Ullrich Kutschera gab unlängst für Focus Online ein Interview. Dabei wurde ihm die Frage gestellt, was die Evolutionstheorie für viele Menschen unglaubwürdig, bzw. abschreckend mache. Kutschera antwortet:
„Eine Darwinsche Erkenntnis, die er erst 1871 in seinem Buch zur Abstammung des Menschen formuliert hat, ist für viele Personen eine Provokation: Wir sind nur eine von Millionen verschiedener Tierarten der Erde, die sich vor wenigen Jahrmillionen in Afrika aus Schimpansen-ähnlichen Urformen entwickelt hat.“
Das menschliche Naheverhältnis zu Tieren ist keine Neuigkeit. Schon Adam suchte sein Gegenstück (wenngleich erfolglos) im Tierreich (Genesis 2:20), was von vornherein absurd gewesen wäre, wenn der Mensch biologisch gesehen eine absolute Sonderstellung besessen hätte. Carl von Linné, quasi Adams Erbe als Namensgeber der göttlichen Schöpfung stellte den Menschen mit anderen Primaten in die Ordnung Primates.
Das der Mensch keine absolute biologische Sonderstellung besitzt dürfte also nicht der Schocker sein. Interessanter ist da die Feststellung, dass Kutschera den Menschen als „nur eine von Millionen verschiedener Tierarten“ bezeichnet. Dieses 'nur' scheint ein Werturteil zu sein.
„Führende Evolutionsforscher bemühen sich darum, Schimpanse und Mensch wegen der nahezu 99-prozentigen Identität auf dem Niveau der Protein-Gene in dieselbe Gattung „Homo“ zu stellen.“
Die Rede von der 99%igen Ähnlichkeit/Identität geht auf eine Aufsehen erregende Untersuchung von King & Wilson im Jahr 1975 zurück. King & Wilson haben allerdings keine schnelle und simplen Schlüsse aus ihrem Ergebnis gezogen. Sie schrieben, dass Menschen und Schimpansen eine so große genetische Ähnlichkeit aufwiesen, wie sie ansonsten bei Geschwisterspezies anderer Arten vor kämen.
Sie bezeichnen dieses Ergebnis als außergewöhnlich, da – im Unterschied zu Geschwisterspezies anderer Arten – Menschen und Schimpansen anatomisch signifikante Unterschiede aufwiesen. Dazu führen King und Wilson weitere Unterschiede auf, die dazu führten, dass Menschen und Schimpansen in verschiedene Familien eingeordnet wurden.
King & Wilson erkannten dies als erklärungsbedürftige Anomalie und schlugen vor, dass Unterschiede in Protein-codierenden Genen wohl nicht für die umfangreichen Besonderheiten des Menschen aufkommen konnten, sondern es auf genetische Regulationssysteme ankäme.
Anstatt also Menschen und Schimpansen aufgrund ihrer enormen genetischen Ähnlichkeit auf dem Niveau Protein-codierender Gene gleich zu machen (bzw. in die gleiche Gattung zu stellen) haben sie die Frage nach der Ursache der ansonsten offensichtlichen Unterschiede gestellt.
John Cohen (2007) kommentiert die wegbereitende Arbeit von King und Wilson so:
„...Allan Wilson of the University of California (UC), Berkeley, and his erstwhile graduate student Mary-Claire King made a convincing argument for a 1% genetic difference between humans and chimpanzees. “At the time, that was heretical,” says King, now a medical geneticist at the University of Washington, Seattle. Subsequent studies bore their conclusion out, and today we take as a given that the two species are genetically 99% the same. But truth be told, Wilson and King also noted that the 1% difference wasn’t the whole story. They predicted that there must be profound differences outside genes— they focused on gene regulation—to account for the anatomical and behavioral disparities between our knuckledragging cousins and us.“
Die 99% genetische Ähnlichkeit sind demzufolge nicht die „ganze Geschichte“ und sie war es noch nicht einmal 1975. Allerdings hat diese verstümmelte Geschichte dem Zweck gedient, die unterschätzte Ähnlichkeit zwischen Menschen und Schimpansen herauszustellen:
“For many, many years, the 1% difference served us well because it was underappreciated how similar we were,” says Pascal Gagneux, a zoologist at UC San Diego.“
Für den 'guten Zweck' nur die eine Hälfte der Geschichte zu erzählen ist allerdings keine Hilfe für die Wissenschaft:
“Now it’s totally clear that it’s more a hindrance for understanding than a help.”
Cohen führt zudem neuere Ergebnisse an, die zeigen, dass die Unterschiede zwischen Menschen und Schimpansen auf molekularem Level signifikant sind (aufgegriffen und beschrieben hier und hier).
Wenn man von der „99-prozentigen Identität auf dem Niveau der Protein-Gene“ spricht und dabei komplizierende Faktoren die schon 1975 diskutiert wurden sowie neuere Ergebnisse, welche die 99% Zahl (oder zumindest deren Signifikanz), unterminieren, weg lässt, erzählt man sicher nicht die 'ganze Geschichte' aus wissenschaftlicher Sicht. Vielleicht geht es aber eher um einen 'guten Zweck' als um ein wissenschaftlich tragfähiges Argument?
Kutschera legt dies jedenfalls nahe, argumentiert er anschließend doch dafür Schimpansen aufgrund ihrer großen genetischen Ähnlichkeit als Menschenart einzustufen und ihnen Menschenrechte zu verleihen, was es erleichtern würde, ihre Ausrottung zu verhindern. Der Schimpanse würde also nicht als Schimpanse geschützt, sondern als Mensch. Auch wenn dieser nur eine von Millionen Tierarten ist. Was genau diese Art schützenswert macht, ist aus Perspektive der von Kutschera in diesem Zusammenhang zitierten 'evolutionären Ethik' unklar. Millionen Tierarten sind bereits ausgestorben, viele tun es täglich. Ob Menschen oder 'Schimpansen-Menschen' da die nächsten sind, ist im Evolutionsprozess völlig irrelevant. Bei der Verleihung von Menschenrechten aufgrund obskurer Prozent-Ähnlichkeiten ist es zudem nur eine Frage der Zeit, bis Meerschweinchen ihre Rechte erhalten werden und auch Bananen aus den Supermärkten verschwinden müssen. Denn wer entscheidet über eine Prozent-Grenze? Wären z.B. 95% genetische Ähnlichkeit zu wenig? Sonderangebote bei Menschenrechten „Heute schon ab 80% und Nervensystem!“...? Aber das ist eine ganz eigene Geschichte...
Cohen J. (2007): Relative differences: the myth of 1 %. Science 316: 1836
King, M-C. and A.C. Wilson. (1975): Evolution at two levels in humans and chimpanzees. Science: 188, 107-116.
*Kreationisten heute vertreten keine absolute Unveränderlichkeit der Arten. Es wäre auch interessant zu fragen, ob Arten von Kreationisten vor Darwin tatsächlich stets als absolut unveränderlich angesehen wurden.