Interessant ist, dass evolutionäres Gedankengut, welches angeblich auf Vernunft und Wissenschaft gegründet ist, seine eigenen vorgeblichen Grundlagen erodiert (siehe Evolution der Unvernunft)**. Historisch gesehen ist evolutionäres Gedankengut keineswegs synonym mit wissenschaftlichem Fortschritt und verstandesmäßigem Verstehen der Welt gewesen. Folgend einige Ausführungen von Steve Fuller (siehe auch hier), die in diesem Zusammenhang interessant sein dürften:
„Die Idee einer Evolution wurde zu vielen verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten vorgebracht. Sie ist ein Merkmal der meisten großen Kosmologien, nicht zuletzt der 'karmischen' Religionen Indien und Chinas. Doch vor der Neuzeit war Evolution selten mit der Idee assoziiert, dass die Realität als 'Universum' konstituiert ist welches menschlicher Einsicht und Kontrolle zugänglich ist. Im Gegenteil tendierten für Evolution empfängliche Kulturen zu Irrationalismus 'Pluriversalismus' – was man heute als die These vom Multiversum bezeichnet -; dementsprechend gibt es keine letztliche Realität, geschweige denn eine, die alleine ernsthafte wissenschaftliche Untersuchungen wert wäre. Evolutionisten aller Epochen haben die Idee verinnerlicht, wonach Lebensformen einfach temporäre Arrangements von Materie in Bewegung sind, welche mit einer gewissen Regelmäßigkeit (wenn nicht Periodizität) kommen und gehen, deren Signifikanz vom Bezugsrahmen des Beobachters abhängt. Die Natur muss weder über Ursprung noch Plan verfügen, geschweige denn einen bestimmten Plan mit einzigartigem Ursprung – da ist nur der rastlose Rhythmus der Veränderung. Von diesem Standpunkt aus ist die Natur etwas, woran man sich anpasst und womit man umzugehen lernt, anstatt es zu verstehen oder zu überwinden.“ (p181)
Nach der Diskussion einiger Einwände fährt Fuller fort:
„Huxley argumentierte aufmerksam, dass die Logik des wissenschaftlichen Fortschritts es erfordert, dass die Gottes-Vergiftung [Anm.:***] der Entgiftung vorangeht, deshalb kommt Newton historisch vor Darwin: Der menschliche Zustand wäre armselig geblieben hätten die beiden in umgekehrter Reihenfolge gelebt. Anders gesagt, musste die Menschheit zuerst an ihren eigenen privilegierten Zugang zur Realität glauben um die anhaltenden Bemühungen, verbunden mit dem Streben nach Erkenntnis und ihrer Anwendung, zu rechtfertigen. Newtons zwanzigjährige theologisch motivierte Bemühungen welche in der Principia Mathematica mündeten verkörperten diese Zuversicht. Darwins eigenes zwanzigjähriges intensives Studium der Natur – Anfangs von einer ähnlichen Zuversicht getrieben – kam ironischerweise zu dem Schluss dass wir nicht so einzigartig sind und vom Rest der Natur letztlich eher graduell als qualitativ verschieden sind. Das große Rätsel welches Huxley dem 20sten Jahrhundert gestellt hat – und welches auch im 21sten Jahrhundert noch steht – ist, wie man wissenschaftliche Ambitionen von der Größenordnung eines Newton motiviert während man sich im Kielwasser von Darwins degradierender Sichtweise der Menschheit befindet.“ (p182)
Der etwas breitere Kontext von Fullers Ausführungen stellt sich wie folgt dar:
„Obwohl ich nicht aufrichtig sagen kann, dass ich an einen göttlichen personalen Schöpfer glaube, wurde noch keine plausible Alternative aufgezeigt um das Streben der Wissenschaft als Suche nach dem ultimativen systematischen Verständnis der Realität zu rechtfertigen. Obwohl sich die meisten Wissenschaftler heutzutage als Atheisten bezeichnen hat der Atheismus als positive Doktrin wenig für die Wissenschaft getan. Die Wissenschaftler die ihren Atheismus gerne teilen, rechtfertigen Wissenschaft üblicherweise nach einem von drei gleichermaßen unzureichenden Wegen: Erstens weisen sie auf die praktischen Vorteile der Wissenschaft hin, sowohl beabsichtigte als auch unbeabsichtigte. Aber die beiden Weltkriege im letzten Jahrhundert machten klar, dass die Wissenschaft so Geisel zufälliger Entwicklungen wird, welche in periodische anti-wissenschaftliche Rückschläge münden. Zweitens weisen Wissenschaftler auf ästhetische Faktoren als motivierend für ihr Handwerk hin. Während dies hinreichend für den wissenschaftlichen Praktiker sein mag, hilft es wenig, wenn es darum geht die wachsenden Kosten ... für die Gesellschaft zu rechtfertigen, welche die jeweiligen Aktivitäten ermöglicht. Zuletzt gibt es Wissenschaftler wie Richard Dawkins die den 'Atheismus' ganz einfach mit einer weltlichen Version der theologischen Rechtfertigung der Wissenschaft identifizieren.“ (p9)
Fuller, Steve (2008): Dissent over Descent. Intelligent Design's Challenge to Darwinism Icon Books, Crows Nest
* Auch ein erstklassiges Wort um weitere (zweckdienliche) Vorurteile ins Rennen zu schicken. Vergleiche dazu auch Forschung und Technik im Mittelalter.
** Um Missverständnisse zu vermeiden: Die hier vorgebrachten Gedanken und Zitate unterstützen keine Versuche evolutionsbiologische Ansätze als unwissenschaftlich zu disqualifizieren. Wissenschaftliche Argumente müssen wissenschaftlich kritisiert werden, wobei man natürlich auch gelegentlich über (versteckte) philosophisch-theologische Annahmen stolpern kann. Doch hier geht es um Denkvoraussetzungen und (mögliche) Konsequenzen evolutionistischer Positionen, nicht um Evolutionsbiologie (Beispiel für Evolutionsbiologie).
*** Man könnte hier eine elegante Umschreibung einfügen, aber die Kraft der ursprünglichen Formulierung und die durch sie offenbarte Denkweise soll dem Leser nicht vorenthalten werden.


3 Kommentare:
Was zur Hölle ist "evolutionäres Gedankengut"?
Gedanken, die eine Evolution auslösen können???
Oh, Fuller...
War das nicht der Experte, der versucht hat ID im spektakulären Doverprozess zu unterstützen?
Ein kurzes Zitat von Wikipedia und ein Link mit einem ausführlichen Review:
1) "Steven Poole of The Guardian wrote: "book is an epoch-hopping parade of straw men, incompetent reasoning and outright gibberish, as when evolution is argued to share with astrology a commitment to "action at a distance", except that the distance is in time rather than space. It's intellectual quackery like this that gives philosophy of science a bad name."
2) http://ndpr.nd.edu/review.cfm?id=13887
Und ja, "evolutionäres Gedankengut" ist ein Knaller!
Davon abgesehen ist der ganze Beitrag nur eine seltsame Version des "argumentum ad consequentiam", oder? Ob die Evolutionswissenschaft Einfluss auf die Motivation von Wissenschaft(lern) hat, besagt nun mal nichts über ihren Status als Wissenschaftliche Theorie.
"Ein Stereotyp mit dem man in der heutigen Populärkultur ständig konfrontiert wird, ist die Gleichsetzung von evolutionärem Denken mit einer rationalen Weltsicht, die quasi einer 'mystisch-magischen übernatürlichen irrationalen "Glaubenswelt" entgegengesetzt ist': Auf der einen Seite die (mittelalterlichen*) Gespenster und dunkle Ignoranz und auf der anderen Seite Vernunft und Wissenschaft"
- Ja, so würde ich die Darstellung in den Medien auch bezeichnen. Die Frage ist doch, was ist falsch an dieser Darstellung ?
"Interessant ist, dass evolutionäres Gedankengut, welches angeblich auf Vernunft und Wissenschaft gegründet ist, seine eigenen vorgeblichen Grundlagen erodiert"
- Ein sehr mutiges statement wenn man bedenkt das ausser Platinga kaum ein Philosoph zustimmen würde (kennst du noch einen ?).
Platingas Argumentation wurde übrigens von Sober auseinandergenommen und detailliert widerlegt:
http://philosophy.wisc.edu/sober/fitelsoon%20and%20sober%20on%20plantinga.pdf
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