Unter einem Blog-Beitrag war dereinst die Frage aufgekommen, ob es in der publizierten Fachliteratur meiner Meinung nach Beispiele dafür gäbe, dass zufällige Mutationen in Kombination mit natürlicher Selektion Neukonstruktionen generiert hätte. Ich gab als meines Erachtens beeindruckendstes Beispiel auf der makromorphologischen Ebene eine Arbeit von Herrel et al. (2008) an. Der Leser "dreisam" kommentierte dies wie folgt:
Ich sehe, dass Dir derartige Literatur also durchaus bekannt ist. Mir ebenfalls :-)Immerhin scheint schon schlichtes RMNS in Betracht zu kommen,- um die *neuen* Darmklappen in der Podarcis_melisellensis-Population der Insel Pod Kopistel zu erklären.
Ich merkte damals an, dass "[d]ie Blinddarmventile [...] btw. in der anderen Art, bei P.sicula entstanden [sind], P. melisellensis ist auf Pod Mrcaru schon seit Jahren verdrängt" und verwies auf einen Artikel (Heilig 2008) in der nächsten Ausgabe des "Studium Integrale Journals". Dreisam erwartete von dieser "schöpfungskonformen" Umdeutung nicht viel, wähend ich den Anspruch erhob, den Einzelfall für sich analysieren zu wollen (im Hinblick auf die Frage, ob wirklich ein klarer Fall vin ungerichteter Makroevolution vorliegt) und den letztendlichen Ursprung (außer in der Fußnote 5) - Evolution oder Schöpfung - gar nicht thematisieren zu wollen. Wer sich das SIJ nicht kaufen wollte, kann das nun auch online (incl. Originalzitate und Datensets) nachlesen. Ich freue mich über kritische aber faire Rückmeldung!
- Heilig C (2008) Ruineneidechsen: Makroevolution oder Polyvalenz? Rapide Anpassung, Makroevolution und Hinweise auf programmierte Variabilität bei Podarcis sicula (Sauria: Lacertidae). Stud. Int. J. 15, 76-88. Online: http://www.si-journal.de/jg15/heft2/sij152-3.html
- Herrel A, Huyghe K, Vanhooydonck B, Backeljau T, Breugelmans K, Grbac I, Van Damme R & Irschick DJ (2008) Rapid large-scale evolutionary divergence in morphology and performance associated with exploitation of a different dietary resource. Proceedings of the National Acadademy of Sciences of the United States of America 105, 4792-4795. Online: http://www.pnas.org/content/105/12/4792.full


18 Kommentare:
Ich vermisse in dem Artikel eine speziellere Diskussion des Begriffs >Makroevolution<. In dem Glossar steht zwar folgendes: "Entstehung neuartiger Organe, Strukturen, Bauplantypen und qualitativ neuer Gene mit neuartiger Funktion (Neu-Konstruktion, Innovationen)". Aber es wird nicht gesagt, was das "qualitativ Neue" an einem Gen ausmacht.
Ist eine Mutation in einem alten Gen bereits eine qualitative Neuerung. Und wenn nicht, weshalb nicht?
Und wenn sich nur das Expressionsmuster alter Gene (im Zuge eines epigenetischen Prozesses) ändert? Dann ändert sich das Gen selbst überhaupt nicht.
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Man bedenke, wie sich die Gewebe der morphologischen Strukturen in Bilateria ausdifferenzieren.
Das geschieht ganz basal mit Hilfe der Hox-Gene. Deren Genprodukte regulieren/modulieren die Expression anderer Gene, deren Genprodukte wiederum die Expression weiterer Gene regulieren/modulieren.
Eines der Genprodukte kann nun mehr als eine weitere Genexpression regulieren.
Die Aktivität des Genprodukts kann durch andere Stoffe (z.B. Phosphatsäurereste) und andere Genprodukte (allosterisch) beeinflusst (gemindert oder gesteigert) werden.
All diese gegenseitigen Beeinflussungen können genetisch (z.B. durch Mutation oder Duplikation irgendeines der beteiligten Gene) oder epigenetisch (durch gesteigerte oder verminderte Expression, z.B. durch Methylierung) oder einfach nur durch Umwelteinflüsse oder Hormone *irgendwo* weiter moduliert werden.
Es gibt schlicht sehr viele Einflussgrößen, die bei der Bildung einer morphologischen Struktur mitwirken.
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Angenommen, die Darmklappen kommen zustande, weil in den Zellen der Submucosa des Eidechsen-Darmtrakts die Wirkung des morphogenetischen Proteins BMP2 (oder halt irgendein anderes) verlängert wird. Wann würde hier Makroevolution im Sinne von W+W vorliegen?
Wenn das Gen für BMP2 mutiert, so dass BMP2 affiner für seine Zielproteine wird?
Wenn ein Gen eines der Zielproteine für BMP2 mutiert, so dass das Zielprotein affiner für BMP2 wird?
Wenn einer der DNA-Abschnitte, an denen eines der von BMP2 regulierten Zielproteine (als Transkriptionsfaktor) anlagert, durch Mutation affiner für den Transkriptionsfaktor wird?
Wenn ein Gen eines der Zielproteine für BMP2 epigenetisch aktiver (ohne irgendeine Mutation!) wird?
Wenn ein Gen, für das eines der Zielproteine für BMP2 als Transkriptionsfaktor wirkt, epigenetisch aktiver wird?
Wenn durch Duplikation des Gens für BMP2 einfach mehr BMP2 synthetisiert wird?
Wenn durch Duplikation des Gens für BMP2 eine Genkopie entsteht, die weiter mutiert und deshalb nun eine Art Super-BMP2 exprimiert?
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Meines Erachtens könnte jeder der erwähnten Prozesse (oder noch andere oder eine Kombination von diesen) die morphologische Neuerung bewirkt haben.
Meinem Gefühl nach habe ich jedoch noch keinen Prozess erwähnt, der Makroevolution im Sinne von W+W erfüllen würde ;-)
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W+W sagt: "Makroevolution liegt nur vor, wenn das-und-das erfüllt ist".
Es wird jedoch nicht gesagt, >warum< genau nur dann Makroevolution vorliegt - selbst wenn andere genomisch-proteomische Prozesse ebenfalls neue Strukturen erzeugen.
Lapidar ausgedrückt: Organismen scheren sich nicht darum, was irgendwer für Makroevolution hält. Sie evolvieren einfach Neuerungen mit Hilfe ihres vollen genomisch-proteomischen Repertoirs inklusive diverser Aus-, Um- und Abbaummöglichkeiten und vielschichtig beeinflusst von Umwelt und Verhalten.
Noch vor vielleicht einem Jahr galt Makroevolution gemeinhin als nicht direkt beobachtbarer Prozess.
Eine bequeme Situation, wenn man Makroevolution als "nicht direkt belegbare" Hypothese abtun mochte.
Publikation des Jahres 2008 haben jedoch die Karten neu gemischt: Die Eidechsen von Pod Mrcaru und auch ZACHARYs Coli-Bakterien haben die Grenze der empirischen Zugänglichkeit verschoben. Drei Jahrzehnte reichen aus, um Neuerungen direkt beobachtbar hervor zu bringen.
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Es ist nun belegt, dass nicht nur Merkmalsmodifikationen (aka Mikroevolution), sondern auch Merkmalsneuerungen (aka Makroevolution) innerhalb einiger Jahrzehnte stattfinden können.
Müsste daraus nicht eine Neubewertung des qualitativen Unterschieds zwischen Mikroevolution und Makroevolution erwachsen?
Existiert dieser Unterschied tatsächlich, oder wird er nur von uns konstruiert?
@ dreisam:
Anerkennung, exzellenter Kommentar!
Lieber Dreisam,
danke für Deinen sehr interessanten Kommentar. Ich denke, Du sprichst einen sehr wichtigen Punkt an: Wie unterscheiden wir Mikro- und Makroevolution? Und lautet die Antwort vielleicht: "Gar nicht!"?
Ich gebe Dir Recht, dass auf "neue Funktion" zu verweisen nicht unbedingt klug ist. Neue Funktion heißt nicht unbedingt großer Konstruktionsaufwand. Und darauf läuft es m.E. hinaus: Dass die Generierung mancher Phänomene für bekannte Variationsprozesse zu schwierig sein dürfte und man stattdessen spezifische Makroevolutionsmechanismen dafür postulieren muss. Dann liegt das "Makro" aber eben nicht im Phänomen X selbst (Komplexität von X? Neue Funktion bei X? usw.), sondern in der Komplexität seines Entstehungsweges.
Vielleicht stellt sich natürlich auch heraus, dass für diese Entstehungswege genügend Zwischenstationen gefunden werden können, sodass alle in den Bereich von RM&NS et al. fallen.
Sogesehen bin ich rückblickend auch nicht ganz zufrieden mit meinem Glossar (und auch nicht unbedingt mit meiner eigenen Abgrenzung im Text).
Vielleicht sollte man die Frage so angehen: Zeigt der Artikel von Herrel et al., dass RM&NS so "innovativ" sind, wie es von diverser Seite oft in Frage gestellt wurde? Ich habe daran meine Zweifel, da ich nicht denke, dass klar ist, dass diese Veränderung in den Bereich dessen fällt, was so dringlich zu erklären wäre (die Entstehung von Bauplänen und molekularen Maschinen; sprich: Phänomene deren Entstehungswege nach bisherigem Wissen eher nicht graduell zu verlaufen scheinen = "hoher Schwierigkeitsgrad") und zweitens zu bezweifeln ist, ob diese Struktur überhaupt im besagten Rahmen (zeitlich, räumlich usw.) entstand.
Also, sicherlich "[m]üsste daraus [...] eine Neubewertung des qualitativen Unterschieds zwischen Mikroevolution und Makroevolution erwachsen". Da hast Du schon Recht. Ich denke, die Notwendigkeit besteht allerdings schon länger. ;-)
Die amerikanischen Kreationisten haben dem m.E. auch schon seit einiger Zeit Rechnung getragen, indem sie nicht mehr behaupten, ihre "baramins" seien all das, was durch mikroevolutive Prozesse nicht zu überbrücken ist, sondern versuchen die Grenzen der geschaffenen Arten auszuloten, ohne auf die Leistungsfähigkeit evolutiver Prozesse einzugehen.
Eigentlich sehe das Problem an einer anderen Stelle: Evolution kann ja sehr schlicht definiert werden als >Deszendenz mit Modifikationen<.
Solche Modifikationen sind im Fossilbeleg sichtbar. Handelt es sich nicht um bloße Modifikationen (z.B. Schädelbreite oder Oberschenkelknochenlänge), wird gern von Makroevolution gesprochen. Damit ist dann gemeint, dass die vorliegende Modifikation eine Neuerung darstellt.
Die Eidechsen von Pod Mrcaru zeigen eine Neuerung, nämlich Darmklappen. Nehmen wir einmal an, diese Eidechsen würden in einem sehr feinkörnigen Tonstein oder Kalkstein fossilisieren. Dann könnten sie von einem Paläontologen eines fernen Tages gut erhalten gefunden werden. Dann würden vielleicht auch Weichteilstrukturen, vielleicht Abdrücke der Darmklappen gefunden werden.
Der Paläontologe erkennt in den erhaltenen Darmklappen eine Neuerung. Er sieht darin ein paläontologisches Beispiel für Makroevolution, ähnlich wie die Federn der Coelurosaurier oder die Choanen der Choanata.
W+W definiert jetzt als Makroevolution "Entstehung neuartiger Organe, Strukturen, Bauplantypen und qualitativ neuer Gene mit neuartiger Funktion (Neu-Konstruktion, Innovationen)".
Den meisten Fossilien mangelt es jedoch ganz eklatant an DNA: Die W+W-Makroevolutionsdefinition ist nicht auf Fossilien anwendbar! Anhand der W+W-Makroevolutionsdefintion könnte nicht festgestellt werden, ob die fossilisierten Darmklappen, Federn und Choanen durch makroevolutive Ereignisse aufgekommen sind.
Nun musste die Hypothese der Makroevolution aber überhaupt nur formuliert werden, weil eben genau im Fossilbeleg Neuerungen festgestellt wurden!
W+W hat also eine Definition zu einem Phänomen formuliert, die auf das Phänomen selbst gar nicht anwendbar ist.
:-)
Ich denke eigentlich nicht, dass ich hier einen gewitzteren Fall von Selbstimmunisierung aufgedeckt habe. Obwohl sich so eine Deutung anböte. Denn mit dieser Definition könnte W+W ja absolut jede noch so krasse Neuerung irgendwie bestimmt noch als Mikroevolution durchwinken (und damit ihr Grundtypen-Konzept retten).
Ich denke eher, dass hier ein semantisches Problem vorliegt. Ein Fall BOOL'scher Logik.
Statt "Entstehung neuartiger Organe, Strukturen, Bauplantypen UND qualitativ neuer Gene mit neuartiger Funktion (Neu-Konstruktion, Innovationen)" sollte es eigentlich heißen: "Entstehung neuartiger Organe, Strukturen, Bauplantypen ODER qualitativ neuer Gene mit neuartiger Funktion (Neu-Konstruktion, Innovationen)".
Allerdings *haben* die Eidechsen von Pod Mrcaru eine neue Struktur in dreißig Jahren entwickelt.
Allerdings *haben* ZACHARYs Coli-Bakterien neue Gen-Funktionen in zwanzig Jahren entwickelt (BEHEs hypogäischer Kritikversüchlein zum Trotz).
;-)
Einerseits könnten W+W an einer UND-Definition festhalten. Dann wäre ihre Definition nicht operabel.
Andererseits könnten W+W zu einer ODER-Definition wechseln. Dann wäre Makroevolution empirisch inzwischen sowohl morphologisch als auch genomisch belegt werden.
> Dann liegt das "Makro" aber eben
> nicht im Phänomen X selbst
> (Komplexität von X? Neue
> Funktion bei X? usw.), sondern
> in der Komplexität seines
> Entstehungsweges.
> (C. Heilig)
Beispiel 01 - Die Schnäbel der Darwin-Finken: Darwin-Finken-Schnäbel besitzen verschiedene Dicken und Längen. Das sind Angepasstheiten an verschiedene Ernährungsmethoden. Das Merkmal "Schnabel" wurde einfach modifiziert (verlängert, verkleinert, verdickt, verjüngt). Dies sieht ganz nach Mikroevolution aus.
Der morphogenetische Mechanismus, der zu den unterschiedlichen Schnabelformen führte, ist bekannt. Es handelt sich um ein Wechselspiel von zwei morphogenetisch wirksamen Makropeptiden, Calmodulin (CaM) und Bone Morphogenetic Protein 4 (BMP4). Je mehr CaM in den schnabelbildenden Zellen vorhanden ist, desto länger wird der Schnabel. Je mehr BMP4 in den schnabelbildenden Zellen vorhanden ist, desto höher wird der Schnabel.
Beispiel 02 - Die Flügelhand der Fledermaus: Die Vorderhand der Fledermaus ist ein bekanntes Beispiel für die außerordentliche Wandelfähigkeit der pentadaktylen Tetrapodenextremität. Dies sieht ganz nach Makroevolution aus.
Der morphogenetische Mechanismus, der zu den verlängerten Fingerknochen führte, ist bekannt. Es handelt sich um eine Modifikation des morphogenetisch wirksamen Makropeptids Bone Morphogenetic Protein 2 (BMP2). Je mehr BMP2 in den Fingerknochen vorhanden ist, desto länger werden die Knochen.
Wenn man die beiden Beispiele vergleicht, fällt folgendes aus: Der molekulare Mechanismus, der eine (mikroevolutive) Modifikation bewirkte (Schnäbel/CaM/BMP4) ist komplexer (!) als der molekulare Mechanismus, der eine (makroevolutive) Neuerung bewirkte (Fledermaushand/BMP2). Außerdem ähneln sich die molekularen Mechanismen für beide Prozesse grundsätzlich (beide mit einem BMP).
Die molekularen Mechanismen für mikro- und makroevolutive Prozesse sind sich sehr ähnlich.
Die Komplexität eines molekularen Mechanismus kann kein Kriterium für Mikro- und Makroevolution sein. Denn vermeintliche Mikroevolutionen (einfache Modifikationen) können auf komplexeren Morphogenesen beruhen als vermeintliche Makroevolutionen (Neuerungen).
"Die Komplexität eines molekularen Mechanismus kann kein Kriterium für Mikro- und Makroevolution sein. Denn vermeintliche Mikroevolutionen (einfache Modifikationen) können auf komplexeren Morphogenesen beruhen als vermeintliche Makroevolutionen (Neuerungen)."
Wir haben uns denke ich gründlich missverstanden: Ich hatte erwogen, ausschließlich den Entstehungsweg zugrundezulegen, weil das evolutionsbiologisch am meisten Sinn ergibt. Die Verbindung zum Fossilbericht, die ursprünglich motivierend war, wie du herausstellst, wäre dann natürlich weg.
Ich denke, man kann zwei Fragen streng trennen (Was ich unzureichend tat):
1) Wie entstehen morphologische Neuerungen?
2) Wie kommen komplexe Veränderungen der Erbinformation zustande?
Die Fragen korrelieren ebe nicht unbedingt, wie Du sagtest und ich auch schon oben schrieb. Das sehe ich ein.
Bevor wir fortfahren können, bitte ich Dich um Deine Meinung zu einem (mir) sehr wichtigen Punkt aus meinem zweiten Posting:
>> Statt "Entstehung neuartiger Organe,
>> Strukturen, Bauplantypen UND quali-
>> tativ neuer Gene mit neuartiger Funk-
>> tion (Neu-Konstruktion, Innovationen)"
>> sollte es eigentlich heißen: "Entsteh-
>> ung neuartiger Organe, Strukturen,
>> Bauplantypen ODER qualitativ neuer
>> Gene mit neuartiger Funktion
>> (Neu-Konstruktion, Innovationen)".
>>
>> Allerdings *haben* die Eidechsen von
>> Pod Mrcaru eine neue Struktur in drei-
>> ßig Jahren entwickelt. Allerdings
>> *haben* ZACHARYs Coli-Bakterien
>> neue Gen-Funktionen in zwanzig Jahren
>> entwickelt (BEHEs hypogäischer
>> Kritikversüchlein zum Trotz).
>> (dreisam)
> Ich hatte erwogen, ausschließlich den
> Entstehungsweg zugrundezulegen, weil
> das evolutionsbiologisch am meisten
> Sinn ergibt. Die Verbindung zum
> Fossilbericht, die ursprünglich
> motivierend war, wie du
> herausstellst, wäre dann natürlich weg.
> (C. Heilig)
Schon in meinem vorletzten Posting habe ich an zwei Beispielen dargestellt, dass die molekulare Morphogenese vermeintlicher Mikroevolution (Schnabelform) komplexer sein kann als die molekulare Morphogenese vermeintlicher Makroevolution (Fledermausflügel).
Ich könnte nun sagen "wenn mindestens so und so viele Gene und Transkriptionsfaktoren und Kinasen und Enhancer an einer molekularen Morphogenese beteiligt sind, liegt Makroevolution vor". Doch dann *konstruiere* ich mir _willkürlich_ eine Grenze zwischen Mikro- und Makroevolution.
> 1) Wie entstehen
> morphologische Neuerungen?
> (C. Heilig)
Dazu habe ich in meinem ersten Posting einige denkbare Möglichkeiten aufgelistet (das hypothetische BMP4-Beispiel). Es lassen sich sicherlich noch weitere Wege finden.
> 2) Wie kommen komplexe
> Veränderungen der Erbinformation
> zustande?
> (C. Heilig)
Dazu müsstest Du zuerst definieren, was Du unter "Erbinformation" verstehst und vor allem auch noch, was für Dich "komplexe Veränderungen" sein würden.
Hier würdest Du Dir eine Definitionen konstruieren, um die sich ein evolvierender Organismus nicht kümmern muss.
Bei Bedarf kann ich weitere Evo-Devo-Beispiele bringen, die auf anderen molekularen Mechanismen fußen. Aber ich denke nicht, dass dies irgendetwas bringen würde. Denn jedesmal würdest Du die Beispiele lesen und dann von Fall zu Fall entscheiden "das erscheint mir schon ziemlich makroevolutiv-komplex" oder "das kommt mir nun echt eher mikroevolutiv vor". Das wären dann aber jedesmal bloß Deine Einschätzungen, die beteiligten Gewebe können anderer Meinung sein.
Ich möchte es noch einmal hervorheben: Zumindest aus der Warte des naiven Empirismus konnte lange Zeit als Argument gegen die Makroevolution-Hypothese gesagt werden, dass derartige Prozesse (Entstehung neuartiger Strukturen bzw. qualitativ neuer Gene) nicht direkt empirisch im Hier und Jetzt belegt wurden. Die Situation hat sich geändert (und ich musste dazu noch nicht einmal auf Hefe-Genetik eingehen ;-). Die Naturwissenschaft hat genau das ausgeräumt, was bisher naiv-empiristisch gegen die Makroevolution-Hypothese sprach.
*
Lieber Chistoph,
es scheint keine markante Trennlinie in der molekularen Morphogenese von mikroevolutiven und makroevolutiven Modifikationen zu geben. Die Trennlinie wurde wahrscheinlich durch uns daher konstruiert. Sie existierte in unserer (makroskopischen) Anschauung, nicht im tatsächlichen (molekularbiologischen) evolutiven Geschehen.
Mir kommt es so vor, als ob Du gerade probierst, einen neuen Frontgraben auszuheben - nachdem Deine letzte Stellung von ein paar Eidechsen und Darmbakterien gestürmt wurde. Da scheinen offenere amerikanische Kreos schon weiter:
> indem sie nicht mehr behaupten,
> ihre "baramins" seien all das,
> was durch mikroevolutive Pro-
> zesse nicht zu überbrücken ist,
> sondern versuchen die Grenzen
> der geschaffenen Arten auszuloten,
> ohne auf die Leistungsfähigkeit
> evolutiver Prozesse
> einzugehen. (C. Heilig)
Dass auch die Grundtyp-Definition nicht auf Fossilien angewendet werden kann, weißt Du ja sicher. Man könnte sogar behaupten, dass zwei Individuen der gleichen Morphospezies Archaeopteryx bavarica verschiedenen Grundtypen angehört hätten - und könnte nicht widerlegt werden.
Ich persönlich würde ja eine paläontologisch nicht-operable Makroevolutionsdefinition und eine paläontologisch nicht-operable Grundtypen-Definition kaum als geeignete Werkzeuge für irgendeine schöpfungsparadigmatische Naturgeschichtsforschung einschätzen - aber ich versuche mich auch nicht darin ;-)
Immerhin könnten Dir vielleicht meine Kommentare Anregungen für einen wirklich explosiven SI-Artikel geliefert haben? - "Makroevolution ist empirisch belegt. Mikroevolution und Makroevolution sind entwicklungsbiologisch nicht unterscheidbar. Also fort mit diesem konzeptionellen Balast! Lasst uns einfach fleißig Biospezies kreuzen und dabei nach Gastrulae fahnden!"
@ dreisam:
Schaust Du bitte mal in Dein Postfach im FGH? Danke.
Makroevolution = "Entstehung neuartiger Strukturen bzw. qualitativ neuer Gene"
Mich würde interessieren: Was heißt hier "neuartig" bzw. "neu"? Es kann ja eigentlich nur um qualitativ Neues gehen. Aber gerade zu Qualitäten hat die NW im Grunde nichts zu sagen. Daher scheint mir obige Definition, die nicht falsch sein muß, zumindest ziemlich erklärungs- und konkretisierungsbedürftig, wenn sie naturwissenschaftlich etwas hergeben soll.
> Was heißt hier "neuartig"
> bzw. "neu"? Es kann ja
> eigentlich nur um
> qualitativ Neues gehen.
> (anonym)
Thomas WASCHKE hat dazu eine ausführliche Arbeit geliefert:
http://www.waschke.de/bericht_2.pdf
Die bisherige Position von W+W erklärte Reinhard JUNKER im Jahre 2006:
http://www.wort-und-wissen.de/
index2.php?artikel=sij/sij132/
sij132-1.html
Dort schrieb JUNKER vor drei Jahren: "Für makroevolutive Veränderungen fehlen experimentelle Belege" - und genau dieser Einwand scheint eben im Jahre 2008 aufgelöst worden zu sein.
@ dreisam
Danke für den Hinweis auf die Beiträge.
Mir scheint die Frage um das Neue längst nicht geklärt zu sein.
Waschke ist sicherlich informativ, aber was hilft es schon, wenn er statt vom "Neuen" durchgängig vom "grundlegend Neuen" spricht?! Hier flackert das eigentliche Problem zwar auf -, aber das war´s dann auch.
Dr. R. Junker hat das Problem zumindest klar vor Augen, kann es aber nicht lösen. Ich stimme ihm zu, wenn er schreibt:
Charakterisierungen von "Makroevolution". Hier ist eine möglichst genaue Sinnbestimmung vielgebrauchter Wendungen wie "neue Konstruktionen" oder "grundlegender Umbau" erforderlich, ferner ist eine quantitative Charakterisierung erstrebenswert.
Der Erfolg dieses Programms scheint mir indes keineswegs garantiert zu sein, und zwar allein schon deshalb, weil Qualitäten nicht (verlustfrei) in Quantitäten übersetzbar sind.
Ende des kleinen Wochenendausflugs...
Naja, liebe Leute, ihr tut mir schon etwas leid. Das Dilemma beginnt doch schon bei der Definition, was eigentlich eine "Art" ist. Oder hat man das mittlerweile geklärt?
Weiters weiß man doch viel zu wenig über morphologische Expression der Gendaten. Vielleicht werden bald oder auch nicht so bald wieder ganz neue Mechanismen im genetischen Bereich entdeckt, die die Variationsbreite und die Anpassungsmöglichkeiten einer Art noch weiter vergrößern? Die Epigenetik hat da doch schon neue, früher unbekannte Welten eröffnet.
Makroevolution könnte man auch genausogut dorthin verlegen, wo zwei Individuen sich so auseinanderentwickelt haben, daß sie keine gemeinsamen Nachkommen mehr produzieren können - egal wie viele Klappen und Finger sie unterscheiden.
Und die Eidechsen der einen und der anderen Population können das doch problemlos. Ich behaupten also, wenn sie das nicht mehr können, dann liegt Makroevolution vor. Und jetzt? Für die einen ist es schon die Darmklappe, die den Unterschied ausmacht, für mich die Unfähigkeit zur gemeinsamen Reproduktion.
Die Interpretation der Darmklappen als Makroevolution ist doch auch aus statistischer Sicht völlig unwahrscheinlich. Wenn ein großer Teil der Population nach 36 Jahren diese Klappen hat, frage ich mich:
- in welcher Generation begann eigentlich die Veränderung? Wenn es nicht gleich am Anfang war, verringert sich die Chance zur Ausbreitung der neuen Variante rapide, besonders, wenn man den nächsten Punkt mit in Betracht zieht:
- worin bestand der gewaltige Anpassungsvorteil, der die nicht evolvierten Individuen so stark behinderte? Auch ohne diese Klappen sind sie ja definitiv lebensfähig, denn die ausgesetzten Starttiere der Population waren es ja auch, und deren Nachkommen (bis zum erstmaligen Auftreten der morphologischen/anatomischen Neuerung) auch.
- unter diesem Blickwinkel gibt es kaum eine realistische Möglichkeit, das ganze als Evolution zu verkaufen, aber jede Menge andere Möglichkeiten, die mit der dünnen Datenlage nicht eingrenzbar sind (6 untersuchte Individuen von über 5000!)
Das Ganze mutet demnach auch mehr als Spekulation denn als seriöse Wissenschaft an - zumindest, was die Schlußfolgerungen betrifft.
Von den vielen Variablen ist doch das Meiste völlig ungeklärt. Geht schon bei der Frage los, welche Funktion diese Klappen haben und wie unverzichtbar sie sind.
> "Charakterisierungen von
> 'Makroevolution'. Hier ist
> eine möglichst genaue
> Sinnbestimmung vielgebrauch-
> ter Wendungen wie 'neue
> Konstruktionen' oder
> 'grundlegender Umbau' erfor-
> derlich, ferner ist eine
> quantitative Charakteri-
> sierung erstrebenswert."
> (JUNKER, zitiert von John)
Mit anderen Worten: Wir haben eine Idee von Makroevolution (irgendwie Neues), doch können wir sie nicht weiter einkreisen.
JUNKER erkannte dies im Jahr 2006. Damit müsste sich zumindest einer der Vordenker von W+W der Problematik des Begriffs bewusst sein.
Eingedenk dieses Wissens wäre es wahrscheinlich angebracht, den Begriff vorsichtig zu gebrauchen. Den Begriff nicht ohne ausführliche Erklärung und Diskussion zu gebrauchen.
Stattdessn wird der Begriff 2008 auch mit einer sperrigen und schwammigen eigenen Definition beladen.
Ich habe ja schon in einem meiner oberen Postings versucht, die W+W-Makroevolutionsdefinition in zwei operablere Teile zu trennen. Ich gehe immer noch davon aus, dass bei W+W einfach UND mit ODER verwechselt wurde.
Seltsam nur, dass das niemandem in der SI-Redaktion aufgefallen ist, als Christoph den Artikel einreichte.
@ Flash
Die Darmklappen sind eine Neuerung (sie dienen der Abtrennung von Gärkammern, was den Aufschluss pflanzlicher Nahrung erleichtert).
Damit ist das Auftreten einer morphologischen Neuerung empirisch belegt worden.
Damit ist im Jahre 2008 genau das belegt worden, dessen empirisches Fehlen JUNKER noch 2006 ankreiden konnte.
Christoph sagt jetzt in seinem Text sinngemäß: "Okay, es ist eine Neuerung. Aber W+W weiß nicht, ob es Makroevolution ist."
Bei der derzeitigen W+W-Makroevolutionsdefinition wüsste W+W jedoch niemals, ob etwas Makroevolution ist.
Ich halte diesen Umstand für ein Versehen (UND statt ODER, wie gesagt). Andere könnten dies jedoch als Selbstimmunisierungsstrategie auslegen: "Nichts ist Makroevoltion, solange nicht unsere Makroevolutionsdefintion erfüllt ist, die nicht erfüllt werden kann."
@ dreisam:
"Ich halte diesen Umstand für ein Versehen (UND statt ODER, wie gesagt). Andere könnten dies jedoch als Selbstimmunisierungsstrategie auslegen: 'Nichts ist Makroevoltion, solange nicht unsere Makroevolutionsdefintion erfüllt ist, die nicht erfüllt werden kann.'"
Die Frage ist außerdem, was man unter einem "neuen Gen" überhaupt verstanden haben möchte. Den meisten Evolutionsgegnern reicht es nicht, wenn durch Punktmutationen ein Gen mit einer neuen Funktion entsteht. Wegen der hohen Sequenzähnlichkeit zum Ursprungsgen wird auch dieses Ereignis häufig noch als "Optimierung" bezeichnet, also in den Bereich der Mikroevolution verschoben.
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