Ronald Lärm
Ganz so wörtlich wird es Prof. James A. Shapiro, Molekularbiologe an der Universität von Chicago, in einem Interview zu Fragen über das Beharren auf der konventionellen Evolutionstheorie wohl nicht gemeint haben. Dennoch nimmt er kein Blatt vor den Mund, wenn es um Gründe geht, die nach seiner Auffassung ein Umdenken schon lange überfällig werden ließen.
Das Interview stammt aus der aktuelle Zeitschrift "Natur + Kosmos" 02/2009, welche sich unter dem Titelthema "Die neue Sicht auf die Evolution" mit einer Reihe neu gewonnenem Wissen auseinander setzt. Unter presseportal.de konnte man gestern lesen, was die Richtung des Artikels kurz anreißen soll:
"Als erstes deutsches Printmedium wagt natur+kosmos in seiner Februarausgabe (Erscheinungsdatum 17. Januar 2009) eine Zusammenschau einiger der neuen Erkenntnisse.
In der breiten Öffentlichkeit existiert immer noch eine holzschnittartige Sicht der Evolution, bestimmt durch die übermächtige Rolle des blinden Zufalls und durch Bilder wie das des "egoistischen Gens" von Richard Dawkins. Doch Erkenntnisse der Genomsequenzierung, der Molekularbiologie und anderer Disziplinen weisen darauf hin, dass die Evolution ein weit komplexeres und vielschichtigeres Geschehen ist, als es dem gängigen Bild entspricht."
Weiter darüber befinden kann man das Ganze unter: www.natur.de. (Eine Verlinkung zum E-Book, um den gesamten Artikel zu lesen, war zumindest noch heute möglich.)
Zurück zu Shapiro, um dessen Interview es in diesem Beitrag gehen soll. Den Worten der Beitragsüberschrift ging die Feststellung voraus: "Die meisten Biologen scheuen sich, über Evolution anders zu denken als auf die Art, die sie gewohnt sind; Kollegen aus anderen Disziplinen tun sich da leichter." Weiter sagte er: "Aber es hat schon etwas Schizophrenes: Vielen Biologen ist mehr oder weniger bewusst, dass die konventionelle Sicht nicht mehr zu halten ist. Aber kaum einer sagt es öffentlich. Es ist praktisch ein Tabu." Auf die Frage, ob er von der Wissenschaftsgemeinde ausgegrenzt werde, da er dieses Tabu breche, antwortet Shapiro: "Persönlich, also von Kollegen, weniger - aber es wurde zum Beispiel mal ein Artikel von mir in einer der großen Fachzeitschriften nicht veröffentlicht, weil ich mich weigerte auf den Begriff "natural genetic engineering" (etwa: natürliche Systementwicklung im Genom) zu verzichten, den ich seit Jahren verwende. Die hatten das Gefühl, das wäre ein Zugeständnis an die Anhänger des "Intelligent Design". "Das ist die Angst vor Kreationisten? Die ist so stark?, fragt sein Gegenüber daraufhin. "Ja, weil die wirklich aggressiv sind. Und da neigen viele Wissenschaftler eher dazu, etwas zu verteidigen, was eigentlich überholt ist, statt zuzugeben, dass es noch offene Fragen gibt, wie die Evolution funktioniert."
Um keine falschen Schlüsse aufkommen zu lassen: Das Thema soll nicht provozieren oder eine Aussage überspitzt herausstellen. Mein Interesse galt vorrangig den Feststellungen Shapiros und da wundert es sicher nicht zuletzt auch Leser der Zeitschrift, wenn er zu dieser Wortwahl greift. Nach seiner Darlegung scheint ja schon eine bloße Überlegung, die nicht ganz kompatibel mit den Standardansichten zur Evolution ist, wohl eher im Gedankengang des Biologen verbleiben. Wenn schon durch die Begriffswahl der Eindruck von Zugeständnissen an ID erweckt werden könnte, dann fragt sich natürlich, wer überhaupt auspricht was er denkt, wenn es etwa um andere Schlussfolgerungen aus neuen Forschungsergebnissen geht oder gar das wesentliche Bild zur Evolutionstheorie in Frage gestellt wird. Oder geht es hier und dort vielleicht doch um die Deutungshoheit in der Ursprungsfrage?
"Gibt es denn gar keine Änderung?", fragt „Natur+Kosmos" in einer letzten Frage. Shapiro dazu: "Ganz langsam ändert sich etwas - die Fakten sprechen ja eine deutliche Sprache . Die Kollegen, die an der Genomsequenzierung arbeiten, an molekularen Stammbäumen usw. die ahnen alle, dass ihre Resultate dazu beitragen müssten, die Evolutionstheorie zu erneuern, dass Darwinismus nicht länger die Lösung ist und wir eine modernere, komplexere Theorie brauchen. Aber die meisten trauen sich nicht, es zuzugeben."
Ob man seiner Sicht zur Evolution zustimmen kann oder nicht, völlig egal, es scheint weiterhin schon im Ansatz erschwerend für Wissenschaftler zu sein, althergebrachte Auffassungen zur Evolution in Frage zu stellen.
Siehe vor diesem Hintergrund auch hier:
http://evolution-schoepfung.blogspot.com/2007/12/mechanismen-der-macht.html
Mittwoch, Januar 21, 2009
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7 Kommentare:
Ja, es ist tatsächlich schwierig, als Wissenschaftler neue Ansätze zur Erforschung der Evolution zu präsentieren, weil es dummerweise diese IDler gibt, die selbst versuchen aus solchen Meetings wie letztes Jahr in Altenberg Punkte für ihre Sicht zu ziehen.
Und selbst die Kreationisten von W&W, zu mindest Junker, wollen ja in der Verwendung von Sprache Indizien sehen, dass ja eigentlich doch jeder "Darwinist" von (intelligentem) Design in der Natur überzeugt ist.
Es wurde und wird ja immer gerne darauf verwiesen, dass ID die Erforschung der Evolution ankurbeln würde/könnte. Nun ja, das Aufzeichen von Erklärungslücken haben die Fachwissenschaftler sicherlich nicht nötig, da sie ja genau diese bearbeiten.
By the way, haben die IDler eigentlich mittlerweile auch nur irgendwas gefunden, was ihre Position auch nur minimal plausibel macht?
Hab gehört, der "Newton der Informationstheorie" schreibt mittlerweile schlechte Kinderbücher...
Ja, es ist tatsächlich schwierig, als Wissenschaftler neue Ansätze zur Erforschung der Evolution zu präsentieren, weil es dummerweise diese IDler gibt, die selbst versuchen aus solchen Meetings wie letztes Jahr in Altenberg Punkte für ihre Sicht zu ziehen.
Das stimmt allerdings.
Und selbst die Kreationisten von W&W, zu mindest Junker, wollen ja in der Verwendung von Sprache Indizien sehen, dass ja eigentlich doch jeder "Darwinist" von (intelligentem) Design in der Natur überzeugt ist.
Ich würde Junker nicht unterstellen, er würde dem ID den "Darwinism" gegenüberstellen. Den Fehler machen die Amis, aber R. Junker ist da doch weitaus differenzierter und weiß durchaus, dass die Evolutionsbiologie nicht auf dem Stand von 1859 steht (vgl. etwa den Evo-Devo-Artikel im letzten SIJ).
Außerdem will Junker aus diesem teleologischen Sprachgebrauch sicherlich nicht ableiten, Leute wie Dawkins seien verkappte Kreationisten. ;-) Es geht darum, dass diese Begriffswahl im Bezug auf die Natur doch sehr auffällig ist. Auffällig. Mehr nicht. Man kann nun fragen, auf was man das zurückführt. Jens Kany beispielsweise argumentiert recht überzeugend, wie ich finde, es läge nicht an der Natur, sondern an unserem Verstand, dass wir gar nicht anders können, als die Natur mit teleologischen Begriffen zu beschreiben.
Man kann das aber auch durchaus als Verdachtsmoment dafür sehen, dass das ganze tatsächlich designt sein könnte. Es ist aber eben nur ein Verdachtsmoment, klar. Im Wissenschaftsdiskurs zählt das wenig. Man müsste diesen Verdacht schon untermauern, also ein gutes SD-Modell liefern, welches die Daten schlüssig interpretiert, während die ateleologischen Ansätze das Design nur unbefriedigend als Illusion entlarven. Nun denke ich, dass die Erweiterte Synthetische Evolutionstheorie sicher noch nicht alle Probleme gelöst hat, aber man kann ihr durchaus zugestehen, dass sie einer ungerichteten Entwicklung des Lebens Plausibilität verleiht. Wie weit die reicht ist eine andere Frage. Viel wichtiger ist: Sie mag ihre Schwächen haben, aber die der alternativen SD-Modelle sind noch viel größer. Und daher folgt aus dem Verdachtsmoment in meinen Augen auch nichts.
Es wurde und wird ja immer gerne darauf verwiesen, dass ID die Erforschung der Evolution ankurbeln würde/könnte.
Davon halte ich persönlich ehrlich gesagt nicht sehr viel. Ein Design-Ansatz, der aus Gemecker besteht, interessiert mich nicht arg. Wichtig wäre in meinen Augen, heuristisch fruchtbare, eigene Erwartungen zu formulieren und dann über den gewöhnlichen Weg der Wissenschaft diese Früchte zu ernten.
By the way, haben die IDler eigentlich mittlerweile auch nur irgendwas gefunden, was ihre Position auch nur minimal plausibel macht?
Hab gehört, der "Newton der Informationstheorie" schreibt mittlerweile schlechte Kinderbücher...
... und kann's nicht verwarten, auf zwei noch unveröffentlichte Paper zu verweisen, die er seit zig Monaten im Review zu haben scheint (http://www.uncommondescent.com/intelligent-design/two-forthcoming-peer-reviewed-pro-id-articles-in-the-matheng-literature/). ;-)
Na da bin ich aber mal gespannt, die Kommentare auf UC scheinen ja auf einige Sprengkraft hinzuweisen ;)
"während die ateleologischen Ansätze das Design nur unbefriedigend als Illusion entlarven."
Es wäre wirklich mal äußerst interessant wie "Design" in seiner urprünglichen Wortbedeutung verwendet wurde bzw was ein angemessenes Synonym wäre.
Allerdings, wie du ja einräumst, ist das für die ET-Schöpfungsdebatte belanglos.
Heute in einem Paper gelesen:
The interpretation of a feed-forward loop as a motif that guarantees robustness is a new aspect in the discussion on design principles of cellular systems.
"Nun denke ich, dass die Erweiterte Synthetische Evolutionstheorie sicher noch nicht alle Probleme gelöst hat,.."
Natürlich nicht, wäre ja auch furchtbar langweilig
Die Evolution schreitet eben langsam - auch die Evolution ihrer Erkenntnis. Mancher Gedanke, der dabei auftaucht, erweist sich später als "letale Mutation", die der Auslese unterliegt.
Immer ist es aber über die Umwelt, die darüber entscheidet, und so wird mancher gute Gedanke eliminiert, nur weil ihn die Umwelt nicht versteht.
@ Christoph
Die potentiellen Dembski Paper sind der übliche "Evolution kann dies und jenes nicht"-Unsinn. Seine Argumente gehen völlig an der Biologie vorbei und beziehen sich prinzipiell nur auf die Allgemeinheit der beliebigen Fitnessfunktionen. Klar, im weißen Rauschen ist jeder Suchalgorythmus gleich gut (oder eher gleich schlecht). Das wundert einen nicht wirklich, oder?
Und während Dembski über die imaginären Grenzen von irrelevanten Arten von Suchalgorithmen in uninteressanten Fitnessräumen schwadroniert, werden mit evolutiven Methoden z.T. völlig neuartige und hochkomplexe Schaltkreise entwickelt, bei denen der Mensch kaum noch versteht, warum sie überhaupt funktionieren...
In vielen Fällen nutzen die evolvierten Lösungen dabei ein hochkomplexes Zusammenspiel von z.T. eigentlich parasitären Effekten.
Zwei beliebige Beispiele nach einer kurzen google-Suche:
http://star.tau.ac.il/~eshel/papers/Nadav.pdf
http://ieeexplore.ieee.org/stamp/stamp.jsp?arnumber=00869347
Ich befürchte, dass wir allein mit einer naturwissenschaftlichen Aufklärung, einem Weiterdenken der Evolution über den verstaubten Darwinismus, Recht des bösen Starken Genegoisten... hinaus nicht weiterkommen.
Ich werte seit Jahren aus, wie alle naturalistischen Theologien scheintern, wenn sie nicht (wie die christliche Zeitenwende vorsah) von einem natürlichen kreativen=schöpferischen Wort/Vernunft ausgehen, sondern das gewohnte völlig vermenschlichte Gottesbild
voraussetzen.
Der ganze Streit um die Mechanismen der Evolution müsste sich ebenso wie die Suche nach einem Desingern erübrigen, wenn wir ganz im Sinne der antiken Glaubenswende die Logik des evolutionären Lebensflusses, die wir heute nur weit empirischer erklären als damals, an den Anfang der Gewissheit stellen bzw. nach Glaubensaufklärung erkennen, dass dies echt der Anfang war.
Gerhard
www.theologie-der-vernunft.de
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