Montag, Dezember 29, 2008

Wirbeltierauge mit Spiegeloptik

"Dank einer raffinierten Kombination aus zwei optischen Systemen verbessert ein Tiefseefisch seine Sicht: Die Augen des Gespensterfischs Dolichpteryx longipes haben nicht nur eine nach oben gerichtete Linsenoptik, sondern zusätzlich eine Spiegeloptik, mit der die Tiere auch Bereiche unter sich wahrnehmen können. Diesen ungewöhnlichen Augentyp beschreiben Tübinger Anatomen im Fachblatt "Current Biology". Derartige abbildende Spiegelaugen waren bislang nur bei Wirbellosen bekannt, etwa von manchen Muschel-, Krebs- oder Hummerarten, nicht aber bei Wirbeltieren"


Quellen

http://www.weltderphysik.de/de/4245.php?ni=1217 (Gespensterfisch mit Doppelauge)

http://www.newscientist.com/article/dn16341-first-vertebrate-eye-to-use-mirror-instead-of-lens.html (First Vertebrate Eye to use Mirror instead of Lens)

Donnerstag, Dezember 25, 2008

Trugschlüsse der populären Evolutionspsychologie

Adaptionistisches Storytelling erfreut sich besonderer Beliebtheit, wenn es darum geht, menschliche Verhaltensweisen zu erklären. Die äußerst komplexen menschlichen Verhaltensweisen im Bereich 'Fortpflanzung' sind hierbei z.B. ein besonders beliebtes Thema (siehe Post zu Gerti Sengers Story's auf diesem Blog).

Ein Artikel im Scientific American zeigt nun, dass man kein Evolutionskritiker irgendwelcher Art sein muss um populäre evolutionspsychologische Erklärungen als wissenschaftlich fragwürdig zu empfinden. Er zeigt einige grundlegende Irrtümer oder fragwürdige Aspekte solcher Ansätze auf, ohne sich natürlich auf prinzipieller Ebene von ihnen zu distanzieren (Übersetzung von mir):
"Es könnte ein harter, kalter Fakt sein, dass es viele Dinge zur Evolution des menschlichen Verstandes gibt, die wir niemals wissen werden und über die wir nur gehaltlos spekulieren können. Doch manche Spekulationen sind schlechter als andere. Die der Pop-Evolutionspsychologie sind tiefgreifend fehlerbehaftet. Wir werden wohl kaum viel über unsere evolutionäre Vergangenheit lernen, wenn wir unsere Vergangenheit im Pleistozän in einzelne Anpassungsprobleme unterteilen und dann der Annahme folgen dass der Verstand in spezielle Lösungen zu diesen Anpassungsproblemen eingeteilt ist, um diese Annahmen anschließend mit durch Bleistift und Papier erhobenen Daten zu stützen. Das Feld der evolutionären Psychologie wird sich verbessern müssen. Sogar mit seinem Besten wird es jedoch vielleicht niemals in der Lage sein uns mit dem Wissen um die Entstehung all unserer komplexen psychologischen Charakteristika zu versorgen."
David J. Buller (2008): Evolution of the Mind: 4 Fallacies of Psychology. December, in Mind & Brain

Montag, Dezember 22, 2008

Interview mit Richard Dawkins (2005)



"Es gibt Millionen von Fakten, die alle in die gleiche Richtung zeigen und keine Fakten, die in die falsche Richtung zeigen."


Samstag, Dezember 20, 2008

Darwins Weltbild und seine Botschaft – 150 Jahre danach

Im Jahre 2009 feiert Darwins berühmt-berüchtigtes Buch „Über die Entstehung der Arten“ ihr 150-jähriges Jubiläum. Im selben Jahr ist auch Darwins 200.Geburtstag. Nicht umsonst wurde 2009 von der IUBS1 zum Darwin-Jahr gekürt. Die FAZ (Nr. 292/50) vom 13. Dezember 2008 widmet deshalb ihr gesamtes Feuilleton dem Leben und Werk Darwins. Die Beiträge der Zeitungsausgabe können auf diesen Seiten online bewundert und bestaunt werden.
Am 22. November 1859 wurde das epochemachende Werk, gedruckt mit einer Auflage von nur 1250 Exemplaren, den einzelnen Buchhändlern beim Herbstverkauf in Murrays Verlags
haus angeboten und war sofort ausverkauft. Wie die Darwin'sche Theorie über die Jahrzehnte von der Biologie rezipiert wurde und welchen Stellenwert sie heute noch dort hat, ist jedem bekannt.
Aber was geschah in der Gesellschaft an jenem Tag, als Darwins Schrift veröffentlicht wurde? Konnte seine Botschaft all die Jahrzehnte lang überdauern, ohne verfälscht zu werden? Mit diesen Fragen beschäftigt sich der Mitherausgeber der FAZ, Frank Schirrmacher, in einer Kolumne2 auf der Titelseite der o. g. Ausgabe, die den Namen „Um einen Darwin von innen bittend“ trägt, wobei der Autor eine durchaus originelle Interpretation von Darwins Botschaft liefert.
Mehrmals in der langjährigen Geschichte sei die Evolutionstheorie falsch gedeutet worden:
Schirrmacher schreibt, dass Darwins These, „die zunächst eine beschreibende Theorie war, […] fatal“ zu sein begann, „als sie Anwendung wurde“. Gemeint ist damit nicht die Anwendung im biologischen, sondern im gesellschaftlichen Bereich: der Sozialdarwinismus, den wir u. a. als „Rechtfertigungsideologie nationalsozialistischer Rassenpolitik“ wiederfinden, eine äußere Wirkung also. Doch auch der innere Bereich der Gesellschaft, die Art und Weise, wie der Mensch denkt, wurde durch sie geprägt: Sie führte „den Menschen die unendlichen Zeiträume vor Augen“, die von der Natur benötigt werden, „um […] Lebewesen an veränderte Umwelten anzupassen“. Man beachte die Personifizierung der Natur; solche und ähnliche Aussagen finden wir häufig in Texten, die versuchen, in der Evolution stattfindende Vorgänge zu beschreiben: Der eigenwillig handelnden Natur wird Kreativität und Fürsorglichkeit zugeschrieben.

Ein sachlicher Fehler unterläuft Schirrmacher als er vorgibt, dass „seit Darwin“ jedes Kind lernt, „dass die Triebwerke der Evolution zufällige Mutation und zielgerichtete Selektion sind“. Er ließ den Sachverhalt außer Acht, dass Mutation erst im 20. Jahrhundert mit der Ausarbeitung der Synthetischen Evolutionstheorie ihren Einzug in den Evolutionsgedanken fanden. Vorsicht geboten ist auch bei der Auffassung, die Selektion verlaufe „zielgerichtet“, die bei vielen Evolutionsvertretern, die bewusst solche Ausdrücke meiden, leicht Abneigung erzeugen könnte.

Mit der selben rasanten Geschwindigkeit, wie die ersten Auflagen von „Über die Entstehung der Arten“ sich verkauften, wurden Darwins Ideen auch von der Gesellschaft übernommen. Vielleicht liegt hier der Schlüssel zur Erklärung, warum Darwin mehrmals missverstanden wurde? Denn Darwins Nachfolgegenerationen entfremdeten seinen „genialen Fund“ dermaßen, dass er, so Schirrmachers Auffassung, „mit Darwin nichts mehr zu tun hatte“. Darwin sei schließlich kein „Theoretiker des Lebenskampfes, des Rassismus und der Naturbeherrschung“ gewesen, sondern vielmehr ein Denker, der die Natur und die Lebewesen beobachtete, um sie zu analysieren, was als Beleg dafür angeführt werden kann, dass seine Theorie rein deskriptiv war.
Die Schlussfolgerung Schirrmachers möge einigen dubios vorkommen: Wollen wir Darwins tatsächliche Intentionen verstehen, reicht es „auf die Urtexte zurückzugreifen“, um „nach Lektüre auch nur der Briefe dieses gewaltigen Briefschreibers festzustellen, dass Darwins Weltbild im zweihundertsten Jahr seiner Geburt eine neue Botschaft bereithält: die Sympathie mit der Schöpfung“ (Hervorhebung von IL). Ob man diese Botschaft tatsächlich aus Darwins Werk herleiten kann und ob man das Leben und im allgemeineren Sinne auch das Sein für eine Schöpfung im wahrsten Sinne des Wortes hält, was stets auch einen Schöpfer erfordert, bleibt dem Leser überlassen.
Schirrmachers Feststellung ergibt im Lichte des folgenden Zitats aus dem englischen Originaltext von „On the Origin of Species“ (S. 490) durchaus einen Sinn:

„There is grandeur in this view of life, with its several powers, having been originally breathed by the Creator into a few forms or into one; and that, whilst this planet has gone cycling on according to the fixed law of gravity, from so simple a beginning endless forms most beautiful and most wonderful have been, and are being, evolved“3 (Hervorhebung von IL).

[1] - IUBS - International Union of Biological Science

[2] - http://www.faz.net/s/Rub9D229D57C7F947129665399BB3D3BB9B/Doc~E0E747447BBD1450CB97ED55B61A6261D~ATpl~Ecommon~Scontent.html

[3] - http://darwin-online.org.uk/content/frameset?viewtype=side&itemID=F376&pageseq=508

Darwins Köder & Fullers Spassbremse

Steve Fuller Soziologe, Philosoph, säkularer Humanist und Spezialist für heterodoxe Ansichten, hat einige interessante Anmerkungen zum Synorganisationsargument bzw. seiner von Michael J. Behe präzisierten, biochemisch geprägten Variante ('Irreduzible Komplexität') geschrieben: (Meine Übersetzung + Heraushebungen)

„Vielleicht hätte Behe Darwins Köder nicht annehmen sollen: 'Wenn demonstriert werden könnte, dass irgendein komplexes Organ existiert, welches unmöglich durch zahlreiche, sukzessive, kleine Veränderungen entstehen konnte, würde meine Theorie völlig zusammenbrechen.' Ein Grundkurs in Wissenschaftsrhetorik hätte Behe beigebracht, dass alle Unmöglichkeitsargumente in der Wissenschaft zum Fehlschlag verurteilt sind: Sie enden immer damit, dass sie die mangelnde Vorstellungskraft der Person offenbaren, die sie vorbringt. Darwins so genannte Herausforderungen liest man am besten als rhetorische Figur, da man nicht beweisen kann, dass etwas unmöglich ist, solange es nicht zu einem logischen Widerspruch führt. In diesem Sinne hat Darwin bereits seine eigene Wette gewonnen.“ (146)

Ich denke nicht, dass Darwins Herausforderung als Köder beabsichtigt war. Die komplexe Synorganisation von Lebewesen sträubt sich logisch gegen jede a-teleologische Erklärung, egal ob sie mehr oder weniger gradualistischen Charakter hat. Ansätze solcher Synorganisations-Argumente finden sich schon vor Darwin bei Paley (hier) und mir persönlich sind entsprechende Gedanken schon lange gekommen, bevor ich mich kritisch mit der Selektionstheorie beschäftigt habe – meistens dann wenn in 'Universum' auf ORF2 diverse Evolutionsszenarios für komplexe biologische Konstruktionen präsentiert wurden. Davon abgesehen werden Synorganisationsargumente auch von Evolutionstheoretikern verwendet, nämlich dann, wenn es darum geht, zu begründen weshalb bestimmte Konstruktionen bei Lebewesen (scheinbar) nicht vorkommen (siehe hier, Rammerstorfer 2004).

Einen taktischen Köder sehe ich also nicht. Fuller hat aber recht, wenn er von Vorwürfen „mangelnder Vorstellungskraft“ spricht. Tatsächlich werden Evolutionskritiker regelmäßig damit konfrontiert, wenn sie gegen die Plausibilität einer ungelenkten graduellen Evolution aufgrund der Synorganisation der relevanten biologischen Konstruktion argumentieren. Relativ phantasiebegabt wie ich bin, kann ich mir selbst als vergnügliche Übung alle möglichen gradualistischen Szenarios zur Evolution solcher organismischer Komplexitäten ausdenken – so ist das Wirbeltierauge eine einfache Aufgabe, die ich schon vor dem Frühstück erledigen kann, Bakterienrotationsmotoren etc. kosten etwas mehr Anstrengungen. Allerdings habe ich bei solchen phantastischen Höhenflügen eine Spassbremse eingebaut, die anscheinend auch Fuller entdeckt hat:

Dass etwas möglich ist bedeutet nicht das es wirklich ist, geschweige denn notwendig. [Kursiv im Original] Solange Evolutionisten in ihrer Hauptdomäne, der irdischen Naturgeschichte, die modale Lücke zwischen dem was möglich und was wirklich ist nicht überbrücken können, bleibt ein konzeptueller Raum für alternative Erklärungsszenarios zur Entstehung der Zelle und anderen, dem ersten Anschein nach intelligent geschaffenen, Merkmalen der Natur.“


Fuller, Steve (2008): Dissent over Descent. Intelligent Design's Challenge to Darwinism. Icon Books


Rammerstorfer, M. (2004): „What Nature Doesn't – zwei Perspektiven. intelligentdesign.de.vu (http://members.liwest.at/rammerstorfer/WNDODesign.pdf)

Donnerstag, Dezember 18, 2008

Selektionsgeschichten als Designer-Ersatz

Bei Aufräumarbeiten habe ich ein Paper von Michael Lynch betitelt 'The Origins of Eukaryotic Gene Structure' wieder entdeckt. Es ist eine sehr spezialisierte Abhandlung in der es um die Entstehung der eukaryotischen Genstruktur mit ihren besonderen Merkmalen geht. Die Entstehung dieser Merkmale ist grundsätzlich schwierig erklärbar, da sie jeweils mit (schwachen) selektiven Nachteilen einher gehen zu scheinen. Arbeiten dieser Art provozieren für mich als Laien die Frage, ob die Feinheiten des molekularen Aufbaus der Lebewesen nicht von vornherein im 'toten Winkel' der natürlichen Selektion liegen. Interessant fand ich persönlich die Schlussbemerkung des Autors (Übersetzung und Heraushebungen immer von mir):

„Trotz des enormen Fortschitts der Molekulargenetik in den letzten 50 Jahren wurde keine allgemeine Theorie zur Evolution der grundlegenden architektonischen Merkmale der Gene formuliert. Viele Bestrebung zielten auf die Erklärung der Funktionen von Genen, Genomen und genetischen Netzwerken im Kontext vermeintlich adaptiver zellulärer und/oder entwicklungsbiologischer Merkmale, aber wenige dieser Anstrengungen wurden von einer formalen evolutionsbiologischen Analyse begleitet. Da Evolution ein Prozess ist, der sich auf dem Level von Populationen abspielt muss jede Theorie zum Ursprung der genetischen Maschinerie letztlich konstistent mit grundlegenden populationsgenetischen Mechanismen sein. Da natürliche Selektion nur eine von mehreren Kräften ist, die zum evolutionären Prozess beitragen ist ein unkritisches Vertrauen in adaptive darwinistische Mechanismen zur Erklärung aller Aspekte organismischer Diversität nicht wesentlich davon verschieden sich auf einen intelligenten Designer zu berufen.

Lynch ist sicher nicht alleine mit dieser Spitze gegen die manchmal zu begeisterten Freunde evolutionärer Anpassungsgeschichten. Egbert G. Leigh schrieb einmal ganz ähnlich:

„Von 1909 an verhielten sich zu viele Biologen als ob 'die Vorstellbarkeit eines Nutzens für ein Organ ... gleichbedeutend mit der Erklärung seines Ursprungs durch natürliche Selektion sei, ohne weitere Untersuchung' (...) Tatsächlich schienen einige Biologen lediglich natürliche Selektion an Stelle Gottes als allmächtige Kraft der Anpassung einzusetzen.

In beiden Fällen wird ein ganz klassischer Einwand gegen einen Schöpfer im Kontext der Herkunft der Lebewesen impliziert: Ein solcher würde alles und damit nichts erklären. Tatsächlich kann dies der Fall sein. Muss aber nicht: Anstatt einen Designer irgendwo nach Gefühl und persönlichem/er Wissen/Ignoranz zu postulieren, kann der Versuch stehen, die relevanten biologischen und sonstigen naturwissenschaftlichen Sachverhalte möglichst genau zu erfassen um anschließend Fakten und Argumente für bzw. gegen eine (A)Teleologische Ursprungserklärung abzuwägen; Hinweise auf intelligentes Wirken zu erfassen, die Reichweite ungerichteter Naturprozesse einzustufen. Das ist ID, bzw. sollte es sein.

Entsprechend sind auch darwinistische Anpassungsgeschichten nicht immer beliebig. Wenn „adaptive darwinistische Mechanismen“ kritisch gehandhabt werden, d.h. präzise formuliert und auf die biologische Realität bezogen werden, haben sie ihren wissenschaftlichen Wert, ungeachtet davon ob sie jeweils zutreffen oder nicht.

Im 'Darwin-Jahr 2009' erwarte ich persönlich das Schlechteste der darwinistischen Anpassungsgeschichten präsentiert zu bekommen, so schlecht, dass sie möglicherweise nicht besser sind als die schlechtesten möglichen Bezugnahmen auf einen 'intelligenten Designer'. Wenn ich dann 'darwinistische' Storys lese, warum Männer untreu werden oder auch nicht, warum wir bestimmte Naturlandschaften grandios finden und sogar gefährliche Tiere faszinierend, warum Frauen schön sind, Männer viel Muskeln haben, warum Menschen eine Laufbahn als Selbstmordattentäter oder Freiwillige bei Rettungsdiensten wählen und manche Heuschrecken grüner als andere sind, werde ich bestimmt öfter an Lynch und Leigh denken müssen.


Lynch, Michael (2006): The Origins of Eukaryotic Gene Structure. Mol.Biol.Evol. 32(2): 450-468


Leigh, E. Giles (1999): The modern synthesis, Ronald Fisher and creationism. Trends Ecol. Evol. 14: 495-498

Mittwoch, Dezember 17, 2008

PISA: durchgefallen

Die Macher der PISA-Studie kommen ins Kreuzfeuer der Kritik. In einem Test haben sie folgende Fragestellung formuliert:

Welche der folgenden Aussagen trifft am besten auf die Evolutionstheorie zu?

A. Die Evolutionstheorie gilt für Tiere, nicht aber für den Menschen.
B. Die Evolution ist eine Theorie, die durch Forschung bewiesen worden ist.
C. Die Evolution ist eine wissenschaftliche Theorie, die sich gegenwärtig auf zahlreiche Beobachtungen stützt.


Technisch gesehen eine nicht ganz unproblematische Fragestellung, vor allem auch wegen der enormen Bedeutungsvielfalt des Begriffes 'Evolution'. Die PISA-Macher werten Antwort C. als zutreffend. Dies erzürnt die Biologin Sandra Thal vom Blog WISSENSlog, der mit Spektrum der Wissenschaft assoziiert ist. Für sie wäre B. die richtige Antwort gewesen (Hervorhebungen von mir):

Die Evolution ist eine Theorie, die durch die Forschung eindeutig und ganz klar bewiesen worden ist. Wer nicht einmal diese Beweise als absolut ansieht, kann auch gleich seine eigene Existenz in Zweifel ziehen.“

An der Evolutionstheorie zweifelt niemand, der die Sachlage kennt und den Verstand hat, sich mit ihr auch auseinanderzusetzen. Sie ist für alle Zeiten gültig – und nicht nur eine „gegenwärtige“ Theorie, wie die indoktrinierende Antwort „C“ erzieherisch vermitteln will.“

Sie ist so unzweifelhaft wie die Planck-Konstante, so unzweifelhaft wie das Periodensystem der Elemente, so unzweifelhaft wie die Zahl Pi. Leider ist es nur sehr wenigen Wissenschaftlern gegeben, so charismatisch und fanatisch die Leute von einer Idee zu überzeugen, wie dies die evangelikale US-Predigern Joyce Meyer kann. Sonst wäre längst „Antwort B“ in PISA-Studien die richtige Antwort.“


Sandra Thal liefert natürlich die passende zwingende Evidenz zu ihren Behauptungen. Zu der „komplexen und nachvollziehbaren“ Vernetzung des Lebens auf der Erde siehe z.B. hier. Klar und eindeutig halt, diese ganze Evidenz. Wer zweifelt kennt eben die Sachlage nicht oder hat nicht den nötigen Verstand sie zu beurteilen... - zumindest so weit ist alles klar und eindeutig.


Dienstag, Dezember 16, 2008

Kambrische Explosion verschärft? 'Fäkalien' schlagen zu.

Die kambrische Explosion umfasst einen verhältnismäßig sehr kurzen geologischen Zeitraum in dem die grundlegenden Baupläne vieler mehrzelliger Tiere auftauchten, welche z.T. bis heute die Erde bewohnen. Aus nahe liegenden Gründen wurde und wird immer wieder versucht die kambrische Explosion zu relativieren. Die grundlegende Problematik wird in einem Beitrag auf Science Centric so beschrieben:

„Most animals, from humans to insects, are bilaterally symmetrical, meaning that they can be roughly divided into halves that are mirror images. The bilateral animals, or 'Bilateria,' appeared in the fossil record in the early Cambrian about 542 million years ago, quickly diversifying into all of the major animal groups, or phyla, still alive today. This rapid diversification, known as the Cambrian explosion, puzzled Charles Darwin and remains one of the biggest questions in animal evolution to this day. Very few fossils exist of organisms that could be the Precambrian ancestors of bilateral animals, and even those are highly controversial. Fossil traces are the most accepted evidence of the existence of these proto-animals.“

Eine neue Entdeckung zieht jedoch Interpretationen dieser präkambrischen fossilen Spuren, wonach diese durch bilateral symmetrisch aufgebaute Tiere verursacht seien, in Frage.

We used to think that it takes bilateral symmetry to move in one direction across the seafloor and thereby leave a track,' said Matz. 'You have to have a belly and a backside and a front and back end. Now, we show that protists can leave traces of comparable complexity and with a very similar profile.''

Der Biologe Mikhail Matz hat zusammen mit Kollegen Protisten entdeckt, die komplexe Spuren erzeugen die an jene von bilateral symetrisch aufgebauten Tieren erinnern – allerdings wurden die „gigantischen mobilen Protisten“ zunächst für Fäkal-Kügelchen gehalten...


Diese Entdeckung legt nach Ansicht der Forscher nahe, dass fossile Spuren keinen hinreichenden Grund liefern auf die Evolution multizellulärer Tiere während des Präkambriums zu schließen, welche die kambrische Explosion vorbereitet hätte. Matz denkt, dass die präkambrische Periode gänzlich von Protisten beherrscht wurde und das Auftauchen aller tierischen Baupläne in der kambrischen Explosion kein bloßes Artefakt ist.

Nachtrag: Siehe auch den Artikel zu dieser Entdeckung auf Bild der Wissenschaft online mit Verweis auf die Forschungsarbeit in Current Biology.

Montag, Dezember 15, 2008

Kreationisten sind nicht automatisch Antievolutionisten

Wer sich etwas eingehender mit der Diskussion um die biologische Ursprungsfrage und den verschiedenen diesbezüglichen Positionen befasst hat dürfte wissen, dass Kreationisten heute in der Regel keine absolute Konstanz der Arten vertreten. Ronald L. Numbers (2004) schrieb dazu:

„Trotz des populären Bildes welches Kreationisten als fest verheiratet mit der Konstanz der Arten zeichnet hat niemand für schnellere Artbildung durch natürliche Selektion argumentiert als diese notorischen Darwin-Ketzer, die Kreationisten.“

Was eher unbekannt sein dürfte, ist die Tatsache, dass sich Kreationisten (zumindest im Sinne von Schöpfungsgläubigen, die nicht immer alle heute als 'typisch kreationistisch' geltende Ansichten vertreten haben) schon lange vor Darwin für eine große natürliche Variabilität der als geschaffen erachteten Arten ausgesprochen haben. Interessant ist in dieser Hinsicht ein Artikel von Todd C. Wood (2008), der die Geschichte solcher Anschauungen nachzeichnet (Dank an C.Heilig für den Hinweis).

Wood zeigt, dass einige Kreationisten die Idee von Arten als unveränderliche, statische Schöpfungseinheiten schon lange vor Darwin aufgaben. Interessanterweise waren dabei auch theologische bzw. auf der biblischen Urgeschichte basierende Überlegungen ausschlaggebend. Im Gegensatz dazu war die Konstanz der Arten in der britischen Naturtheologie (einige sehen ID als geistigen Nachfahren dieser Denktradition, allerdings scheint mir die Situation komplizierter) stark betont. Dort verfolgte man den Gedanken, religiöse Prinzipien auf Beobachtung der Natur und Vernunftschlüssen zu gründen, ohne ausdrücklich Bezug auf eine spezielle Offenbarung zu nehmen, d.h. in diesem Fall ohne Bezugnahme auf die Bibel als Informationsquelle. Philosophische Überlegungen führten in dieser Denktradition dazu, Arten als unveränderlich anzusehen.

Darwin argumentierte gegen separat geschaffene Arten die er mit unveränderlichen Arten gleichsetzte, obwohl dies nicht notwendigerweise zusammengehört: Arten können geschaffen sein aber sich anschließend verändern und Kreationisten haben solche Auffassungen schon vor Darwin vertreten. Hat Darwin also gegen einen Strohmann kreationistischer Auffassungen argumentiert? Wood argumentiert jedenfalls, dass diese Anschuldigung zu kurz greifen würde, unter anderem auch, weil das Bild einer statischen Schöpfung zu Darwins Zeit tatsächlich weit verbreitet war.

Wood bezeichnet Kreationisten, die an der Ansicht einer statischen Schöpfung welche keinerlei (evolutionäre) Veränderung erlaubt, festhalten, als Antievolutionisten. Diese Begriffsdefinition ist überzeugend, denn heutige Kreationisten kann man allgemein sicher nicht sinnvoll als Antievolutionisten bezeichnen, da sie evolutionäre Veränderung in Grenzen akzeptieren. Sie müssen weder die Selektionstheorie noch EvoDevo-Modelle oder andere Theorien zur Veränderung der Arten pauschal ablehnen und zeigen tatsächlich auch eine reges Interesse an den jeweils neuesten evolutionären Erklärungsansätze um sie im Rahmen ihrer schöpfungstheoretischen Auffassungen anzuwenden – etwa um schnelle Artbildung nach der Sintflut zu erklären. Differenzen ergeben sich dann natürlich dort wo es um den Erklärungsanspruch von Evolutionstheorien geht.

Woods Untersuchung kommt zu einem interessanten Schluss: Kreationisten sind offenbar mehrfach im Prinzip unabhängig auf die Idee gekommen, Arten eine begrenzte Veränderungsfähigkeit zuzuschreiben und die Gründe dafür waren nicht immer dieselben. Es wäre damit zu simpel, kreationistische Vorstellungen zur begrenzten Wandelbarkeit der Arten als Zugeständnis an Darwin zu sehen.


Numbers, Ronald L. (2004): Ironic Heresy. How Young-Earth Creationists Came to Embrace Rapid Microevolution by Means of Natural Selection. S.84-100 IN: Lustig Abigail et al. (2003): Darwinian Heresies. Cambridge University Press

Wood, Tood C. (2008): Species Variability and Creationism. Origins Nr.62 URL.:http://www.grisda.org/origins/62006.pdf

Dienstag, Dezember 09, 2008

Wie motivierend...

... ist das denn:


User, die zum Darwin-Jahr 2009 im Internet surfen, landen möglicherweise bei einem BLOG, der 'sich mit der Ursprungsfrage – der Frage nach den Ursprüngen der Welt, des Lebens und seiner Formenvielfalt' befasst. Der Autor 'vertritt eine teleologische Perspektive und meint, dass Modelle spezifischen Designs eine Bereicherung für die Ursprungsforschung darstellen könnten'. Um die Förderung der 'intelligent design' (ID)-Bewegung geht es dem Verfasser.

Menschen, Schimpansen, Zahlenspiele

Ullrich Kutschera gab unlängst für Focus Online ein Interview. Dabei wurde ihm die Frage gestellt, was die Evolutionstheorie für viele Menschen unglaubwürdig, bzw. abschreckend mache. Kutschera antwortet:

Eine Darwinsche Erkenntnis, die er erst 1871 in seinem Buch zur Abstammung des Menschen formuliert hat, ist für viele Personen eine Provokation: Wir sind nur eine von Millionen verschiedener Tierarten der Erde, die sich vor wenigen Jahrmillionen in Afrika aus Schimpansen-ähnlichen Urformen entwickelt hat.“

Das menschliche Naheverhältnis zu Tieren ist keine Neuigkeit. Schon Adam suchte sein Gegenstück (wenngleich erfolglos) im Tierreich (Genesis 2:20), was von vornherein absurd gewesen wäre, wenn der Mensch biologisch gesehen eine absolute Sonderstellung besessen hätte. Carl von Linné, quasi Adams Erbe als Namensgeber der göttlichen Schöpfung stellte den Menschen mit anderen Primaten in die Ordnung Primates.

Das der Mensch keine absolute biologische Sonderstellung besitzt dürfte also nicht der Schocker sein. Interessanter ist da die Feststellung, dass Kutschera den Menschen als „nur eine von Millionen verschiedener Tierarten“ bezeichnet. Dieses 'nur' scheint ein Werturteil zu sein.

Führende Evolutionsforscher bemühen sich darum, Schimpanse und Mensch wegen der nahezu 99-prozentigen Identität auf dem Niveau der Protein-Gene in dieselbe Gattung „Homo“ zu stellen.“

Die Rede von der 99%igen Ähnlichkeit/Identität geht auf eine Aufsehen erregende Untersuchung von King & Wilson im Jahr 1975 zurück. King & Wilson haben allerdings keine schnelle und simplen Schlüsse aus ihrem Ergebnis gezogen. Sie schrieben, dass Menschen und Schimpansen eine so große genetische Ähnlichkeit aufwiesen, wie sie ansonsten bei Geschwisterspezies anderer Arten vor kämen.

Sie bezeichnen dieses Ergebnis als außergewöhnlich, da – im Unterschied zu Geschwisterspezies anderer Arten – Menschen und Schimpansen anatomisch signifikante Unterschiede aufwiesen. Dazu führen King und Wilson weitere Unterschiede auf, die dazu führten, dass Menschen und Schimpansen in verschiedene Familien eingeordnet wurden.

King & Wilson erkannten dies als erklärungsbedürftige Anomalie und schlugen vor, dass Unterschiede in Protein-codierenden Genen wohl nicht für die umfangreichen Besonderheiten des Menschen aufkommen konnten, sondern es auf genetische Regulationssysteme ankäme.

Anstatt also Menschen und Schimpansen aufgrund ihrer enormen genetischen Ähnlichkeit auf dem Niveau Protein-codierender Gene gleich zu machen (bzw. in die gleiche Gattung zu stellen) haben sie die Frage nach der Ursache der ansonsten offensichtlichen Unterschiede gestellt.

John Cohen (2007) kommentiert die wegbereitende Arbeit von King und Wilson so:

...Allan Wilson of the University of California (UC), Berkeley, and his erstwhile graduate student Mary-Claire King made a convincing argument for a 1% genetic difference between humans and chimpanzees. “At the time, that was heretical,” says King, now a medical geneticist at the University of Washington, Seattle. Subsequent studies bore their conclusion out, and today we take as a given that the two species are genetically 99% the same. But truth be told, Wilson and King also noted that the 1% difference wasn’t the whole story. They predicted that there must be profound differences outside genes— they focused on gene regulation—to account for the anatomical and behavioral disparities between our knuckledragging cousins and us.“

Die 99% genetische Ähnlichkeit sind demzufolge nicht die „ganze Geschichte“ und sie war es noch nicht einmal 1975. Allerdings hat diese verstümmelte Geschichte dem Zweck gedient, die unterschätzte Ähnlichkeit zwischen Menschen und Schimpansen herauszustellen:

For many, many years, the 1% difference served us well because it was underappreciated how similar we were,” says Pascal Gagneux, a zoologist at UC San Diego.“

Für den 'guten Zweck' nur die eine Hälfte der Geschichte zu erzählen ist allerdings keine Hilfe für die Wissenschaft:

Now it’s totally clear that it’s more a hindrance for understanding than a help.”

Cohen führt zudem neuere Ergebnisse an, die zeigen, dass die Unterschiede zwischen Menschen und Schimpansen auf molekularem Level signifikant sind (aufgegriffen und beschrieben hier und hier).

Wenn man von der „99-prozentigen Identität auf dem Niveau der Protein-Gene“ spricht und dabei komplizierende Faktoren die schon 1975 diskutiert wurden sowie neuere Ergebnisse, welche die 99% Zahl (oder zumindest deren Signifikanz), unterminieren, weg lässt, erzählt man sicher nicht die 'ganze Geschichte' aus wissenschaftlicher Sicht. Vielleicht geht es aber eher um einen 'guten Zweck' als um ein wissenschaftlich tragfähiges Argument?


Kutschera legt dies jedenfalls nahe, argumentiert er anschließend doch dafür Schimpansen aufgrund ihrer großen genetischen Ähnlichkeit als Menschenart einzustufen und ihnen Menschenrechte zu verleihen, was es erleichtern würde, ihre Ausrottung zu verhindern. Der Schimpanse würde also nicht als Schimpanse geschützt, sondern als Mensch. Auch wenn dieser nur eine von Millionen Tierarten ist. Was genau diese Art schützenswert macht, ist aus Perspektive der von Kutschera in diesem Zusammenhang zitierten 'evolutionären Ethik' unklar. Millionen Tierarten sind bereits ausgestorben, viele tun es täglich. Ob Menschen oder 'Schimpansen-Menschen' da die nächsten sind, ist im Evolutionsprozess völlig irrelevant. Bei der Verleihung von Menschenrechten aufgrund obskurer Prozent-Ähnlichkeiten ist es zudem nur eine Frage der Zeit, bis Meerschweinchen ihre Rechte erhalten werden und auch Bananen aus den Supermärkten verschwinden müssen. Denn wer entscheidet über eine Prozent-Grenze? Wären z.B. 95% genetische Ähnlichkeit zu wenig? Sonderangebote bei Menschenrechten „Heute schon ab 80% und Nervensystem!“...? Aber das ist eine ganz eigene Geschichte...



Cohen J. (2007): Relative differences: the myth of 1 %. Science
316: 1836


King, M-C. and A.C. Wilson. (1975): Evolution at two levels in humans and chimpanzees. Science: 188, 107-116.


*Kreationisten heute vertreten keine absolute Unveränderlichkeit der Arten. Es wäre auch interessant zu fragen, ob Arten von Kreationisten vor Darwin tatsächlich stets als absolut unveränderlich angesehen wurden.