedergabe des ID-Arguments lediglich ein Strohmann ist und so gut wie nichts mit dem zu tun hat, was sie angeblich zitiert:




Part of the argument is that the asymmetrical eye configuration can easily be seen as intelligent, because it is advantageous to flatfish survival.

Auch das von Minard (2008) angeführtes Zitat aus einem äußerst unpopulären kreationistischen Lehrbuch belegt keinesfalls, dass die Plattfisch-Assymmetrie in ID-Kreisen allgemein als makroevolutive Problemstellung angesehen wird. Selbst wenn dem so wäre (dieses Merkmal also dem Wirken eines intelligenten Designers zugeschrieben und argumentiert würde, bekannte Evolutionsprozesse könnten den Ursprung dieses Phänomens nicht erklären), würde die Arbeit von Friedman dem nichts entgegenzusetzen haben, da sie über den Mechanismus der Evolution des Merkmals gar nichts aussagen kann, lediglich über dessen Stammesgeschichte.

Einschränkungen
Während Minards Schilderungen in meinen Augen nicht mit gründlichem Journalismus vereinbar sind, liegt die Schuld für die durch ihren Artikel verursachte Missinformation nicht nur bei ihr. Tatsache ist, dass die strikte Trennung zwischen Stammesgeschichte und Mechanismus auch sehr oft von ID-Vertretern nicht eingehalten wurde. Außerdem muss man bedenken: Dass die ID-Position im Artikel von Minard derart lapidar abgefertigt wird, liegt sicher auch daran, dass sie bisher tatsächlich nicht mehr zu bieten hat, als ein "higher being intentionally creating new animal forms". Wie ich bereits an anderer Stelle gezeigt habe (Heilig 2008a; 2008b) lässt ein Rahmen, der die Konkretisierung des Designers nicht erlaubt, auch keine Möglichkeit für spezifische Vorhersagen und naturwissenschaftlich bedeutsame Statements. Diese sind lediglich im Zuge der SD-Modellbildung (ebd.) machbar, indem der Designer, seine Methoden, Präferenzen usw. klar benannt werden.
Bisher gibt es keine SD-Modelle, die es auf einer transsubjektiven Beurteilungsebene mit ateleologischen Erklärungsansätzen aufnehmen könnten. Die ID-Bewegung hat dieser einzigen Möglichkeit im Rahmen einer teleologischen Weltsicht Naturwissenschaft zu betreiben durch sein krampfhaftes Verharren auf der Anonymität des Designers noch weiter geschadet. Minard zitiert sogar ein solches SD-Modell, nämlich den "scientific creationism", den sie jedoch fälschlicherweise mit ID gleichsetzt. ID ist so wenig Kreationismus, wie die Erweiterte Synthetische Evolutionstheorie die ateleologische Perspektive ist. Der Zoologe Frank Sherwin vom ICR (einer Organisation, die den "scientific creationism" vertritt) nennt den Fund demnach "nicht gerade überwältigend" und führt aus:


We do not deny that there is minor variation that occurs within created groups or kinds [...] Fish have always been fish, all the way down to the lower Cambrian [...] We have no problem with the variation within flatfish. What we're asking is, Show me how a fish came from a nonfish ancestor.


Es kann natürlich nicht ausgeschlossen werden, dass durch den journalistischen Überarbeitungsprozess das Gespräch zwischen Minard und Sherwin nur verfälscht im besagten Artikel wiedergegeben wird, aber nehmen wir doch an, Sherwin sei zumindest im Grunde korrekt zitiert. Dann fällt auf, dass es ihm nicht gelingt, eine konsistente Einordnung des Fundes in seine Vorstellung der "geschaffenen Gruppen oder Arten" zu liefern: Einmal scheint es, er würde die Gesamtheit aller Fische für eine solche Schöpfungseinheit halten (Für diese Interpretation seiner Aussage spricht: Fische schon immer Fische, Fisch aus Nicht-Fisch, s.o.), einmal wieder, als wären die Plattfische ein separater Grundtyp (Hierfür: Variation innerhalb der Plattfische, s.o.). Um die Verwirrung komplett zu machen meint er dann noch, der Artikel würde keinen Hinweis für eine Entwicklung von einer Plattfisch-Gruppe zur nächsten liefern und legt damit nahe, dass die Gruppe der Plattfische in seinen Augen aus mehreren geschaffenen Typen besteht.
Auch Thomas (2008) unterlässt es in einem Artikel für das ICR als Reaktion auf Minards Arbeit hier Klarheit in die Verwirrung zu bringen, merkt aber an:



It is also possible that there were no intermediate versions at all, just extinct variations within the created flatfish kind.


Er benennt aber nicht, wie aus seiner Sicht dann Übergangsformen zwischen dem Plattfisch-Grundtyp und dem evolutionären Vorläufer aussehen müssten, damit er sie akzeptieren würde. Seine Definition für "Übergangsform" ist im Hinblick auf seine Identifikation der Plattfische als "Baramin" lediglich eine hohle Phrase:




Transitional forms would possess true transitional features such as half scales, half feathers, or half feet/ half wings, not merely eye displacement.



Was sollen die "true tranitional features" eines Plattfisch-Baramin-Vorläufers dann sein? Thomas äußert sich dazu nicht, benennt nichts Analoges zur halbfertigen Feder für diesen Fall. Er meint lediglich:




The absence of transitions in the fossil record remains strong evidence against evolutionary origins.



Das Fehlen dieser Übergangsformen muss deswegen aber noch lange nicht sein SD-Modell stützen und kann es auch nicht, bis er die Grenzen der von ihm angenommenen Schöpfungseinheiten, sowie die Eigenschaft hypothetischer Übergangsformen nicht klar benennt.



Schlussfolgerungen:
Der Artikel von Friedman ist durchaus lesenswert, auch wenn seine evolutionären Schlussfolgerungen bezüglich des Gradualismus zu voreilig erscheinen. Weitere Forschung muss klären, ob ontogenetische Erklärungsansätze den Befund nicht besser erklären können, als phylogenetische.
Sowohl die Interpretation in einem ateleologischen, als auch in einem teleologischen Rahmen hängt nicht unerheblich von der Klärung dieser Frage ab.
Die Berichterstattung für National Geographic News muss ebenso kritisiert werden, wie die unpräzisen und wenig sachdienlichen Einschätzungen der hier zitierten Vertreter des "scientific creationism". Beide schaden dem Anliegen einer konstruktiven und unbefangenen Aufarbeitung des Falles.



Literatur:



Behe (2007) The Edge of Evolution. New York.



Friedman M (2008) The evolutionary origin of flatfish asymmetry. Nature 454, 209-212.



Heilig C (2008a) Intelligentes, Optimales und Spezifisches Design. Evolution und Schöpfung: http://evolution-schoepfung.blogspot.com/2008/08/intelligentes-optimales-und.html.



Heilig C (2008b) Bin ich ein "ID-Vertreter?" Evolution und Schöpfung: http://evolution-schoepfung.blogspot.com/2008/10/bin-ich-ein-id-vertreter.html.



Minard A (2008) Odd Fish Find Contradicts Intelligent-Design Argument. National Geographic News: http://news.nationalgeographic.com/news/2008/07/080709-evolution-fish.html.



Ross M (2005) Who Believes What? Clearing up Confusion over Intelligent Design and Young-Earth Creationism. Journal of Geoscience Education 53, 319-323.



Thomas B (2008) National Geographic's Flatfish Story Falls Flat. ICR: http://www.icr.org/article/3964/.

Mittwoch, Oktober 22, 2008

Welches naturwissenschaftliche Format nimmt „mein“ ID ein? Und ist das überhaupt noch wichtig?

Wiederholung: Die teleologische Perspektive ist keine naturwissenschaftliche Theorie

Kürzlich habe ich in einem Blog-Beitrag (Heilig 2008a) darüber geschrieben, inwiefern ich ID vertrete und inwiefern nicht. Ich schrieb, dass ich in dem Sinne "Intelligent Design" verträte, dass ich an Design in der Natur glauben würde und auch daran, dass dieses Design Relevanz für naturwissenschaftliche Fragestellungen bedingen würde. Diesen Standpunkt werde ich in Zukunft als "teleologische Perspektive" bezeichnen. Bereits an anderer Stelle (Heilig 2008b) habe ich ausgeführt, warum ID im herrkömmlichen Sinn (Heilig 2008a, II) keine naturwissenschaftliche Theorie ist. Zur Erinnerung:

ID ist keine naturwissenschaftliche Theorie. Das liegt meines Erachtens weniger daran, dass man dem Konzept anhand von Demarkationskriterien die Zugehörigkeit zum Bereich der Naturwissenschaften absprechen könnte, sondern viel mehr an dem Teil der "Theorie". So die Standard-Definition zu ID:

The theory of intelligent design (ID) holds that certain features of the
universe and of living things are best explained by an intelligent cause rather than an undirected process such as natural selection. [...]

Auch im deutschsprachigen Raum existiert die Ansicht, ID sei eine "Theorie". Immerhin überschreiben Lönnig & Meis (2006a) einen Beitrag mit "Intelligent Design ist eine wissenschaftliche Theorie". In einem anderen Artikel (Lönnig & Meis 2006b) referieren sie durchaus korrekt Thesen der ID-Bewegung, werden dem Anspruch des Titels ihrer Arbeit ("Intelligent Design (ID) liefert wissenschaftliche Erklärungen") jedoch nicht gerecht, da sie nicht aufzeigen, welche "wissenschaftliche[n] Erklärungen" ID angeblich liefert. Denn was ist nun der wirklich erklärende Aspekt von ID? Wie sehen diese "wissenschaftlichen Erklärungen" aus, die ID liefert? Schon aus der Formulierung der Autoren selbst geht doch (wohl unbeabsichtigt) hervor, dass "ID" diese Erklärung noch nicht selbst sein kann. Sie liefert sie nur, ist also auf einer übergeordneteren Ebene anzusiedeln, als die aus ihr hervorgehenden Erklärungs-Ansätze. "Struktur XY ist designt." kann wohl kaum als wissenschaftliche Erklärung im eigentlichen Sinne gelten. Die Fragen: "Wo/Wann/Wie/Wozu/Durch wen wurde designt?" werden von ID selbst nicht beantwortet, da hier kein Bezug auf den jeweils angenommenen Designer genommen wird. Ohne diese Fragen steht der Ansatz jedoch auch ohne spezifische Erwartungen da und damit ohne wissenschaftlichen Erklärungswert. Dieses Dilemma lässt sich auflösen, versteht man das "theory" in der zitierten Definition etwas umgangssprachlich (im Sinne von: "Wer hat die Chips gegessen?"-"Ach, ich habe da so eine Theorie/Idee/einen Verdacht..."): ID wäre demnach die "Theorie", dass gewisse Aspekte des Universums und des Lebens am besten durch Theorien erklärt werden können, welche eine intelligente Ursache beinhalten. Ebenso, wie der gegenübergestellte ungerichtete Mechanismus ja auch erst noch spezifiziert werden muss, damit eine Theorie gebildet werden kann ("such as natural selection"), gilt dies auch für die teleologische Position: ID entspricht der Position, dernach manche Aspekte des Universums und des Lebens am besten durch Theorien erklärt werden können, welche eine intelligente Ursache beinhalten – such as eine übernatürliche Schöpfung aller Grundtypen vor wenigen tausend Jahren (vgl Junker 2005) oder eine von Außerirdischen durch "frontloading" initiierte Evolution (vgl. Gene 2007).

Wenn die teleologische Perspektive keine naturwissenschaftliche Theorie ist – was für ein naturwissenschaftliches Format nimmt sie dann an, beziehungsweise: Ist sie überhaupt im Bereich der Naturwissenschaften anzusiedeln?


Was eigentlich auf Wissenschaftlichkeit hin geprüft werden muss

Vorneweg: Die Frage nach dem wissenschaftstheoretischen Status von "ID" im Sinne der teleologischen Perspektive ist entscheidend, wenn man diesen ID-Ansatz als einen gleichwertigen Ansatz zur modernen Evolutionstheorie betrachtet. Dies tue ich jedoch keineswegs, wie oben zu sehen ist. Artikel wie der von Meyer (2002) verfehlen das Thema in meinen Augen komplett, indem sie eine falsche Gegenüberstellung schaffen: Die teleologische Perspektive ist auf derselben übergeordneten Ebene anzusiedeln, wie die ateleologische Perspektive. Beide Sichtweisen werden im naturwissenschaftlichen Betrieb durch spezifische Modelle vertreten. Die eigentlich entscheidenden wissenschaftstheoretischen Anfragen werden sich daher an die einzelnen SD-Modelle zu richten haben. Kann ein biblisch-begründetes Kurzzeitmodell (Junker 2005) beispielsweise naturwissenschaftlich überprüfbare Rahmenbedingungen ableiten? Kann es ein produktives Forschungsprogramm generieren? Was ist mit anderen christlichen SD-Modellen? Jedes SD-Modell muss für sich geprüft werden – sowohl im wissenschaftstheoretischen, als auch im empirischen Sinn. Generelle Klassifizierungen (auf der Ebene von ID, ohne eine genauere Betrachtung der einzelnen SD-Modelle) sind hier nicht möglich, weil eine ganz wichtige Komponente bei dieser Prüfung durch den im Einzelfall postulierten Designer und seine Natur gestellt wird. Wissenschaftstheoretische Betrachtungen, die vom intelligenten Agenten ausgehen, sind bisher eine Seltenheit und bieten noch viele Möglichkeiten für zukünftige Diskussionen. Eine Ausnahme stellt das Buch von Del Ratzsch (2001) dar, das die Frage nach der Legitimität übernatürlicher Design-Konzepte stellt. Sind SD-Modelle, deren Designer nicht innersystemlich sind, anders als etwa bei der "gerichteten Panspermie", generell "unwissenschaftlich"? Ratzsch (2001) weist nach, dass dies nicht der Fall ist und SD-Modelle mit übernatürlichem Designer durchaus ihre Legitimation haben könnten. Wie gesagt: Die Argumentation muss hier für den individuellen Fall erfolgen und kann schon deswegen nicht an dieser Stelle geliefert werden. Wenn lediglich individuell argumentiert und evaluiert werden kann, ist damit aber auch klar, dass Kritik an der teleologischen Perspektive, welche sie verallgemeinernd als "unwissenschaftlich" ausweisen will, nicht gerechtfertigt ist.

Zum wissenschaftstheoretischen Format der teleologischen Perspektive

Wenn ID keine "Theorie" ist, sondern nur einen Rahmen für SD-Modelle bietet, welche diesen Namen verdienen könnten, wie sollte man die teleologische Perspektive dann klassifizieren? Welches Format nimmt die teleologische Perspektive im Bezug auf die Naturwissenschaften ein? Ich halte diese Thematik für relativ unbedeutend, da ich – anders als Meyer (2002) – nicht davon ausgehe, dies sei die Ebene, die letztendlich mit der Erweiterten Synthetischen Evolutionstheorie verglichen werden sollte, möchte hier aber einen kurzen Vorschlag machen, der an Collins (2006a) angelehnt ist. Dieser spricht in diesem Zusammenhang von ID als einer meta-wissenschaftlichen ("meta-scientific") Hypothese im Kontrast zu einer rein naturwissenschaftlichen. Dies sei ID zumindest dann nicht, wenn man an eine naturwissenschaftliche Erklärung die Anforderung stellen würde, sie sollte eine "scientifically explicable explanation of natural phenomena" liefern. Meta-naturwissenschaftliche Hypothesen sind nach Collins auch Darwins und Freuds Gedankengebäude*. Collins vergleicht die meta-naturwissenschaftliche Hypothese mit dem, was der Wissenschaftsphilosoph Imre Lakatos (1974) den "harten Kern" eines Forschungsprogramms nennt. Dieser harte Kern ist nach Lakatos "never directly tested or involved in explanation and prediction [is], but rather serves to suggest various lower-level hypotheses that are testable and that can be used in explanation and prediction."

Die Bezeichnung der "meta-wissenschaftlichen Hypothese" hat ihre Vorteile: Sie weist auf den besonderen Charakter der ateleologischen und teleologischen Perspektive hin, unterstreicht aber dennoch deren empirisch-naturwissenschaftlichen Bezug.

Meta-naturwissenschaftliche Hypothesen müssen sich laut Collins daran messen lassen, ob sie sich eignen, naturwissenschaftliche Forschung anzuregen. Im Fall der teleologischen Perspektive heißt das also, dass die Frage gestellt werden muss, ob es gelingt, schlüssige und heuristisch fruchtbare SD-Modelle zu entwerfen, beziehungsweise sich andere naturwissenschaftlich beantwortbare Fragestellungen geben. Mögliche Forschungsrichtungen im Rahmen der teleologischen Perspektive sollen in einem Folge-Posting besprochen werden.

Literatur


Collins R (2006a) A critical evaluation of the Intelligent Design Program: an analysis and a proposal: http://home.messiah.edu/~rcollins/Intell3.htm.

Collins R (2006b) Intelligent Design not Science but Metascience: http://home.messiah.edu/~rcollins/IDRNT.htm.htm.

Gene M (2007) The Design Matrix.A Consilience of Clues. Arbor Vitae Press.

Heilig (2008a) Bin ich ein "ID-Vertreter"? Evolution und Schöpfung: http://evolution-schoepfung.blogspot.com/2008/10/bin-ich-ein-id-vertreter.html.

Heilig (2008b) Intelligentes, Optimales und Spezifisches Design. Evolution und Schöpfung: http://evolution-schoepfung.blogspot.com/2008/08/intelligentes-optimales-und.html.

Junker R (2005) Wissenschaft im Rahmen des Schöpfungsparadigmas. Artikel für Wort und Wissen: http://wort-und-wissen.de/artikel/a02/a02.html.

Lakatos I (1974) Falsifikation und die Methodologie wissenschaftlicher Forschungsprogramme. In: Lakatos I & Musgrave A (Hg.) Kritik und Erkenntnisfortschritt. Braunschweig, 89-189.

Lönnig WE & Meis F (2006a) Intelligent Design (ID) liefert wissenschaftliche Erklärungen. Methodologische Bemerkungen zu einem klaren Verhältnis (Erste Diskussionsrunde). Religion, Staat, Gesellschaft. Zeitschrift für Glaubensformen und
Weltanschauungen. Journal for the Study of Beliefs and Worldviews 7, 289-318.

Lönnig WE & Meis F (2006b) Intelligent Design (ID) ist eine wissenschaftliche Theorie (Zweite Diskussionsrunde). Religion, Staat, Gesellschaft. Zeitschrift für Glaubensformen und Weltanschauungen. Journal for the Study of Beliefs and Worldviews 7, 331-342.

Meyer SC (2002) The Scientific Status of Intelligent Design: The Methodological Equivalence of Naturalistic and Non-Naturalistic Origins Theories.

Ratzsch DL (2001) Nature, Design, and Science. The Status of Design in Natural Science. New York.


*Während die ateleologische Perspektive die Bezeichnung als "metascientific" im selben Maß verdient, wie die teleologische Perspektive, halte ich diese Bezeichnung für Darwins konkreten Erklärungsversuch für unangebracht: Darwin legte durchaus eine erklärende Theorie vor.

Ganzheitliche Geologie - Schritt zu einem biblisch-urgeschichtlichen SD-Modell

In einem Diskussionsbeitrag für die "Studiengemeinschaft Wort und Wissen" habe ich einen Artikel besprochen, der in meinen Augen (und ich weiß, ein großer Teil der Leser dieses Blogs hat ganz andere...) einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu einem biblisch begründeten SD-Modell darstellt. "Wichtig", nicht unbedingt, weil er einen großen Fortschritt auf einer (momentan unlösbar scheinenden) empirischen Ebene darstellen würde, sondern, weil er eine notwendige Bewegung in die korrekte Richtung darstellt, welche eingeschlagen werden muss, soll jemals ein solches "ganzheitliches" Modell entstehen. Mit Brandts Arbeit besteht sicherlich noch kein konkurrenzfähiges Gegenmodell zur Schulgeologie vor, aber es wird dadurch immerhin schonmal ein Niveau erreicht, das sich auf methodischer Ebene weit über das von den Vertretern des "scientific creationism" bisher erreichten, abhebt und eine theoretische Basis darstellt, welche in mühevoller geologischer Kleinarbeit (wie etwa hier) nun bebaut werden wird - oder eben nie bebaut werden wird, weil der Ansatz schlicht unfruchtbar ist.

Dienstag, Oktober 14, 2008

Teleologisten diskutieren: "Bin ich ein 'ID-Vertreter'?"

Mein neulich geposteter Beitrag hat auch intern für Diskussionen gesorgt. Da ich ungern mehrere Male dasselbe schreibe und im Laufe der internen Kommunikation Fragen behandelt wurden, die aufgrund unklarer Formulierungen meinerseits vielleicht auch bei einigen Blog-Lesern entstanden, sollten diese Anmerkungen hier auf den Blog. Da es als Beitrag übersichtlicher ist, als nur als Kommentar, stelle ich das hier so ein. Ich wünsche mir sehr, dass dieser Thread nicht vom Thema abweicht und besonders auch den bisherigen Diskutanten genügend Raum und Struktur lässt, dass diese sich weiter austauschen können. Also bitte eher mal zurückhalten, bis sich eine Art "Ergebnis" abzeichnet und dann dazu sich erst äußern. Es würde mich sehr enttäuschen, wenn sich die Entscheidung, das auf dem Blog und nicht intern auszudiskutieren als Fehlentscheidung herausstellen würde. Also: Erstmal mehr mitlesen und die guten Gedanken für den Schluss aufheben! ;-) Außerdem: Wir haben ja noch den anderen Thread, in dem jeder nach herzenslust beitragen kann!


Der Diskussion könnte man (aus meiner Sicht!) einige grundlegende Punkte entnehmen:



  1. Künstlichkeit nachzuweisen wäre eine große Sache - aber eben noch kein Design.


  2. Der Nachweis von Künstlichkeit legt Design in diesem Fall zumindest nahe und kann die Frage nach Design motivieren.


  3. Der Nachweis von Künstlichkeit ist aber zumindest ein Indiz, dass irgendwo ein Design-Prozess lief, in dessen Kontext das möglicherweise nicht-designte, aber künstliche Objekt entstand: Wenn das Objekt "Abfall" ist, wurde dabei ja etwas anderes designt. Das liegt wie gesagt nahe, muss aber so nicht sein. Künstlichkeit könnte auch ganz losgelöst von irgend einem verwirklichten Design entstehen. Aber:


  4. Der Nachweis von Künstlichkeit entspricht dem Nachweis einer Intelligenz. Wer in ID nur eine Möglichkeit zum Gottes(bzw. Intelligenz)-Beweis sucht, kann sich daher mit dem Nachweis von Künstlichkeit zufrieden geben und braucht kein SD.


  5. Im Rahmen der teleologischen Perspektive (und auch dem konventionellen ID) wird aber ein wissenschaftlich bedeutsamer Anspruch angestrebt: Man will wissen, was genau designt ist. Dafür braucht es dann wieder SD.


  6. Was dem einen Verursacher Intention abverlangt, muss es dem anderen noch lange nicht tun. Neben der Komplexität des in Frage stehenden Gegenstandes ist auch immer die Komplexität des mutmaßlichen Designers gefragt (SD).

Zur leichteren Übersichtlichkeit sind Worte von Markus blau, die von Theresa rot, Martins grün und meine lila.


Markus:

Kommentare zum Beitrag 'Bin ich ein ID-Vertreter?' (http://evolution-schoepfung.blogspot.com/2008/10/bin-ich-ein-id-vertreter.html)
Christoph argumentiert dort, dass man durch die Überprüfung (und den Ausschluss) natürlicher Erklärungsmöglichkeiten für einen Sachverhalt X höchstens schließen kann, dass X künstlicher Natur ist, nicht aber, dass X absichtsvoll geschaffen ('designed') ist.
Der Unterschied zwischen 'Künstlichkeit' und 'Design' macht durchaus Sinn. So ist es beim SETI-Programm sicher die 'Künstlichkeit' eines Signals, welche die Frage nach einer Verursachung durch eine Alien-Intelligenz des betreffenden Signals hervorruft. Eine Intelligenz wäre ganz einfach eine angemessene Ursache.
So hat man die regelmäßigen Signale von Pulsaren als möglicherweise 'künstlich' eingestuft, weil man keine natürlichen Quellen für ein solches Signal kannte. Damit war aber noch nicht gesagt, dass dieses Signal eine Botschaft trägt oder gar mit dem Ziel andere Intelligenzen zu kontaktieren abgestrahlt wurde. Das Signal hätte genausogut ein nicht beabsichtigtes Abfallprodukt einer Alien-Intelligenz sein können. In dem Sinne hat Christoph recht, wenn er schreibt:

Durch die Evaluation natürlicher Prozesse kann höchstens auf Künstlichkeit, nicht aber auf Design geschlossen werden.

Für etwas problematischer halte ich aber den Schluss:

Solange wir nichts über die Eigenschaften eines Urhebers eines künstlichen Produktes wissen, können wir unmöglich wissen, ob er es designte, oder nur "aus Versehen" (also ateleologisch) produzierte.


Meiner Meinung nach ist die Suche nach Hinweisen auf intelligentes Eingreifen immer mit gewissen Vorannahmen über die verursachende Intelligenz verbunden. Es ist unsere Erfahrung als Intelligenzen, die uns das Wirken anderer Intelligenzen erkennen lässt. ('Nur eine Illusion' p.100).
Christoph argumentiert, dass Designer theoretisch etwas aus Versehen machen können (Metall-Klotz im Garten). Somit könnte der Klotz im Garten zwar (wie das Radio-Signal) künstlich sein, nicht aber beabsichtigt – wenn man keine für menschliche Intelligenzen aktuellen Maßstäbe anlegt.
Ich denke, dass Problem liegt hier in der Komplexität des jeweiligen Objekts. Ein regelmäßig wiederkehrendes Radiosignal ist genauso wie ein Metallklotz extrem simpel (wenngleich jeweils Abfall?-Produkt einer komplexen Technologie). Wenn wir postulieren, dass Radiosignal sei stattdessen Träger eines komplizierten Codes und der Metallwürfel Behälter für einen Roboter, sieht die Sache anders aus. Sowohl Radiosignal als auch Roboter würden durch ihre innere Teleologie nahelegen, dass sie an irgendeinem Punkt das Produkt eines absichtsvollen, intelligenten Urhebers waren – mithin ein 'intelligentes Design' darstellen. Dabei ist zu beachten, dass weder der Empfänger des Radiosignals noch die Positionierung des Roboter-Behälters im
Garten geplant sein müssen. Allein die Analyse des Radiosignals bzw. des Roboters zeigt in welchem Ausmaß Intentionalität und Intelligenz bei deren Entstehung involviert gewesen sein müssen: MINDESTENS soviel wie der Analyst benötigt um Radiosignal und Roboter nachzubauen ('reverse Engineering').
Wenn Christoph daher schreibt...

Wenn ich nur postuliere, der Urheber sei intelligent, aber sonst nichts, kann ich auch nicht ausschließen, dass er ein übernatürliches Wesen ist (oder ein hochentwickeltes Alien), das andauernd unbeabsichtigt Bakterienflagellen, DNA-Sequenzen und Eisen-Quader produziert.

... kann ich dem nicht folgen. Bakterienflagellen und DNA-Sequenzen besitzen eine innere Teleologie die von Absicht zeugt – egal ob das für die dahinter stehende Intelligenz ein 'Klacks' ist oder nicht. (Das alles ist weder eine Frage der Macht noch der Höhe der Intelligenz.) Bakterienflagellen und DNA-Sequenzen werden in der Natur übrigens ständig 'unbeabsichtigt' erzeugt, allerdings nicht ohne komplexe Maschinerie im Hintergrund. Die Absicht liegt also im Programm. Sogar Eisen-Quader wären streng genommen auch nicht unbeabsichtigt, benötigen sie doch irgendeine Technologie, die sie erzeugt – selbst wenn sie nur unbedeutendes Abfallprodukt dieser Technologie wären.
IMHO ist also die Unterscheidung zwischen 'Künstlichkeit' und 'Design' im Prinzip sinnvoll, aber mit der Einschränkung, dass man zügig vom einen auf das andere kommt (wenn das Untersuchungsobjekt dies zulässt) ohne mehr als die üblichen spezifischen Annahmen über den Designer zu machen – dass er mindestens so viel können muss, wie der Mensch kann: Kreativität, Motivation, Absicht, Intelligenz, Macht. Eine Intelligenz die das nicht kann, produziert auch keine Bakterienrotationsmotoren bzw. wird keinerlei Spuren im Universum hinterlassen – muss uns also nicht kümmern. Eine Intelligenz, die unvorstellbar anders tickt als der Mensch muss uns auch nicht kümmern, weil wir dann keine 'Verbindung' zu ihr herstellen können, ergo keine Hinweise auf sie erkennen können.
Zudem bezweifle ich, dass der Weg immer 'Künstlichkeit' -> 'Design' ist. Das Wirbeltierauge ist alleine schon ob seiner komplexen teleologischen Struktur Kanditat für intelligentes 'Design' obwohl seine 'Künstlichkeit' heftig umstritten ist.
Teleologie spricht nun deshalb für ID, nicht nur weil sie erfahrungsgemäß nicht durch ungerichtete Prozesse entsteht, sondern weil Teleologie ein Paradoxon darstellt, welches nur durch Intentionalität gelöst werden kann: Das Spätere begründet das
Frühere. Die Chance ist freilich Teleologie als durch ungerichtete Mechanismen erzeugte Illusion zu entlarven. Die Vereitelung dieser Chance stärkt die 'Künstlichkeit'. Soweit meine Gedankensplitter zum Thema.


Theresa:

Sogar Eisen-Quader wären streng genommen auch nicht unbeabsichtigt,
benötigen sie doch irgendeine Technologie, die sie erzeugt – selbst wenn sie nur unbedeutendes Abfallprodukt dieser Technologie wären.



So hat man die regelmäßigen Signale von Pulsaren als möglicherweise 'künstlich' eingestuft, weil man keine natürlichen Quellen für ein solches Signal kannte. Damit war aber noch nicht gesagt, dass dieses Signal eine Botschaft trägt oder gar mit dem Ziel andere Intelligenzen zu kontaktieren abgestrahlt wurde. Das Signal hätte genausogut ein nicht beabsichtigtes Abfallprodukt einer Alien-Intelligenz sein können.


Meiner Meinung nach widersprechen sich diese beiden Zitate.Wenn die Aliens irgendwelche Sachen produzieren, ist es doch egal ob dabei als Abfallprodukt Eisen-Quader, Signale oder Flagellen entstehen. Die Aliens beabsichtigen diese nicht. Darauf kommts doch an.Oder ich hab da was nicht verstanden...?



Markus:

Das Produkt an sich mag nicht beabsichtigt sein, aber auch als 'Abfall' weist es doch auf einen größeren Prozess oder Mechanismus hin, der absichtsvoll konstruiert ist. Die Gestaltung eines solches Mechanismus geht zudem mit der Entscheidung über die Art des produzierten 'Abfalls' einher. Vom Menschen konstruierte Fabriken produzieren Unmengen Ausschuss. Auch wenn der nicht das eigentliche Ziel der Produktion ist, so trägt er doch Hinweise auf Art und Ziel des Produktionsablaufes. Der Ausschuss ist so gesehen ein intelligentes Design für sich. Noch besser, wenn der 'Abfall/Ausschuss' es über eine innere Teleologie wie etwa das Flagellum verfügt.



Theresa:

Also sind jetzt die Signale aus dem All und die Abschläge auch Design, oder?Ansonsten bleibt für mich der Widerspruch bestehen.

Das Produkt an sich mag nicht beabsichtigt sein, aber auch als 'Abfall' weist es doch auf einen größeren Prozess oder Mechanismus hin, der absichtsvoll konstruiert ist.

Das stimmt. Aber der Prozess ist nunmal konstruiert worden, um etwas anderes als diesen Abfall zu produzieren. Die Späne die beim Sägen entstehen sind auch Abfall. Ich weiß, dass sie durch Sägen (oder etwas ähnlichem) entstehen können. Trotzdem will ich ja nur ein schönes, gerades Brett sägen. Mein Brett ist designt, ich wollte es so. Was mit den Spänen ist (wie sie aussehen usw.) ist mir egal. Oder würdest du meinen die seien designt?


Die Gestaltung eines solches Mechanismus geht zudem mit der Entscheidung über die Art des produzierten 'Abfalls' einher.


Das mag sein, aber wenn der Abfall wirklich nur Abfall ist, dann hat sein Produzent ihn auch nicht gewollt bzw. ohne Intention produziert und damit auch nicht designt.

Noch besser, wenn der 'Abfall/Ausschuss' es über eine innere Teleologie wie etwa das Flagellum verfügt.

Wenn es wirklicher Abfall ist, dann ist es auch egal ob dieser komplex, schön o.ä. ist.



Markus:


Also sind jetzt die Signale aus dem All und die Abschläge auch Design,
oder?

Sie sind zumindest Hinweise auf Design.

Wenn es wirklicher Abfall ist, dann ist es auch egal ob dieser komplex,
schön o.ä. ist.

'Abfall' zu dessen Herstellung Planung nötig ist, ist kein 'Abfall' mehr - welche Rolle er auch in den Plänen des ursprünglichen Designers spielt. Es macht einfach keinen Sinn ein komplexes Organisationsgefüge als 'Abfall' zu bezeichnen. Wenn ein Nachbau des Flagellums Intelligenz und absichtsvolle Planung benötigt, dann kann man das als absolute Untergrenze auch für den ursprünglichen Designer annehmen. Es macht keinen Sinn so zu tun als wären Sägespäne dasselbe wie ein Flagellum. Oder so, als wäre Ausschussprodukt gleich Ausschussprodukt. Eine komplizierte aber während des Produktionsprozesses funktionslos gewordene Klammer ist nicht vergleichbar mit einem Sägespan. Ein regelmäßiges Signal - selbst wenn es nur das Produkt komplizierter Technologie sein kann und niemals in der Natur vorkommt - ist anders zu bewerten als ein Signal, welches eine Nachricht überträgt. Sogar wenn diese Nachricht nur eine Spam-Email mit unbestimmten Empfänger ist, also Quasi den Status von 'Abfall' hat.



Martin:

Ähnliche Gedanken hatte ich auch. Wenn man davon ausgeht, dass 'artifiziell, aber ohne Absicht entstanden' unterscheidbar ist von 'durch reine blinde Naturgesetze entstanden', dann wär das doch schon ein Riesenschritt, oder? Bei SETI würde man schon das als Durchbruch feiern.[...]


Christoph:


Okay, ich habe wohl für einige Unklarheiten [gesorgt, edit], denen ich mich jetzt widmen werde. [...]

Zu Markus‘ erstem Beitrag:

Christoph argumentiert dort, dass man durch die Überprüfung (und den Ausschluss) natürlicher Erklärungsmöglichkeiten für einen Sachverhalt X höchstens schließen kann, dass X künstlicher Natur ist, nicht aber, dass X absichtsvoll geschaffen ('designed') ist.

Ja. Das ist das Entscheidende, das ist das Unbestreitbare und das einzige, worum es geht. Wenn wir die Definitionen wie gehabt beibehalten (Design= purposeful arrangement), dann ist an diesem Satz nicht die allerkleinste Bohne zu rütteln.

Der Unterschied zwischen 'Künstlichkeit' und 'Design' macht durchaus Sinn. So ist es beim SETI-Programm sicher die 'Künstlichkeit' eines Signals, welche die Frage nach einer Verursachung durch eine Alien-Intelligenz des betreffenden Signals hervorruft. Eine Intelligenz wäre ganz einfach eine angemessene Ursache.

Beziehungsweise: Die natürlichen Ursachen sind unangemessen. Auf Künstlichkeit schließen wir in der Regel negativ.

So hat man die regelmäßigen Signale von Pulsaren als möglicherweise 'künstlich' eingestuft, weil man keine natürlichen Quellen für ein solches Signal kannte. Damit war aber noch nicht gesagt, dass dieses Signal eine Botschaft trägt oder gar mit dem Ziel andere Intelligenzen zu ontaktieren abgestrahlt wurde. Das Signal hätte genausogut ein nicht beabsichtigtes Abfallprodukt einer Alien-Intelligenz sein können.

Exakt. Bei allem, was jetzt kommt, möchte ich auf eines hinweisen: Versteift euch nicht auf die Beispiele – da vergisst man schnell, was als logisches eigentlich dahintersteckt. Es gilt:

Christoph argumentiert dort, dass man durch die Überprüfung (und den Ausschluss) natürlicher Erklärungsmöglichkeiten für einen Sachverhalt X höchstens schließen kann, dass X künstlicher Natur ist, nicht aber, dass X absichtsvoll geschaffen ('designed') ist.

Und deduktiv können wir daraus schließen, dass es so auch mit dem Signal ist (und auch bei allen anderen Sachen!).

In dem Sinne hat Christoph recht, wenn er schreibt:

Durch die Evaluation natürlicher Prozesse kann höchstens auf
Künstlichkeit, nicht aber auf Design geschlossen werden.

Ich denke nicht, dass es nur „in dem Sinne“/Beispiel so ist. Es gilt generell und steht a priori und per Definition fest. Siehe den zitierten Satz oben – es leitet sich alles aus den Defintionen heraus ab. Da kann man nichts dran rütteln. Theresa hat darauf ganz richtig hingewiesen.


Für etwas problematischer halte ich aber den Schluss:

Solange wir nichts über die Eigenschaften eines Urhebers eines künstlichen Produktes wissen, können wir unmöglich wissen, ob er es designte, oder nur "aus Versehen" (also ateleologisch) produzierte.

Moment. Im Grunde ist das dasselbe wie oben – beziehungsweise, hier ist ein kleines Element mehr dabei: Ich sage hier wieder, dass allein auf der Ebene der Betrachtugn natürlicher Prozesse kein „Design“ identifizierbar sei. Dem hast Du ja zugestimmt. Des Weiteren postuliere ich nun, dass das möglich sein könnte, wenn man auch Eigenschaften über den Designer voraussetzt. Darüber können wir gerne diskutieren. Das ändert aber nichts an der Gültigkeit der ersten Feststellung.

Meiner Meinung nach ist die Suche nach Hinweisen auf intelligentes Eingreifen immer mit gewissen Vorannahmen über die verursachende Intelligenz verbunden. Es ist unsere Erfahrung als Intelligenzen, die uns das Wirken anderer Intelligenzen erkennen lässt. ('Nur eine Illusion' p.100).


Ein absolut gültiges SD-Argument.

Christoph argumentiert, dass Designer theoretisch etwas aus Versehen machen können (Metall-Klotz im Garten). Somit könnte der Klotz im Garten zwar (wie das Radio-Signal) künstlich sein, nicht aber beabsichtigt – wenn man keine für menschliche Intelligenzen aktuellen Maßstäbe anlegt.

Ich „argumentiere“ eigentlich nicht, ich bringe lediglich Beispiele für einen Satz, dessen Richtigkeit einzig und allein von den Definitionen für „Design“, „Künstlichkeit“ und „nätürlich“ abhängt. Da ich diese Definitionen vorgegeben habe, kann man mir eigentlich nur widersprechen, indem man für sich beschließt, andere Defintitionen zu verwenden (ich sagte früher beispielsweise: „Design ist, was design-fähige Agenten produzieren“), oder zeigt, warum der Satz nicht aus den Definitionen folgen sollte.

Ich denke, dass Problem liegt hier in der Komplexität des jeweiligen Objekts.

Ja. Das ist ein Parameter – der andere ist aber immer der Verursacher: Struktur X ist für Verursacher A nur durch Absicht zu verwirklichen, für Verursacher B jedoch auch „nebenbei“. Die komplexere Struktur Y erfordert vllt. Auch bei B absichtsvolles handeln. Man kann nun die Komplexität der Struktur beliebig steigern, du wirst niemals zu einem Punkt kommen, wo kein Denkbarer Verursacher modellierbar ist, der zu ihrer Produktion nicht designen müsste. Das sollte uns auch nicht verwundern – schließlich ist der Satz oben gültig. Unabhängig von den Beispielen, die wir
dazu finden.

Ein regelmäßig wiederkehrendes Radiosignal ist genauso wie ein Metallklotz extrem simpel (wenngleich jeweils Abfall?-Produkt einer komplexen Technologie). Wenn wir postulieren, dass Radiosignal sei stattdessen Träger eines komplizierten Codes und der Metallwürfel Behälter für einen Roboter, sieht die Sache anders aus.


Nein, nein, nein und nochmals nein. Es ist exakt dieselbe Sache, nur dass es nun schon einen sehr komplexen Verursacher bräuchte, der sowas „aus Versehen“ macht. Du weißt schon: So ein unendliches Wesen vom Typ ich-nies‘-mal-und’s-gibt-nen-big-bang. Sowas hälst Du für unplausibel? So nen Verursacher nimmst Du nicht an? Das schmeckt dir nicht? Klar – Du darfst das ausschließen! Mache ich auch. Aber dann bin ich eindeutig im Bereich von ID! Deshalb schrieb ich:

Wenn ich nur postuliere, der Urheber sei intelligent, aber sonst nichts, kann ich auch nicht ausschließen, dass er ein übernatürliches Wesen ist (oder ein hochentwickeltes Alien), das andauernd unbeabsichtigt Bakterienflagellen, DNA-Sequenzen und Eisen-Quader produziert. Niemand kann im Rahmen von lediglich intelligentem Design so etwas ausschließen. Und daher ist auch niemand in der Lage von Künstlichkeit ausgehend auf bloßes intelligentes Design zu kommen.

Bedenke mal, du schreibst:

Wenn ein Nachbau des Flagellums Intelligenz und absichtsvolle Planung benötigt, dann kann man das als absolute Untergrenze auch für den ursprünglichen Designer annehmen.

Das halte ich für komplett falsch. Damit setzt du voraus, dass die "teleologische Quelle" nicht mehr Dinge unbeabsichtigt produzieren kann, als dein hypothetischer Molekularbiologe - SD in Reinform! Nur weil eine nahezu gelähmte Person viel Absicht aufbringen müsste, um mit einem Stift auf ein Blatt Papier etwas zu kritzeln, weil es sie sehr anstrengt, heißt das doch nicht, dass das auch für mich durchdachtes Handeln erfordert...

Sowohl Radiosignal als auch Roboter würden durch ihre innere Teleologie
nahelegen, dass sie an irgendeinem Punkt das Produkt eines absichtsvollen, intelligenten Urhebers waren – mithin ein 'intelligentes Design' darstellen.

Nur, weil Du bereits Eisnchränkungen zum Designer machst, die in den logischen Kategorien nicht enthalten sind.

Dabei ist zu beachten, dass weder der Empfänger des Radiosignals noch die Positionierung des Roboter-Behälters im Garten geplant sein müssen.

Das ist ein ganz anderes Thema. Darauf werde ich an anderer
Stelle eingehen.

Allein die Analyse des Radiosignals bzw. des Roboters zeigt in welchem Ausmaß Intentionalität und Intelligenz bei deren Entstehung involviert gewesen sein müssen: MINDESTENS soviel wie der Analyst benötigt um Radiosignal und Roboter nachzubauen ('reverse Engineering').

Was immer Du für eine Struktur anführst (ob DNA, Flagelle, Auto, Universum, Bewusstsein………………, wirklich ganz egal!) kannst Du auf negativem Weg (was können natürliche Prozesse) bestimmen, dass es künstlich ist (mit eine Einschränkung, die später mal kommt, aber theoretisch geht es). Darauf aufbauend kannst Du ne ganze Menge SD betreiben: Du hast Design-Erfahrungen, Menschen können keine Bakterien bauen, bisher. Das ist ne wichtige Info. Menschenähnliche Designer-Kandidaten sind daher keine guten, für ein tragfähiges SD-Modell. So kann man zwischen SD-Modellen vergleichen. Auf der anderen Seite können wir auch sagen: Wenn der Designer in etwa uns ähnlich ist (vllt. Ein bisschen voraus), dann ist er auch nicht SOOOO extrem hochentwickelt, dass er Flagellen und Autos aus Versehen produzieren könnte. Dein Reverse Engineering ist daher eine erstklassige
SD-Methodik. Aber ansonsten gilt hier exakt das gleiche, wie für das einfache Radio-Signal. Die Künstlichkeit ist natürlich bei einem Roboter schneller zu erkennen, keine Frage. Aber die Designtheit ist ohne Vorgabe eines Designers nicht beantwortbar. Meistens geben wir ganz intuitiv einen Verursacher vor – wenn ich in meinem Garten was finde, denke ich, es war ein Mensch. Wenn aus dem All was kommt, denken gewissen Leute, es waren Aliens. Sie denken dabei an diverse Filme über Außerirdische und ihnen ist klar: Wenn der Verursacher aussah, wie E.T., dann hat er nicht „aus Versehen“ die Kreiszahl Pi bis auf 100 000 Stellen gefunkt. Bei wahsninnig komplexen Strukturen (Roboter usw.) kann es sein, dass deine Vorgabe wirklich nur ist, dass Du nicht annimmst, der Verursacher sei unendlich (oder nahezu unendlich mächtig; du kennst ja sicher diese Argumente; was in extrem fortschrittlichen Zivilisationen geschähe, wäre für uns – vllt. Sogar prinzipiell!!! – nur als Magie erkenntlich). Aber das ist SD – so wie jeder Schluss auf Design letztendlich SD ist, weil er das per Definition sein muss, da es per Definition per ID nicht sein kann. Du machst den Fehler, dass Du annimmst - wie weiter oben schon dargelegt - dass verschiedene Designer gleich viel Intentionalität benötigen würden. Das ist aber ganz einfach deswegen nicht richtig, weil die Designer nicht gleich sein müssen. Was für dich eine riesen Plan-Aktion braucht, kann für ein wahnsinnig komplexes Alien etwas sein, was es ganz ohne Überlegen hinbekommt.

Wenn Christoph daher schreibt...

Wenn ich nur postuliere, der Urheber sei intelligent, aber sonst nichts, kann ich auch nicht ausschließen, dass er ein übernatürliches Wesen ist (oder ein hochentwickeltes Alien), das andauernd unbeabsichtigt Bakterienflagellen, DNA-Sequenzen und Eisen-Quader produziert.

... kann ich dem nicht folgen. Bakterienflagellen und DNA-Sequenzen besitzen eine innere Teleologie die von Absicht zeugt – egal ob das für die dahinter stehende Intelligenz ein 'Klacks' ist oder nicht.

Wenn es für sie ein „Klacks“ ist, dann kann sie das ganze auch ohne Intention gemacht haben – sonst denkst du dir offensichtlich bereits einen Designer, für den das eben kein Klacks ist…

(Das alles ist weder eine Frage der Macht noch der Höhe der Intelligenz.)
Bakterienflagellen und DNA-Sequenzen werden in der Natur übrigens ständig 'unbeabsichtigt' erzeugt, allerdings nicht ohne komplexe Maschinerie im Hintergrund.

Das führt nun sehr weit vom Thema weg. Es ist selbstverständlich auch Counterflow, wenn das intelligente Wirken nicht im Resultat oder Prozess, sondern in den Ausgangsbedingungen steckt.

Die Absicht liegt also im Programm.

Nicht unbedingt. Das Künstliche liegt im Programm. Ob auch Absicht darin liegt kannst Du nur entscheiden, wenn du etwas bekannt gibst über den/die/das, der/die/das das Künstlich eproduziert haben soll(en).

Sogar Eisen-Quader wären streng genommen auch nicht unbeabsichtigt, benötigen sie doch irgendeine Technologie, die sie erzeugt – selbst wenn sie nur unbedeutendes Abfallprodukt dieser Technologie wären.

Doch. Gemäß der Definitionen sind sie unbeabsichtig. Ich denke, du hast das gemacht, wovor ich vorher schon gewarnt habe: Du hast die Definitionen und den Satz um den es ging aus den Augen verlassen und hast dich so sehr auf der Beispiel-Ebene bewegt, dass du dabei plötzlich aus diesen induktiv neue Definitionen hergeleitet hast.

Zudem bezweifle ich, dass der Weg immer 'Künstlichkeit' -> 'Design' ist. Das Wirbeltierauge ist alleine schon ob seiner komplexen teleologischen Struktur Kanditat für intelligentes 'Design' obwohl seine 'Künstlichkeit' heftig umstritten ist.

Das habe ich nie behauptet! Ich denke, dass im Rahmen von SD auch Design festgestellt werden kann, wo nichtmal die Künstlichkeit zwingend zu sein scheint. Ich habe dafür sogar ein Beispiel genannt – die Craig-Sequenz:

Die Sequenz ist so wenig spezifiziert-komplex, dass man sie allein auf dieser Grundlage wohl nicht mal als künstlich ausweisen könnte.

Zu Markus‘ zweitem Beitrag:

Das Produkt an sich mag nicht beabsichtigt sein, aber auch als 'Abfall' weist es doch auf einen größeren Prozess oder Mechanismus hin, der absichtsvoll konstruiert ist. Die Gestaltung eines solches Mechanismus geht zudem mit der Entscheidung über die Art des produzierten 'Abfalls' einher. Vom Menschen konstruierte Fabriken produzieren Unmengen Ausschuss. Auch wenn der nicht das eigentliche Ziel der Produktion ist, so trägt er doch Hinweise auf Art und Ziel des Produktionsablaufes. Der Ausschuss ist so gesehen ein intelligentes Design für sich.
Noch besser, wenn der 'Abfall/Ausschuss' es über eine innere Teleologie wie etwa das Flagellum verfügt.

So, jetzt sind wir endgültig vom Thema abgekommen. :-) Was Du gerade sagst Markus ist so viel, wie: „Wenn wo was Künstliches ist, dann weiß ich, dass es irgendwo auch was Designtes geben muss, sonst gäbe es dieses Beiprodukt nicht“. Das klingt ja sehr plausibel: Und wenn es nur das gewollte Kratzen des übernatürlichen Wesens an seiner Nase ist, durch die nebenbei, irgendwie, eben die Welt entstand. (Wer würde sagen, das sei eine zu triviale Ursache – für diese Welt werden nochweit aus trivialere (gar nicht künstliche!) Ursachen diskutiert. Einen solchen Verursacher einfach auszuschließen geht schondeswegen nicht einfach so.) Mit kleineren Einschränkungen hast Du ja auch Recht: Wenn Du was Künstliches findest, dann heißt es, dass es einen Verursacher geben muss, der sowas auch designen könnte – und wahrscheinlich sogar noch viel komplexere Dinge designen kann! Klar! Das stimmt. Keine Frage! Absolut keine Frage. Ich habe nie behauptet, die Feststellung von Künstlichkeit wäre eine Kleinigkeit! In keinster Weise ist sie das! Aber sie ist eben noch nicht der Feststellung von Design gleich und das kann sie auch keinesfalls sein, sonst begeht man einen Kategoriefehler. Klar ist es ne wichtige Feststellung, dass die Flagelle künstlich ist. Aber darum geht’s nicht bei ID: „purposeful arrangement“ – darum geht’s. Wer was anderes meint – okay, soll er eben sagen: „Die Flagelle/das Signal ist künstlich.“ Wenn er das auf negativem Argumentationsweg belegen kann – keine Frage! Nur zu. Das beweist viel (ein „Riesenschritt“, wie Martin sagt) – aber kein Design im speziellen, vorliegenden Fall. Und darum geht’s doch – darum, sagen zu können, ob Struktur X designt ist, oder nicht. Wem’s nur darum geht, irgend ne Intelligenz nachzuweisen, der sollte das so sagen – allerdings kann man das dann auch nicht mehr hinter nem angeblichen Forschungsprogramm verstecken, wenn doch dann ganz egal ist, was im Einzelfall rauskommt. Wem es nur um diese Feststellung geht, der kann doch gleich sagen: ich suche nach Künstlichkeit und will damit nen Gottesbeweis führen. (beziehungsweise den beweis eines Wesens, das sehr komplex ist – ob es sich für uns interessiert usw. ist dann natürlich immer noch ne andere Frage…).



14. Wissenschaftstheorietagung der "Studiengemeinschaft Wort und Wissen"

Marco schrieb unter einen meiner Beiträge kürzlich:
Ich bin etwas betrübt. [...] Es gibt dort eigentlich nichts mehr, über das man diskutieren könnte, oder worüber man sich wirklich amüsieren könnte.[...] Und nun wird auch noch der Hauptautor dieses Blogs hier "vernünftig". Eigentlich schade! ;-) [...]Aber es bleiben ja noch Hoffnungsschimmer! [...][K]önnen wir wenigstens ab und an einen Thread zum Erdalter o.ä. haben?[...]Solche Argumentationen [Grundtypen von W+W, Anm. C.H.] vermisse ich doch sehr. Ich möchte daher anregen, auf diesem Blog wenigstens ab und an noch schönen Unsinn zu verzapfen, davon hat es in letzter nun wirklich enttäuschend wenig gegeben!

Ich freue mich daher ganz besonders, ihn - und alle anderen interessierten Leser dieses Blogs - zu meinem Referat auf der 14. Wissenschaftstheorietagung der Studiengemeinschaft Wort und Wissen vom 5. bis 7. Dezember einzuladen, auf der ich folgendes Thema behandeln werde:

  • Christoph Heilig: Vom Verhältnis der teleologischen Perspektive zur biblischen Schöpfungslehre. Warum das spezifische Design-Modell von „Wort und Wissen“ weitaus mehr zu bieten hat, als der Ansatz des „intelligenten Designs“.
Für alle, denen ID zu inhaltslos zu ernsthaftem Bashing war, dürfte mein Beitrag dort sehr erfreulich sein, weil er für eben jene "Torheit" eintreten wird, die Marco sich so sehr wünscht.

Aber auch diejenigen, die einfach eine sachliche Diskussion suchen, sich für die dort zur Sprache kommenden Standpunkte ehrlich interessieren, oder - ich wage es kaum auszusprechen - sogar etwas ähnliches vertreten, seien auf diese Veranstaltung ganz besonders hingewiesen! ;-)

Montag, Oktober 13, 2008

MDT - ein SD-Modell

Ich habe vor einiger Zeit eine wirklich sehr intelligente Kritik am ID-Ansatz gefunden, die ich - nach diesem Beitrag - nun gerne mit euch teilen möchte, sofern ihr sie noch nicht kennt. Es handelt sich dabei um die "Multiple Designers Theory" von Richard B. Hoppe. Wenn man den auf der angegebenen Seite eingestellten Links folgt, findet man noch viele weiter Informationen dazu. Richard macht deutlich, dass ein Design-Ansatz ohne Designer-Bezug letztendlich nichts Neues generieren kann. Auch wenn Richards Motivation, eben nicht von einem einzelnen Designer auszugehen natürlich eine gewisse Ironie birgt und die Arbeit auch ansonsten nicht an Seitenhieben spart, halte ich sie dennoch für sehr wertvoll und weit mehr als eine gute Satire, da sie auf sehr lockere Art und Weise zeigt, wie man ein "Mehr" gegenüber dem Design-Ansatz von Dembski et al. erarbeiten könnte. Der Text ist daher ein Muss für jeden, der an der Ausarebeitung der teleologischen Perspektive interessiert ist.

Samstag, Oktober 11, 2008

Bin ich ein „ID-Vertreter“?

Einleitung:

Diese Frage stelle ich mir in letzter Zeit häufiger – vor allem, weil es immer mehr andere Menschen zu bezweifeln scheinen. Grund war vor allem dieser Beitrag (falls noch nicht bekannt, bitte erst lesen, ich baue hier darauf auf), in dem ich "ID" als Forschungsprogramm eine Absage erteilte. Ich möchte an dieser Stelle in sehr kurzer Form meine Position beschreiben, in naher Zukunft wird dies auch ausführlicher geschehen.

Klarstellungen:

I. "Intelligent Design" als teleologische Perspektive

Ich denke, dass "Design", welches ich nach Del Ratzsch ("Nature, Design and Science", S. 3) als "a deliberately intended or produced pattern" definiere, generell auch in der Biologie eine Rolle spielen könnte. Da ich persönlich ein Design aus Glaubensgründen für diese Welt voraussetze, bin ich in diesem Sinne ein ID-Vertreter. Das "intelligent" steht hier zur Abgrenzung von "unintelligentem" Design durch ateleologisch-natürliche Prozesse (vergleiche dazu meinen Beitrag mit Theresa im letzten "Studium Integrale Journal").

II. "Intelligent Design" als Methode der Design-Erkennung

Die allererste Frage, die sich nun stellt ist, wie Design erkannt werden kann. "Intelligent Design" ist ein Antwortversuch. ID steht demnach für eine bestimmte Methode der Design-Erkennung. Dabei wird über den Designer nicht mehr vorausgesetzt, als dass er "intelligent", also zu teleologischem Agieren fähig, sei. Das Adjektiv ist nicht nur eine notwendige, sondern auch eine hinreichende Beschreibung dieses Agenten. Diese Methode vertrete ich nicht mehr (auch wenn ich noch in Sokrates 2 (2008), 19-38 "Das Analogieargument – Kritik und Gegenkritik" versucht habe, diesen Schluss auf intelligentes Design zu rechtfertigen). Was sind meine Gründe für diese Meinungsänderung? Nehmen wir an, wir betrachten einen Stein und wollen wissen, ob er einen intelligenten Ursprung hat, oder nicht. Das können wir recht gut abschätzen, indem wir natürliche Prozesse [1] auf ihre Leistungsfähigkeit untersuchen. Können sie die Form schlecht erklären, nehmen wir mit Recht an, der Stein sei das Produkt eines intelligenten Agenten, also künstlich [2]. Doch ist dieser Gegenstand auch "Design"? Handelt es sich bei ihm um ein anvisiertes und durch teleologische Prozesse verwirklichtes Ziel, um ein Werkzeug? Oder handelt es sich nur um einen Abschlag, der zwar einen intelligenten Ursprung hat, aber nicht beabsichtigt war und damit auch kein Design ist? "Design ist simply the purposeful arrangement of parts." (Mike Behe) – Design ist nicht etwa das Produkt von Agenten, die Fähig sind zum "purposeful arrangement", nein das Design ist zweckmäßig! Wir halten also fest: Durch die Evaluation natürlicher Prozesse kann höchstens (s. [2]) auf Künstlichkeit, nicht aber auf Design geschlossen werden.

Wie kommen wir von der Feststellung von Künstlichkeit auf Design? Hier scheiden sich die Geister. Die einen (Dembski, Behe, Meyer, Lönnig usw.) meinen, es genügt zu sagen, dass der Verursacher der Künstlichkeit intelligent ist, ich denke, dass man – um von "artificial" zu "designed" zu kommen – weitere Voraussetzungen über den spezifischen Designer braucht. Schauen wir uns mal ein Beispiel eines Design-Arguments an, einen Beitrag von Luskin. Dieser sagt dort (bitte den Kontext nachlesen):

What we see here are complex sequences that match a specific pattern that can be derived independently from those sequences—the hallmark of design.

Die Sequenz ist so wenig spezifiziert-komplex, dass man sie allein auf dieser Grundlage wohl nicht mal als künstlich ausweisen könnte. Vergleiche dazu auch diesen Beitrag von Mike Gene. Aber: Wir wissen, dass Sequenzen dieser Art auftreten sollten, da Craig das angekündigt hatte. Wir können eine ganze Reihe solcher Voraussetzungen machen, die es uns erlauben, nicht nur Künstlichkeit, sondern sogar Design anzunehmen:

  • Wir wissen, dass Craig designt hat.
  • Wir wissen, dass er genau diese Sequenz manipuliert hat.
  • Wir wissen, was er für Möglichkeiten hat.
  • Wir wissen ungefähr, was er designen wollte: Botschaften.
  • Wir wissen, dass Craig sehr egozentrisch ist, daher können wir auch vermuten, dass er über sich selbst „schreiben“ würde.

Da wir das wissen, ist es nicht schwer, den positiven Schluss auf Design zu tätigen. Das ist aber spezifisches Design und grundverschieden von ID. Denn: Solange wir nichts über die Eigenschaften eines Urhebers eines künstlichen Produktes wissen, können wir unmöglich wissen, ob er es designte, oder nur "aus Versehen" (also ateleologisch) produzierte.

Wenn ich in meinem Garten einen großen Metall-Klotz finde, nehme ich an, er sei künstlich (natürliche Prozesse bringen so etwas soweit ich weiß nicht hervor) und schließe darüberhinaus auch auf Design. Ganz einfach, weil ich annehme, der Urheber sei ein menschliches Wesen (SD-Voraussetzung!). Ich muss aber beispielsweise klar benennen, zu was der postulierte Urheber fähig ist, ohne dafür absichtsvoll handeln zu müssen. Ohne diese Spezifizierung kann ich niemals eine Aussage darüber treffen, ob die von ihm verursachte Struktur praktisch "nebenbei" entstehen konnte, oder sein planvolles Agieren benötigte. Im Fall des angenommenen menschlichen Designers heißt das: Ich weiß, dass der Urheber sehr beschränkt in seinen Möglichkeiten ist. Ich weiß, dass er so etwas nicht "aus Versehen" macht. "So etwas" (hier: der Quader) meint: Eine Struktur deren ateleologische Entstehung durch einen spezifizierten Urheber so unplausibel ist, dass ich annehme, er habe absichtsvoll gehandelt. Wenn ich meine, der Metall-Klotz gehe auf einen unglaublich komplexen Außerirdischen zurück, der durchaus "aus Versehen" solche Sachen produzieren könnte, würde ich im Rahmen dieses SD-Modells für diesen Fall nicht notwendigerweise auf Design schließen – der Quader könnte auch einfach nur künstlich, aber nicht designt, sein. Ich muss Dinge über den Urheber voraussetzen, die über seine Eigenschaft "intelligent" hinausgehen [3]. Wenn ich nur postuliere, der Urheber sei intelligent, aber sonst nichts, kann ich auch nicht ausschließen, dass er ein übernatürliches Wesen ist (oder ein hochentwickeltes Alien), das andauernd unbeabsichtigt Bakterienflagellen, DNA-Sequenzen und Eisen-Quader produziert. Niemand kann im Rahmen von lediglich intelligentem Design so etwas ausschließen. Und daher ist auch niemand in der Lage von Künstlichkeit ausgehend auf bloßes intelligentes Design zu kommen. In diesem Sinn bin ich also kein ID-Vertreter. Der Schluss auf Design ist möglich – aber nur im Rahmen von spezifischem Design.

SD ist natürlich etwas "unattraktiv": Der Schluss auf Design kann auch nur dann "objektiv" sein, wenn der Designer für alle Wissenschaftler vorausgesetzt werden kann. Ansonsten ist er immer nur für bestimmte Gruppen plausibel oder nicht. Genau diese Situation haben wir, wenn sich SD auf den Ursprung des Universums, Lebens usw. (aber nicht unbedingt der einzelnen Hunderassen) bezieht. Meine Vorstellungen über die Feststellung von "Design in Nature" (SD statt ID!) ist in US-amerikanischen Kreisen sicher auch deswegen recht unbeliebt, weil der Schluss auf Design und Forschung im Design-Paradigma eben plötzlich doch metaphysische Bezüge enthalten, damit nicht mehr so schön objektiv sind, und schon gar nicht eine gleichwertige "Theorie" liefern, welche im Biologie-Unterricht mit der Erweiterten Synthetischen Evolutionstheorie verglichen werden könnte.

III. "Intelligent Design" als Forschungsprogramm

Wie im oben verlinkten Beitrag bin ich außerdem der Meinung, ID als Forschungsprogramm (also nicht nur als Design-Erkennungs-Methodik) liefere keine fruchtbaren Ansätze, so lange man die Spezifizierung des Designers nicht zulässt. Auch in diesem Sinn bin ich also kein ID-Vertreter, auch wenn ich denke, dass Design in Form von SD-Forschungsprogrammen eine Rolle für die naturwissenschaftliche Betätigung spielen könnten – zumindest theoretisch. Ohne diese Modellbildung ist die teleologische Perspektive schlicht inhaltsleer – ganz so, wie eine ateleologische Perspektive ohne Theorien, wie die von Darwin inspirierte, es wäre.

Danke:

Ich möchte an dieser Stelle, an diesem vorläufigem Rastplatz auf meiner Turbo-Odyssee durch die Ursprungsfrage, zwei Menschen von ganzem Herzen danken, die maßgeblichen Anteil an jedem Fortschritt hatten, den ich im Bezug auf das Thema gemacht habe: Reinhard Junker und Theresa Haller. Ersterer hat mich in unzähligen Diskussionen dazu gezwungen, meine Position immer wieder aufs Neue zu überdenken. Letztere hat es binnen Monaten in einer gnadenlosen aber unendlich konstruktiven Kritik geschafft, mir so ziemlich jede meiner Lieblingsideen zu zerstören und mir Inkonsistenz in gerade denjenigen Punkten meiner Argumentation aufzuzeigen, auf die ich am meisten stolz war.


Endnoten:

[1] "Natürlich" ist hier als Gegenstück zu "künstlich" gemeint und nicht im Wortpaar zu "übernatürlich". Auch die Gegenüberstellung "natürlich vs. künstlich" hat seine Schwierigkeiten, die mir bewusst sind: Ist das Künstliche letztendlich nicht einfach eine Unterkategorie des Natürlichen? Das mag sein, darum soll es hier nicht gehen. Man könnte die beiden Kategorien wie hier verwendet dennoch voneinander unterscheiden. "Künstlichkeit" ginge dann eben auf besonders komplexe Natürlichkeit zurück. Die Worte sind nicht ideal, aber ich denke, mit diesen Abklärungen sollte das Verständnis doch möglich sein.

[2] Unplausibilität der natürlichen Ansätze ("Counterflow") alleine genügt aber an für sich noch nicht, um gerechtfertigt auf Künstlichkeit zu schließen. Es kommt hier noch ein weiteres Element hinzu, dass ich in einem weiteren Beitrag diskutieren möchte und was dem Schluss auf Künstlichkeit die Transsubjektivität raubt.

[3] Eine andere vom Designer zu liefernde Rahmenbedingung ist seine Bereitschaft, etwas zu designen. Wenn ich in eine Schnecke finde, deren Matsch deutlich das Profil eines Schuhs angenommen hat, ist es durchaus plausibel, anzunehmen, diese Formgebung sei künstlich. Ich würde aber wohl kaum auf die Idee kommen, es handle sich dabei um Design, wenn ich bedenke, dass ich mich in einem buddhistischen Kloster und nicht in meinem Garten befinde.

Mittwoch, Oktober 01, 2008

Galaxien gehen eigene Wege

Es wird dunkler im All: Neben dunkler Materie und dunkler Energie gibt es nun auch dunkle Bewegung. Wie Science News berichtet, entdeckten Forscher, dass sich rund 700 Galaxien-Cluster mit etwa 1000 km pro Sekunde auf einen Punkt am südlichen Sternenhimmel zu bewegen, und das unabhängig von der Expansion des Universums. Der Grund dafür ist bisher unbekannt und liegt möglicherweise nicht innerhalb des sichtbaren Universums. Die Astronomen um Alexander Kashlinsky und Harald Ebeling konnten das Ergebnis erst selbst nicht glauben und überprüften ihre Ergebnisse ein Jahr lang, bevor sie sie veröffentlichten. Ob die Entdeckung sogar die grundlegende Annahme der Astronomie, dass Struktur und Dichte der Materie im gesamten Universum gleich sind, in Frage stellt, müssen wohl weitere Forschungen zeigen.



Siehe auch: Mysterious 'Dark Flow' Discovered in Space
Scientists Detect Cosmic Flow Across Billions of Lightyears

(Bildquelle: www.NASA.gov)

"Spore game: Intelligent Design promotes Evolution"

Das Computer-Spiel Spore ist stark frequentiert. Ja geradezu ein Bestseller. Es soll spielerisch die Makroevolutionsfähigkeiten des Lebens vermitteln. Aus diesem Grunde wird es auch meist von der Mainstream-Biologie sehr gelobt [1]. Kritik umfasst die Vermarktungsstrategie und technische Details wie der Kopierschutz.

Der berühmt-berüchtigte Stringtheoretiker Lubos Motl, selbst kein irgendwie gearteter Anänger des Intelligent Design, sieht in diesem Spiel dennoch mehr als nur Evolutionspropaganda fürs Kinderzimmer.

Unter gleichlautendem Titel dieses Beitrags schreibt er auf seinem Blog:

While your role in the game is to be God (or "a god", in this case) and help the creation of new life forms by your intelligent design, I guess that the people who play the game will end up believing and understanding evolution more than they did before. [2, Hevorhebung nicht im Original]




Wirklich interessant: Unter Zuhilfenahme eines Intelligent Design kann man Evolution also viel besser verstehen als zuvor. Für mich keine Überraschung.

Es ist schon bemerkenswert, dass man im Rahmen einer Computersimulation darauf verzichtet mit verhältnismäßig kleinen aber dem Spielfluss nicht hinderlichen Zufallsvariationen bezüglich von Form und Funktionen der dargestellten Lebewesen zu operieren. Statt dessen wird nach Anhäufung von genügend DNA-Punkten, die man auch erst mal erspielen muss indem man schwächere Lebewesen oder Pflanzen verspeist und sich vor stärkeren Organismen in Acht nimmt, ein Spore-Labor zur Verfügung gestellt, in dem man dann die nun - je nach angenommener Entwicklungsstufe - neuen Merkmale selbst kreieren soll.


Links zum Thema:

[1] Zum Beispiel Newscientist: The games master

[2] Motl: Spore Game: Intelligent Design promotes Evolution

[3] Sporepedia