Dienstag, Februar 03, 2009

Und Naturgeschichte ist doch anders

Im vergangenen Jahr habe ich zwei Artikel auf diesem Blog veröffentlicht, die sich mit der Frage beschäftigen, ob und inwiefern Naturgeschichtsforschung methodisch anders vonstatten geht als Naturwissenschaft, die sich mit gegenwärtig regelhaft verlaufenden Prozessen befasst: Zum einen über den abduktiven Schluss, zum anderen über Nichtfalsifizierbarkeit (Vorstellung von Artikeln von C. Cleland und L. Vogt) .

Nun erschien im Heft 1/2009 der Naturwissenschaftlichen Rundschau ein Essay, der sich mit dieser Thematik unter dem Titel „Evolution ein Forschungsfeld im Grenzbereich“ befasst. Der Autor, Michael Brestowsky, greift darin den Gedanken von Ernst Mayr auf, „dass die Biologie, sobald sie die aktuelle funktionsbiologische Analyse verlässt und sich dem evolutionären Werden zuwendet, eigentlich eine Geschichtswissenschaft ist.“ Für die Rekonstruktion der Vergangenheit sei der Aktualismus zwar eine notwendige Annahme, enthalte allerdings stets auch ein spekulatives Element. Brestowsky zitiert eingangs aus dem letzten Buch Konzepte der Biologie von Ernst Mayr: „Wenn man sich überlegt, wie viele Ähnlichkeiten es zwischen der Evolutionsbiologie und der Geschichtswissenschaft gibt und wie sehr sie sich in Methodik und Begriffsbildung von der Physik unterscheiden, dann überrascht es nicht, dass es sich als schwierig, wenn nicht unmöglich erweist, eine scharfe Trennlinie zwischen Natur- und Geisteswissenschaften zu ziehen. Wenn man wollte, könnte man diese Linie beispielsweise zwischen funktioneller und evolutionärer Biologie ziehen und die funktionale Biologie den Naturwissenschaften und die Evolutionsbiologie der Geschichtswissenschaft zuschlagen.“ Brestowsky kommentiert: „Damit hat Mayr zweifellos Recht: Evolutionsforschung ist, was Gegenstand und Methoden betrifft, eine historische Wissenschaft, gehört also zu den Geisteswissenschaften und, von marginalen Randbereichen abgesehen, nicht zu den Naturwissenschaften.“ Damit werde sich zweifellos mancher Biologe schwer tun.

Die von Mayr angesprochene Frage der Grenzziehung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften sei nur dann so schwierig, wenn man sich bereits darauf festgelegt habe, „die Evolution zu den Naturwissenschaften rechnen zu wollen“. Zunächst aber müsse unabhängig davon sachlich geklärt werden, worin der entscheidende Unterschied zwischen den Naturwissenschaften und allen übrigen Wissenschaften besteht. Allgemein bestehe Wissenschaftlichkeit nach Brestowsky darin, dass eine „methodisch planmäßige, systematische und im Rahmen ihrer Voraussetzungen intersubjektive nachvollziehbare Vorgehensweise“ zur Erkenntnisgewinnung führe. Darunter kann – wie ich meine – fraglos auch Wissenschaft im Rahmen des Schöpfungsparadigmas gerechnet werden.

Die Naturwissenschaften nähmen – so Brestowsky – eine Sonderstellung ein, als ihre Erkenntnisse nicht nur nachvollziehbar, sondern durch nachprüfbare Beobachtungen bzw. wiederholbare Experimente verifizierbar oder falsifizierbar seien. Die geschichtliche Einmaligkeit des Gegenstandes der Evolutionsforschung verhindere es, dass man sich dieser naturwissenschaftlichen Methoden bedienen könne. Damit gehöre die Evolutionsforschung (gemeint ist offenbar die Rekonstruktion des Verlaufs der Evolution und dessen jeweiliger spezieller Ursachen) eindeutig nicht zu den Naturwissenschaften.

Natürlich nutze man naturwissenschaftliche Methoden zur Erfassung der Daten, doch erhalten diese ihre Bedeutung erst im Rahmen einer Evolutionstheorie, und „die ist ein rein gedankliches Konstrukt, eben eine philosophische Theorie, die, auf bestimmten unhinterfragbaren Basisannahmen (Paradigmen) fußend, Ursprung und Werden der Lebewesen zu erklären versucht.“

Brestowsky greift im Weiteren auf eine Unterscheidung zurück, die Pietschmann (1990) in diese Diskussion eingeführt hat: Der Unterschied zwischen prediktiven Theorien und konsistenten Theorien. Erstere erlauben überprüfbare Vorhersagen, während letztere damit stehen und fallen, „wie konsistent, wie stimmig, wie widerspruchsfrei sie einen umfassenden Sachverhalt erklären können.“ Brestowsky: „Es ist offensichtlich, dass in diesem Sinne die Evolutionstheorie wie auch die Theorien zum Werden des Kosmos konsistente, also empirisch nicht zu verifizierende Theorien sind.“ Für die zentralen evolutionstheoretischen Aussagen gebe es „keine Kontrollmöglichkeit, keine Verifizierung
oder Falsifizierung“. So weit würde ich selbst nicht gehen; Kontrollmöglichkeiten sehe ich schon, aber nur in dem Sinne, wie Brestowsky Pietschmann zitiert: „So könnte es gewesen sein.“

Im Weiteren wirft Brestowsky die Frage auf, weshalb so viele Biologen davon überzeugt sind, dass Evolutionsforschung reine Naturwissenschaft sei, und dass ihre Ergebnisse ebenso unanfechtbar seien wie die der Physiologie oder Genetik. Seine Antwort: Der Aktualismus wird als „Hintertür“ benutzt, um sich „scheinbar einen Zutritt zur Vergangenheit“ zu verschaffen. In der Geologie ist damit das Prinzip gemeint, „dass man aus heutigen geologischen Prozessen auf die Entwicklung in der Vergangenheit schließen könne“. Obwohl aber der Aktualismus eine entscheidende Rolle in der Evolutionsforschung spiele, sei der Begriff, seine Herkunft und sein Geltungsbereich immer noch unklar. Das zeigt Brestowsky, indem er einige Begriffe analysiert, mit denen der Aktualismus bezeichnet wird („Auffassung“, „Lehrmeinung“, „Arbeitsmethode“, „Verfahren“, „Hypothese“, „Theorie“, „Prinzip“, „Axiom“). Er kommt zum Schluss, dass der Aktualismus zum Axiom ernannt werde, weil seine „Grundannahme“ nicht beweisbar ist, und diese Annahme wird gemacht, weil sonst naturwissenschaftliches Arbeiten unmöglich wäre – so die Erläuterung in Wikipedia und in einem Schulbuch, das Brestowsky zitiert. Der Autor macht dann aber anhand eines Beispiels deutlich, dass der Aktualismus gar nicht durchgängig angewendet werden kann, da dies zu Widersprüchen führt. Er könne also auch kein Axiom sein. Es zeige sich damit, „dass, auch wenn man die überzeitliche Gültigkeit der Naturgesetze annimmt, damit noch keineswegs eine zuverlässige Grundlage für naturwissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse über die Vergangenheit gegeben ist.“ Den Wert „notwendiger Spekulationen“ will Brestowsky nicht diskutieren. Aber er möchte „mit Nachdruck“ daran erinnern, „dass der Wahrheitsgehalt einer historischen Rekonstruktion von anderer Qualität ist als der einer naturwissenschaftlichen Aussage.“ Als Beispiel weist er auf die verschiedenen Szenarien hin, die es für die Entstehung des Vogelfluges gibt.

Brestowsky kommt zum Schluss, dass der Aktualismus lediglich als eine ad-hoc-Annahme erdacht wurde, um den Naturwissenschaften eine Hintertür zur Vergangenheit zu öffnen. „Er steckt als unverzichtbare Prämisse in sämtlichen naturwissenschaftlichen Versuchen, das geschichtliche Werden von Kosmos und Leben im Ganzen oder in Teilen zu erforschen.“

Den naturwissenschaftlichen Anteil in der Evolutionstheorie (gemeint als Rekonstruktion der Geschichte der Lebewesen und des Kosmos) hält Brestowsky für gering. Wir wüssten zwar eine ganze Menge durch naturwissenschaftliche Forschung, doch ändere dies nichts an der Tatsache, „dass die Extrapolation dieser Erkenntnisse auf die Vergangenheit und die gesamte Evolution eine unüberprüfbare und daher nicht naturwissenschaftlich-prediktive, sondern eine philosophische, und somit konsistente Theorie ist und bleibt.“

Und weiter: „Züchtung war für Darwin ein Modell. Modelle sind gute Vorstellungshilfen, man darf sie aber nicht mit Beweisen verwechseln. Sie zeigen uns ‚So könnte es sein': aber die Frage: ,Ist es so?’ können sie uns nicht beantworten.“


Quellen

Brestowsky M (2009) Evolution ein Forschungsfeld im Grenzbereich. Nat. Rundschau 62, 16-19.

Mayr E (2005) Konzepte der Biologie. Stuttgart: S. Hirzel-Verlag.

Pietschmann H (1990) Die Wahrheit liegt nicht in der Mitte. Stuttgart, Wien: K. Thienemanns Verlag

40 Kommentare:

dreisam hat gesagt…
Dieser Post wurde vom Autoren entfernt.
dreisam hat gesagt…

Ich möchte kurz anmerken, dass Ihre Ausführungen in diesem Blog-Beitrag in eine andere Richtung zielen als das, was Sie in ihrer Abhandlung zu CLELAND und VOGT schrieben.

An jener Stelle ging es noch darum, dass (nach CLELAND) historisch arbeitende Naturwissenschaften eine grundsätzlich andere Arbeitsmethode aufweisen würden - das konnten jedoch weder Sie, noch CLELAND überzeugend zeigen.

BRESTOWSKY nun stellt jedoch als zentralen Punkt heraus, dass es sich beim methodologischen Aktualismus um eine axiomatische Annahme handelt.

Aber das ist doch wohl total unstrittig?

Ich zum Beispiel habe in unserer letzten Diskussion genau darauf hingewiesen: "Der gewichtige Unterschied besteht darin, dass historisch ausgerichtete naturwissenschaftliche Forschung nicht nur dem methodologischen Naturalismus, sondern auch noch dem methodologischen Aktualismus verpflichtet ist. Aber das ist ja keine neue Erkenntniss." (dreisam, 01.12.2008)

Andreas hat gesagt…

"Allgemein bestehe Wissenschaftlichkeit nach Brestowsky darin, dass eine „methodisch planmäßige, systematische und im Rahmen ihrer Voraussetzungen intersubjektive nachvollziehbare Vorgehensweise“ zur Erkenntnisgewinnung führe. Darunter kann – wie ich meine – fraglos auch Wissenschaft im Rahmen des Schöpfungsparadigmas gerechnet werden."
- Aha. Und was soll an Aussagen wie:
- "Alle Lebewesen waren ursprünglich optimal konstruiert"
- "Alle Grundtypen sind geologisch gesehen gleichzeitig entstanden."
etc. intersubjektiv nachvollziehbar sein ? Solche Vorraussetzungen sind für nicht-Kreationisten doch völlig willkürlicher Natur.
Ausserdem ist diese Definition von "Wissenschaftlichkeit" ziemlich schwach, weitere wichtige Kriterien wie prinzipielle Vorläufigkeit, Verifierbarkeit / Falsifizierbarkeit, interne / externe Konsistenz werden dadurch völlig ignoriert (und wären ein K.O. für deine "Wissenschaft im Rahmen eines Schöpfungsparadigmas").

"Die Naturwissenschaften nähmen – so Brestowsky – eine Sonderstellung ein, als ihre Erkenntnisse nicht nur nachvollziehbar, sondern durch nachprüfbare Beobachtungen bzw. wiederholbare Experimente verifizierbar oder falsifizierbar seien."
- Jedes Mal wenn ein neues Genom sequenziert wird, oder neue Fossilien ausgegraben werden, oder neue Spezies identifiziert werden oder.... werden Evolutionstheorien getestet. Hier werden auch ganz konkrete Erwartungen formuliert was man wahrscheinlich beobachten wird (ein schönes Beispiel ist hier der Fund von Tiktaalik) und was man auf gar keinen Fall beobachten wird wenn die Theorie eine adequate Beschreibung der Realität darstellt ("Fossil rabbits in the Precambrian").
Worüber man sich hier streiten könnte wäre die wissenschaftsphilosophische Bedeutung von Retrodiktionen und Prediktionen (Nach Vollmer wäre beides gleichwertig um eine Theorie zu verifizieren).

"...doch erhalten diese ihre Bedeutung erst im Rahmen einer Evolutionstheorie, und „die ist ein rein gedankliches Konstrukt, eben eine philosophische Theorie, die, auf bestimmten unhinterfragbaren Basisannahmen (Paradigmen) fußend..."
- Das ist trivial und betrifft *alle* naturwissenschaftlichen Theorien. Der ontologische Realismus kann auch nicht hinterfragt werden, und der betrifft jede naturwissenschaftliche Theorien.


"Brestowsky kommt zum Schluss, dass der Aktualismus lediglich als eine ad-hoc-Annahme erdacht wurde, um den Naturwissenschaften eine Hintertür zur Vergangenheit zu öffnen."
- 1. Gibt es zur Zeit keine Beobachtungen die den Aktualismus ernsthaft in Frage stellen, dafür aber jede Menge schlüssiger Erklärungen aus der Evolutionsbiologie, Geologie und Astronomie auf Basis des Aktualismus.
2. Stimmt es nicht das der Aktualismus nicht getestet werden kann. Ob fundamentale Naturkonstanten in der Vergangenheit gleiche (im Rahmen der Messgenauigkeit) Werte wie heute hatten wurde für die Feinstrukturkonstante (die sich aus der Elementarladung, dem Planckschen Wirkungsquantum, der elektrischen Feldkonstante und der Vakuum-Lichtgeschwindigkeit ableiten lässt) schon mehrmals getestet.
Siehe z.B. hier:
http://math.ucr.edu/home/baez/physics/ParticleAndNuclear/constants.html
und hier:
http://en.wikipedia.org/wiki/Fine-structure_constant#Is_the_fine_structure_constant_really_constant.3F
Alle bisherigen Messungen stimmen darin überein das die Feinstrukturkonstante sich, wenn überhaupt, nur minimal geändert hat (mit minimal = am Rande der Messgenauigkeit).

Der Aktualismus in der Geologie / Astronomie / Biologie ist also weit mehr als eine ad-hoc Annahme.

Reinhard Junker hat gesagt…

@ Dreisam

"BRESTOWSKY nun stellt jedoch als zentralen Punkt heraus, dass es sich beim methodologischen Aktualismus um eine axiomatische Annahme handelt."

Er schlussfolgert auf S. 18, dass der Naturalismus kein Axiom sei. Siehe dazu auch meinen Text.

Zu Cleland habe ich eine andere Meinung, aber das haben wir ja ohne Konsens diskutiert.

dreisam hat gesagt…

>> BRESTOWSKY nun stellt jedoch
>> als zentralen Punkt heraus,
>> dass es sich beim
>> methodologischen Aktualismus
>> um eine axiomatische Annahme
>> handelt." (dreisam)
>
> Er schlussfolgert auf S. 18,
> dass der Naturalismus
> [Aktualismus ;-)]
> kein Axiom sei.
> Siehe dazu auch meinen
> Text. (Reinhard Junker)

"[BRISTOWSKI] kommt zum Schluss, dass der Aktualismus zum Axiom ernannt werde, weil seine „Grundannahme“ nicht beweisbar ist, und diese Annahme wird gemacht, weil sonst naturwissenschaftliches Arbeiten unmöglich wäre ...
[BRISTOWSKI] macht dann aber anhand eines Beispiels deutlich, dass der Aktualismus gar nicht durchgängig angewendet werden kann, da dies zu Widersprüchen führt. Er könne also auch kein Axiom sein. ...
Brestowsky kommt zum Schluss, dass der Aktualismus lediglich als eine ad-hoc-Annahme erdacht wurde, um den Naturwissenschaften eine Hintertür zur Vergangenheit zu öffnen. 'Er steckt als unverzichtbare Prämisse in sämtlichen naturwissenschaftlichen Versuchen, das geschichtliche Werden von Kosmos und Leben im Ganzen oder in Teilen zu erforschen.' " (Reinhard Junker)

Bitte erklären Sie mir den gravierenden Unterschied zwischen einem Axiom und einer unverzichtbaren_Prämisse.

Ein anderes Axiom der Naturwissenschaft ist ja der (methodologische) Naturalismus. Sehen Sie im methodologischen Naturalismus ein Axiom oder doch eher bloß eine unverzichtbare_Prämisse?

Andreas hat gesagt…

"...macht dann aber anhand eines Beispiels deutlich, dass der Aktualismus gar nicht durchgängig angewendet werden kann, da dies zu Widersprüchen führt. Er könne also auch kein Axiom sein. ..."
- Könntest du auch noch sagen um was für ein Beispiel es sich dort handeln soll ?

Reinhard Junker hat gesagt…

@ Dreisam

Ich habe versehentlich "Naturalismus" statt "Aktualismus" geschrieben! Aber Sie haben das ja bemerkt.
Brestowsky sagt, Aktualismus werde als Axiom betrachtet und zeigt dann, dass das in Widersprüche führt.

Naturalismus ist eine Weltanschauung, keine Methode. Man sollte eine Methode nicht mit einem -ismus bezeichnen, auch nicht, wenn man "methodologisch" davor setzt. Für mich ist das ein Werkzeug, das ich einfach nur "naturwissenschaftliche Methode" nenne. Mit diesem Werkzeug kann man viel machen, vieles auch nicht. Vor allem wäre es nicht sinnvoll, nur das als real anzusehen, was man mit diesem Werkzeug bearbeiten oder herausfinden kann. Mit anderen Werkzeugen macht man das auch nicht.

Bitte erklären Sie mir den gravierenden Unterschied zwischen einem Axiom und einer unverzichtbaren_Prämisse.

Das müssten Sie Brestowsky fragen. Wenn ich ihn richtig verstanden habe, meint er, Axiome würden als etwas Zutreffendes gelten, das weder beweisbar noch eines Beweises würdig sei. Offenbar versteht er den Begriff "Prämisse" anders.

Reinhard Junker hat gesagt…

@ Andreas

- Könntest du auch noch sagen um was für ein Beispiel es sich dort handeln soll ?

Ich habe vom Artikel nur einen schlechten Scan und müsste eine längere Passage abtippen. Dazu habe ich grad keine Lust.

Reinhard Junker hat gesagt…

@ Dreisam

Dazu noch was:

An jener Stelle ging es noch darum, dass (nach CLELAND) historisch arbeitende Naturwissenschaften eine grundsätzlich andere Arbeitsmethode aufweisen würden.

Brestowksy wie auch Ernst Mayr weisen doch auf einen deutlichen methodologischen Unterschied hin. Eine Gemeinsamkeit mit Cleland ist auch die Problematik der Falsifizierbarkeit und die Sache mit der Konsistenz von Theorien; das ist mit der smoking gun-Argumentation vergleichbar.

Reinhard Junker hat gesagt…

Ein Beispiel aus der Geologie, wo der Aktualismus versagt:
http://www.si-journal.de/jg13/heft2/sij132-3.html

dreisam hat gesagt…

> Beispiel aus der
> Geologie, wo der
> Aktualismus versagt:
> [Link] (Reinhard Junker)

Man muss dazu nicht Manfred Stephan bemühen. Ein Blick zum Beispiel auf den Felsen vor dem Löwentor-Museum in Stuttgart reicht auch schon.

Es gibt geologische Strukturen, die heute so nicht mehr gebildet werden. Dann tappt man ein bisschen im Nebel. Aber solche Fälle werden ja auch offen angesprochen.

Zu Stephans Artikel sei aber vielleicht empfohlen, ein bisschen mehr Paläoklimatologie zu studieren ;-)

dreisam hat gesagt…

> Brestowksy wie auch Ernst
> Mayr weisen doch auf einen
> deutlichen methodologischen
> Unterschied hin. Eine
> Gemeinsamkeit mit Cleland ist
> auch die Problematik der
> Falsifizierbarkeit und die
> Sache mit der Konsistenz von
> Theorien; das ist mit der
> smoking gun-Argumentation
> vergleichbar. (Reinhard Junker)

Lapidar könnte ich jetzt antworten, dass eine Meinung nicht richtiger wird, nur weil andere Personen der gleichen Meinung sind bzw. gleichlautend zitiert werden können.

Die Kriterien, die CLELAND aufzeigte, sind nicht stichhaltig. Wenn dem nämlich so wäre, hätten darwin upheaval und ich ja nicht so leicht Gegenbeispiele finden können.

Ich habe ein bisschen länger darüber nachgegrübelt, weshalb uns beiden das Gegenbeispiel-Finden so leicht fiel. Auch habe ich eine Antwort gefunden - doch dazu schreibe ich wohl erst später mehr.

[Außerdem gibt es in ganz Stuttgart keine Naturwissenschaftliche Rundschau zu kaufen - einzig die Landesbücherei führt die Zeitschrift noch. Die betreffende Ausgabe wurde dort auch schon einkatalogisiert, war jedoch heute in und um den gesamten Lesebereich nicht auffindbar.]

darwin upheaval hat gesagt…

Ein Wort zur Gültigkeit des Aktualismus: Selbstverständlich kann dieser in einem evolvierenden Universum nicht universell und ahistorisch gültig sein! Es gibt physikalisch-chemische Gesetze, die durchgehend seit 13,7 Mrd. gelten und solche, die erst viel später und nur in bestimmten Systemen auftraten. Bevor es Sterne und Milchstraßensysteme gab, gab es logischerweise auch noch keine Kohlenstoff-Chemie, und das "Gesetz" der evolutionären Unveränderlichkeit der Halswirbel bei Säugetieren galt vor 300 Millionen Jahren sicher noch nicht.

Der Aktualismus gilt also sicher nur eingeschränkt. Aber wenn sich in einem System X zur Zeit t einmal Gesetzlichkeiten etabliert haben, die für X essentiell sind, dann gelten diese notwendigerweise auch in den Systemen X', X'', ... Xn' zur Zeit t', t'',... tn'. Dies ist zumindest die sparsamste und vernünftigste Grundannahme, so dass man eine gute Begründung benötigt, will man den Aktualismus an einer bestimmten Stelle aus den Angeln heben. Einfach zu sagen "das ist kein bewiesenes Axiom", reicht nicht aus, denn die gegenteilige Annahme ist metaphysisch weitaus aufwändiger. Es spricht gegenwärtig einfach nichts dafür, dass z. B. die Halbwertszeiten veränderlich sind, wie der Kurzzeit-Kreationismus behauptet. Im Gegenteil - Harald Lesch bringt ein schönes Beispiel, das vom Gegenteil zeugt:

http://www.br-online.de/br-alpha/alpha-centauri/alpha-centauri-reaktoren-2006-ID1208177603427.xml

Reinhard Junker hat gesagt…

@ Dreisam

Lapidar könnte ich jetzt antworten, dass eine Meinung nicht richtiger wird, nur weil andere Personen der gleichen Meinung sind bzw. gleichlautend zitiert werden können.

Natürlich. Aber offenbar muss man nicht an Schöpfung glauben, um diese Auffassung zu haben. Die hier schon vorgetragene Behauptung, diesen Unterschied würden die Kreationisten konstruieren, ist jedenfalls falsch.

Ich habe ein bisschen länger darüber nachgegrübelt, weshalb uns beiden das Gegenbeispiel-Finden so leicht fiel. Auch habe ich eine Antwort gefunden - doch dazu schreibe ich wohl erst später mehr.

Das interessiert mich, zumal mich Ihre Gegenbeispiele aus den dort angegebenen Gründen nicht überzeugt haben. Ich hatte ja gezeigt, dass einige Beispiele keine Gegenbeispiele waren, sondern Bestätigungen von Clelands Unterscheidung.

Zu Stephans Artikel sei aber vielleicht empfohlen, ein bisschen mehr Paläoklimatologie zu studieren ;-)

Manfred Stephan ist für sachliche Hinweise sicher dankbar. -> http://www.wort-und-wissen.de/ueber/mitarbei.html dort Link bei M. Stephan.

Sind wir uns ansonsten bezüglich des Aktualismus damit einig, dass der nicht generell gültig sein kann?

darwin upheaval hat gesagt…

A propos Harald Lesch und Kernspaltung: Wer hat eigentlich den proterozoischen Leichtwasser-Reaktor in Gabun designed? ;-)

darwin upheaval hat gesagt…

@ dreisam:

"Ich ... habe in unserer letzten Diskussion genau darauf hingewiesen: 'Der gewichtige Unterschied besteht darin, dass historisch ausgerichtete naturwissenschaftliche Forschung nicht nur dem methodologischen Naturalismus, sondern auch noch dem methodologischen Aktualismus verpflichtet ist.

Selbst dem wage ich zu widersprechen: Was Du als "methodologischen Aktualismus" bezeichnest, spielt m. E. auch in den so genannten Gegenwartswissenschaften eine tragende Rolle. Wäre es anders, müsste z. B. der Mechanismus der Dieckmann-Kondensation (entdeckt im Jahre 1900) sowie weitere grob geschätzt 5.000 Namenreaktionen - und damit letztlich die gesamte Chemie - heute von Grund auf in Frage gestellt werden. Und kein Naturwissenschaftler könnte jemals seine Disseration fertig schreiben, weil er die gestrige Messreihe tags darauf schon wieder anzweifeln und erneut durchführen müsste.

Man wundert sich also über RJ's unerschütterliches (um nicht zu sagen: weltanschaulich motiviertes) Vertrauen in die Chemie-Lehrbücher, bricht doch damit auch das letzte vermeintliche Spezifikum "historischer Theorien" weg ;-)

Lamarck hat gesagt…

Hi Reinhard Junker!


"Sind wir uns ansonsten bezüglich des Aktualismus damit einig, dass der nicht generell gültig sein kann?"

Das kommt darauf an, was Du unter 'Aktualismus' verstehen willst - wissenschaftstheoretisch korrekt lässt sich dieser Begriff in 'Kausalität' auflösen. Vergangenheit und Gegenwart sind offensichtlich nicht identisch, sonst gelänge es nicht, diese unterscheiden. Die Verbindung dieser sich auf diese Weise herauskristallisierenden Pole anhand einer Interpolation - diese ist es, die aktualistisch gleichförmig ist. Mithin: Die geologischen Verhältnisse der Gegenwart entsprechen den geologischen Verhältnissen der Vergangenheit, ansonsten gibt es für den Unterschied einen kausalen Grund. Ist der kausale Grund unbekannt, bildet der Aktualismus eine spezifische Heuristik mit einem entsprechenden Hinweis.

Gehst Du also in den Supermarkt und siehst Du eine Dose mit dem Etikett Erbsen, so wirst Du gewisse Vermutungen zum Inhalt der Dose anstellen. Entdeckst Du zuhause, dass die Dose wider Erwarten Mais enthält, wirst Du vermutlich dafür nicht Hexerei verantwortlich machen, sondern auf irgendeine plausible Weise die fehlerhafte Einwirkung der Etikettiermaschine annehmen.





Cheers,

Lamarck

dreisam hat gesagt…

> Sind wir uns ansonsten bezüglich
> des Aktualismus damit einig, dass
> der nicht generell gültig
> sein kann? (Reinhard Junker)

Der Aktualismus als Datenerhebungsmethode bleibt aus methodologischen Gründen gültig. Manchmal jedoch hilft er nicht, um eine Erklärung für ein bestimmtes Phänomen zu finden. Die einzig gültige naturwissenschaftliche Aussage kann dann lauten: "Nach derzeitigem Kenntnisstand ist keine Erklärung möglich."

Hinter "derzeitiger Erkenntnisstand" verbirgt sich zweierlei.
Zum Einen wurde bisher kein Prozess in der gegenwärtigen Natur gefunden, der das Phänomen hervorbringt.
Zum Anderen wurde bisher auch kein Modellexperiment entwickelt, das das Phänomen hervorbringt.
Es besteht schlicht weiterer Forschungsbedarf. Lamarck hat das viel schöner ausgedrückt: "Ist der kausale Grund unbekannt, bildet der Aktualismus eine spezifische Heuristik mit einem entsprechenden Hinweis."

Deshalb scheint mir Stephans Saprolite-Beispiel übrigens eher unklug gewählt, falls gegen Aktualismus argumentiert werden soll. Denn die drei Autoren des erwähnten Buches argumentieren sehrwohl aktualistisch: "Die Autoren vertreten den Aktualismus in der Form, daß 'zwar die naturwissenschaftlichen Grundgesetzlichkeiten im Verlauf der Erd- und Reliefgeschichte gleich geblieben sind, nicht aber deren Vergesellschaftung' " (Stephan)
Das heißt übersetzt nämlich folgendes: Aufgrund von Modellexperimenten und -simulationen ist bekannt, dass zur großräumigen und tiefgründigen Saprolithbildung warme Bedingungen nötig sein sollten. Diese finden sich aber kaum noch auf der gegenwärtigen Erde. Deshalb fordern die drei Autoren *aktualistisch*, dass das Erdklima früher durchschnittlich weltweit um einiges wärmer als heute gewesen sein müsste.

Dabei sollten übrigens zwei Punkte nicht unerwähnt bleiben. Einerseits wissen wir inzwischen recht genau, dass das meiste Phanerozoikum über das Erdklima tatsächlich viel wärmer als heute war. Andererseits ist das Thema Rumpfflächenbildung seit über 100 Jahren ein geomorphologischer Schwelbrand, der gelegentlich immer wieder mal diskutiert wird.

dreisam hat gesagt…

Das Jonglieren mit Begriffen
----------------------------

Ein gewisser Teil unserer Diskussionen kreist immer wieder um die gleichen Begriffe. Nämlich um 'Methode', 'Methoden', 'Methodik' und 'Methodologie'.

Ich schreibe zum Beispiel: "Beide Wissenschaftlergruppen benutzen die gleichen Methoden." Mir wird daraufhin entgegnet: "Auch Ernst Mayr weist auf einen deutlichen methodologischen Unterschied hin." Die Antwort scheint als Entgegnung zu meiner Aussage zu passen - sie könnte jedoch auch total an meinen Worten vorbeigehen.

Wir scheinen mitunter die gleichen Wörter zu benutzen, sie jedoch mit unterschiedlichen Bedeutungsinhalten zu füllen. Ich werde jetzt erläutern, wie *ich* die oben genannten Begriffe benutze.

*

>Methodologie< ist die Lehre von den Methoden. Deshalb spreche ich auch von methodologischem Aktualismus und methodologischem Naturalismus. Denn es sind zwei -ismen, die sich aus den Methoden ableiten. Sie entspringen also dem Nachdenken, der Lehre von den Methoden.

>Methodik< ist die Summe aller Methoden. Der Satz "das geht aus der Methodik hervor" sollte gleichbedeutend sein mit dem Satz "das geht aus den Methoden hervor".

*

"_Die_ Methode der Naturwissenschaft" ist nicht gleichbedeutend mit "_eine_ Methode der Naturwissenschaft".

"Die Methode" scheint mir synonym mit der "Summe der Methoden" - ist synonym mit "Methodik".

_Eine_ Methode andererseits bezeichnet eine ganz bestimmte Arbeitsweise. Hier muss fein unterschieden werden. Zu den Arbeitsweisen gehören nämlich zwei Bereiche.

Einerseits sind da die Möglichkeiten der Datenerhebung. Ich nenne sie Datenerhebungsmethoden: Experimentieren, Messen, Zählen, Berechnen (Statistik, numerische Simulation), wiederholt intersubjektiv Beobachten, Objekte untersuchen.

Andererseits sind da die Eckpunkte des naturwissenschaftlichen Deutungsrahmens. Ich nenne sie Deutungsmethoden: Parsimonie, Naturalismus, Aktualismus.

*

BRESTOWSKY sagt: "Evolutionsbiologen betreiben keine Naturwissenschaft. Sie betreiben eine Geisteswissenschaft, die ich Evolutionsphilosophie nennen möchte. Ihre Methodik unterscheidet sich meiner Meinung nach maßgeblich von derjenigen Methode, die Gegenwartsnaturwissenschaftler benutzen."

Daraufhin werden nicht wenige Evolutionsbiologen antworten: "Wir betreiben Naturwissenschaft, denn wir verwenden die gleichen Methoden wie alle Naturwissenschaftler - wenn wir zugegebenermaßen auch stärker den Aktualismus bemühen."

dreisam hat gesagt…

> Was Du als "methodologischen
> Aktualismus" bezeichnest,
> spielt m. E. auch in den so
> genannten
> Gegenwartswissenschaften
> eine tragende Rolle.
> (darwin upheaval)

Soweit habe ich tatsächlich nicht gedacht.

Andererseits habe ich selbst auch schon mit Atommassen gerechnet, die ich bloß im Periodensystem abgedruckt gefunden habe - habe diese historischen Werte ganz und gar aktualistisch einfach so hingenommen :-)

Lamarck hat gesagt…

Hi Christoph Heilig!


"Und Naturgeschichte ist doch anders"

Naturgeschichte (Natural History) ist ein umfassender Begriff, für den ich viel Sympathie aufbringe. Bedauernswerterweise ist seine Verwendung zunehmend im Rückzug begriffen. Die Begriffswahl wird historisch verständlich durch Abgrenzung zu einer Kulturgeschichte; hiermit werden die gesamten Naturwissenschaften bezeichnet. Ein Naturgeschichtler ist also ein Synonym für einen Naturforscher.




"Der Autor, Michael Brestowsky, greift darin den Gedanken von Ernst Mayr auf, „dass die Biologie, sobald sie die aktuelle funktionsbiologische Analyse verlässt und sich dem evolutionären Werden zuwendet, eigentlich eine Geschichtswissenschaft ist.“ "

Die Biologie, die sich der "aktuellen funktionsbiologische Analyse" zuwendet, ist eigentlich eine Medizinwissenschaft … . ;-)

Historie ist Historie, aber "evolutionäres Werden" ist nicht notwendig Historik – man denke etwa an Evolutionäre Algorithmen. Auch das integrative Potential als roter Faden in den Life Sciences oder der hierdurch bedingte Erklärungswert ("Mammutjäger in der Metro") ist offenbar mit dem geäußerten Geschichtsverständnis nur mangelhaft zu umreißen. Genau deswegen ist der Naturgeschichtler eben Naturforscher.




[Brestowsky] "Für die Rekonstruktion der Vergangenheit sei der Aktualismus zwar eine notwendige Annahme, enthalte allerdings stets auch ein spekulatives Element."

Aktualismus in allgemeiner Form ist letztlich eine Sammelbezeichnung für Naturgesetze. In diesem Sinne: Was ist hier Spekulation?




"Brestowsky zitiert eingangs aus dem letzten Buch Konzepte der Biologie von Ernst Mayr: „Wenn man sich überlegt, wie viele Ähnlichkeiten es zwischen der Evolutionsbiologie und der Geschichtswissenschaft gibt und wie sehr sie sich in Methodik und Begriffsbildung von der Physik unterscheiden, dann überrascht es nicht, dass es sich als schwierig, wenn nicht unmöglich erweist, eine scharfe Trennlinie zwischen Natur- und Geisteswissenschaften zu ziehen. Wenn man wollte, könnte man diese Linie beispielsweise zwischen funktioneller und evolutionärer Biologie ziehen und die funktionale Biologie den Naturwissenschaften und die Evolutionsbiologie der Geschichtswissenschaft zuschlagen.“ Brestowsky kommentiert: „Damit hat Mayr zweifellos Recht: Evolutionsforschung ist, was Gegenstand und Methoden betrifft, eine historische Wissenschaft, gehört also zu den Geisteswissenschaften und, von marginalen Randbereichen abgesehen, nicht zu den Naturwissenschaften.“ Damit werde sich zweifellos mancher Biologe schwer tun."

Vor allem wird sich zweifellos mancher Biologe schwer tun, aus der hier von Mayr benannten Ermangelung einer scharfen Trennlinie zwischen Natur- und Geisteswissenschaften, wie von Brestowsky gewollt, die Evolutionsforschung aus den Naturwissenschaften herauszulösen (Hier in Frankfurt lautet der verliehene Titel des Doktors der Naturwissenschaften übrigens "phil. nat." ;-) ).

Wenn auch wenig verbreitet, so existiert gleichwohl auch eine theoretische Geschichtsforschung: Wann sind etwa Aufständische Kriminelle und wann Befreier? In solchen durchaus notwendigen Fragen zeigt sich eine Kulturwissenschaft, die normative Bestandteile enthält. Naturwissenschaften hingegen sind unumgänglich nicht normativ, dies würde ansonsten den naturalistischen Fehlschluss beinhalten. Die Beschränkung auf Deskription erlaubt den Naturwissenschaften allerdings nun den Erkenntnisweg über Empirie & Experiment – gemeinhin das, was man Objektivität nennt! (Dies ist nicht so unproblematisch wie dargestellt – vgl. etwa die Rolle des Beobachters, die Theorie der Messung etc. – aber der Hinweis auf entsprechende methodische Unterschiede ist zumindest angerissen)

Zum ständigen Credo von Siegfried Scherer gehört die entsprechende Instrumentalisierung der Historik à la Franz Josef Strauß, der da sagte, man müsse die Prinzipien so hoch hängen, dass man bequem noch unten durchschlüpfen kann. Offensichtlich hoffen beide, durch eine entsprechende Aufweichung nun diverses unterzujubeln zu können. Die Detektion von Fossilien, ihre systematische Einordnung, die Altersbestimmung, Aussagen über Phylogenesen oder ökologische Beziehungen etc. unterscheiden sich allerdings methodisch nicht von sogenannten aktuellen funktionsbiologischen Analysen, wie etwa die differentialdiagnostische Betrachtung eines Röntgenbilds oder den Blick durch ein Mikroskop (Wie kommt es übrigens, dass ein Röntgenarzt oder ein trainierter Mikroskopiker mehr sieht, als ein Amateur?).





Cheers,

Lamarck

hallowach hat gesagt…

Für jemanden, der laufend mit der Aufklärung von Sachverhalten, die in der Vergangenheit liegen, zu tun hat, mutet die vorliegende Diskussion beinahe lächerlich an. Für ein Gericht, dass ein Geschehen insbesondere anhand von Indizien aufklären muss, wäre es ein fataler Fehler, nicht zu erkennen, dass das ihm vorgelegte Sachverständigengutachten nicht den wirklichen Geschehensablauf rekonstruieren kann, sondern allenfalls zu Teilaspekten, die unter ähnlichen Rahmenbedingungen wiederholbar sind, Stellung nehmen kann.
Was eben bei geschichtlichen Rekonstruktionen gerade fehlt, ist die Möglichkeit zur direkten Datenerhebung des eben unerbittlich in der Vergangenheit verlorenen Vorgangs. Auch Fossilien werden nur in der Gegenwart gefunden.

Es ist eben ein bedeutender Unterschied, ob ich etwa die Beugung am Doppelspalt hier und jetzt wiederholen kann, oder ob ich diesen Vorgang nur als einmaligen Vorgang aus dem Jahr 1918 kennen würde und dann beschreibe und diskutiere. Gleichermaßen müssen alle Vorgänge, die in Chemiebüchern (a la darwin upheaval) beschrieben sind, in der Gegenwart wiederholbar sein, sonst taugen sie nicht als Grundlage für Naturwissenschaften. Dies wird für in Chemiebüchern beschriebene Versuche grundsätzlich vorausgesetzt.
Wer diese Distinktion nicht nachvollziehen kann, ist nach meiner Anschauung für eine weitere Diskussion über Herkunftsforschung disqualifiziert. Ich empfehle für hartnäckige Fälle ein Praktikum an einem deutschen Strafgericht oder in der Schadensabteilung eines Versicherungsunternehmens.

dreisam hat gesagt…

scientific methode
------------------

Aus meinem Posting "Das Joglieren mit Begriffen" geht eigentlich schon hervor, was ich (und wohl recht viele Menschen mit mir) als Naturwissenschaften auffasse. Das sind jene Wege der Wissenserschließung, die der naturwissenschaftlichen Methodik folgen. Was alles unter den Begriff 'naturwissenschaftliche Methodik' fällt, habe ich dort auch schon geschrieben.

Nun existiert jedoch noch eine andere Auffassung. Naturwissenschaften seien ausschließlich jene Wege der Wissenserschließung, die der 'scientific methode' folgen würden. Das Wort kann man nur schlecht mit 'naturwissenschaftlicher Methode' übersetzen. Aber sei's drum.

Hier also ersteinmal eine Neubestimmung des Begriffs: Die naturwissenschaftliche Methode (aka. 'scientific methode') ist das (ein) Verfahren, in dem die naturwissenschaftliche Methodik angewendet wird.

Im Deutschen wird die scientific methode auch hypothetico-deduktives Verfahren genannt. Idealerweise läuft das Verfahren folgendermaßen ab:

a) Man macht irgendeine Beobachtung.
b) Mit Hilfe der naturwissenschaftlichen Deutungsmethoden (Parsimonie, Naturalismus, Aktualismus) wird eine allgemeine Hypothese formuliert, die auch den besonderen Fall der zuvor gemachten Beobachtung mit einschließt.
c) Auf der Basis dieser allgemeinen Hypothese werden Voraussagen für Spazialfälle formuliert. Diese werden mit Hilfe der naturwissenschaftlichen Datenerhebungsmethoden (Experimentieren, Messen, Zählen, Berechnen (Statistik, numerische Simulation), wiederholt intersubjektiv Beobachten, Objekte untersuchen) getestet.
d) Falls die getesteten Spezialfälle mit den Voraussagen übereinstimmen, gilt die Hypothese als gestützt, bzw. zumindest als nicht-widerlegt. Ansonsten muss die Hypothese umformuliert, erweitert oder verworfen werden.

Anhand einiger Beispiele werde ich jetzt dieses Verfahren für die historisch forschenden Naturwissenschaften nachzeichnen.


1. Übergangsformen

a) Aufgrund diverser Naturbeobeobachtungen kam DARWIN zu dem Schluss, dass es Übergangsformen gegeben haben muss - dass sie jedoch aufgrund der Seltenheit fossiler Konserverierung bisher (also damals) noch nicht gefunden worden wären.
b) Hypothese: Übergangsformen existierten.
c) Voraussagen: Übergangsformen sollten gefunden werden.
d) Fund: Inzwischen sind zu viele Übergangsformen gefunden worden, um sie hier aufzulisten. Bei Tiktaalik hat man sogar Fundort und Fundstratum vorher gesagt.

2. Triceratops Rammbock

a) Wegen der massiven Schädelstruktur mit den stabilen Hörnern wurde schon lange vermutet, dass Triceratops seinen Schädel als Rammwaffe eingesetzt hatte.
b) Hypothese: Triceratops benutzte seinen Schädel als Waffe.
c) Voraussage: Falls Triceratops seinen Schädel tatsächlich als Rammwaffe benutzt haben sollte, sollte sein Schädel mehr Stoßmarken aufweisen, als auf den Schädeln anderer Ceratopsiden (mit weniger massiven/wehrhaften Schädeln) zu finden wären. Denn Triceratops hätte seinen Schädel ja absichtlich Verletzungsrisiken ausgesetzt.
d) Fund: Alle untersuchten Triceratops-Schädel haben signifikant mehr Läsionen auf ihren Nackenschilden, als etwa auf den Nackenschilden des leichter gebauten Centrosaurus zu finden sind.

3. Schwämme im Cryogenium

a) Aus anatomischen, histologischen und molekularbiologischen Studien ist bekannt, dass Schwämme (neben Placozoen und Rippenquallen) zu den ersten Metazoen gezählt haben sollten. Da die Metazoen scheinbar plötzlich und vielfältig im Unterkambrium auftauchten, sollten einige (und zumal die ältesten) Formen schon vor dem Kambrium existiert haben. Jedoch fehlen bisher befriedigend viele fossile Belege. Vielleicht allerdings blieben zumindest langlebige Moleküle (Biomarker) erhalten.
b) Hypothese: Frühe Metazoen lebten vor dem Kambrium und hinterließen Biomarker.
c) Voraussage: Proterozoische Schwämme sollten Biomarker in proterozoischen Sedimenten hinterlassen haben.
d) Fund: Der Biomarker 24-Isopropylcholestane (typisch für Hornkieselschwämme) wurde in Öllagerstätten aus dem Cryogenium gefunden.

Meines Erachtens scheint die scientific methode auch für historisch forschende Naturwissenschaften verwendet zu werden.

Wo ist aber jetzt der Unterschied zwischen diesen drei Beispielen und dem Geschehen, das in irgendeinem Labor der Gegenwartsnaturwissenschaften abläuft? Es ist ganz einfach: Häufig sind bei den historisch arbeitenden Naturwissenschaften die Personen, die Hypothesen und Vorhersagen formulieren, nicht an den Funden beteiligt. Die Funde werden von anderen gemacht, und das meistens viel später. Zwischen der Hypothesenformulierung und ihrer -stützung können Jahre bis Jahrzehnte liegen.

hallowach hat gesagt…

@dreisam

a) Man macht irgendeine Beobachtung.
b) Mit Hilfe der naturwissenschaftlichen Deutungsmethoden (Parsimonie, Naturalismus, Aktualismus) wird eine allgemeine Hypothese formuliert, die auch den besonderen Fall der zuvor gemachten Beobachtung mit einschließt.
c) Auf der Basis dieser allgemeinen Hypothese werden Voraussagen für Spazialfälle formuliert. Diese werden mit Hilfe der naturwissenschaftlichen Datenerhebungsmethoden (Experimentieren, Messen, Zählen, Berechnen (Statistik, numerische Simulation), wiederholt intersubjektiv Beobachten, Objekte untersuchen) getestet.
d) Falls die getesteten Spezialfälle mit den Voraussagen übereinstimmen, gilt die Hypothese als gestützt, bzw. zumindest als nicht-widerlegt. Ansonsten muss die Hypothese umformuliert, erweitert oder verworfen werden.




Es geht nicht um die Methode, sondern um den Gegenstand der Untersuchung. Es wird nicht behauptet, dass historische Wissenschaft nicht Wissenschaft sei und sich deswegen auch der Naturwissenschaft bedienen könne, soweit dies im Rahmen der Testbarkeit verallgemeinerungsfähiger Teilhypothesen möglich ist. Selbstverständlich werden -knapp formuliert- Daten erhoben und dann darüber nachgedacht. Nur der Gegenstand der Untersuchung hat gewechselt. Der Gegenstand ist eben eine Geschichte. Deswegen nennt man sie historische Wissenschaft.

In keinem der genannten Beispiele werden die Daten des tatsächlichen Geschehensablaufs erhoben. Sie stellen Vermutungen an über einen hoffnungslos in der Vergangenheit verloren gegangenen Vorgang und es kann sein, dass Sie mit Ihren Vermutungen falsch liegen, weil Ihr (und mein) Horizont beschränkt ist. Er ist eben doppelt beschränkt; er trägt die Last des ungeklärten Wie (Naturwissenschaft) und die Last des geschichtlichen Ob (Geschichtswissenschaft).

Stellen Sie sich vor, Sie müssten einen Mord im Ort A aufklären als Richter am Anfang des 20. Jahrhunderts. Alle Indizien, die sie mit wissenschaftlicher Akribie zusammengetragen haben, weisen auf Person X als Täter hin. Diese hat aber ein wasserfestes Alibi, noch 2 Stunden vor dem Tatzeitpunkt sich in einem 500 km entfernten Ort B befunden zu haben. Sie werden die Person ziehen lassen müssen, weil es für Sie nach Ihrem Beurteilungshorizont zu diesem Zeitpunkt keine Möglichkeit gibt von A nach B zu kommen in 2 Stunden.
Am Ende des 20. Jahrhunderts würde ein solcher Fall anders beurteilt werden müssen. Weil sich Ihr Horizont der Beurteilungsmöglichkeiten verändert hat und Sie hier die Möglichkeit eines Flugzeugs oder eine Helikopters mit in Betracht ziehen müssen, eine ganz unerwartete Ursache zum Tatzeitpunkt. Es gab also in der Zwischenzeit eine Erfindung, die die Möglichkeiten erweitert hat.


Noch anders ist es wenn sie Richter im 23. Jahrhundert sind. Es kann dann sein, dass Ihnen entweder das Wissen über Helikopter wieder fehlt und sie die Verurteilung der Person aus dem Ende des 20. Jahrhundert für einen Jusitzirrtum halten, weil sie die Bedingungen und Möglichkeiten samt der Erfindung des Helikopters eben zu diesem Zeitpunkt nicht kennen. Oder es kann sein, dass sie zusätzliche Erfindungen und Möglichkeiten mitbedenken müssen, von denen wir heute sagen, sie seien unmöglich.

Sie können in der historischen Wissenschaft nur Plausibilitäten über Geschehensabläufe formulieren auf der Basis der Erkentnisse aus der Gegenwart. Das bedeutet aber, dass sich Ihre Annahmen für und gegen Sie richten können. Es bedeutet weiter, dass Sie Wahrscheinlichkeitsaussagen treffen müssen, die eben in der Herkunftsforschung die Darwinisten scheuen, wie der Teufel das Weihwasser.

Das passiert Ihnen mit einem herunterfallenden Apfel nicht. Er fiel zu Newtons Zeiten genauso wie heute. Wir diskutieren nicht das Herunterfallen des Apfels, sondern beschreiben das Herunterfallen nur unterschiedlich. Es gibt keine Plausibilitätsaussage zum Fallen eines Apfels. Der Gegenstand einer solchen Untersuchung ist nicht die Geschichte des Fallens.

dreisam hat gesagt…

@ hallowach

Ich war noch gar nicht fertig. :-)

dreisam hat gesagt…
Dieser Post wurde vom Autoren entfernt.
dreisam hat gesagt…
Dieser Post wurde vom Autoren entfernt.
dreisam hat gesagt…

indirekt direkt
---------------

In dem Schrieb "Das Jonglieren mit Begriffen" habe ich versucht darzustellen, dass sowohl die historisch arbeitenden Naturwissenschaften, als auch die Gegenwartsnaturwissenschaften der gleichen Methodik folgen. Das heißt, sie benutzen die gleichen Datenerhebungsmethoden und deuten sie mit Hilfe der gleichen Deutungsmethoden.

In dem Text "scientific methode" habe ich anhand von drei Beispielen versucht zu zeigen, dass die historisch arbeitenden Naturwissenschaften ihre Methodik im hypothetico-deduktiven Verfahren anwenden. Damit gleichen sie auch in diesem Punkt den Gegenwartsnaturwissenschaften.

Es kann also weder an der naturwissenschaftlichen Methodik, noch an der scientific methode liegen, wenn MAYR davon schreibt, dass sich Evolutionsbiologie sehr 'in Methodik und Begriffsbildung' von der Physik unterscheiden würde.

Stattdessen wird ein weiteres Unterscheidungskriterium angeführt. Ich möchte es am schon bekannten Triceratops-Beispiel erläutern.

Man wollte herausfinden, ob Triceratops seinen mächtigen Schädel tatsächlich als Waffe einsetzte.
Dazu hat man die Stoßmarken von Triceratops-Nackenschilden mit den Stoßmarken von Centrosaurus-Nackenschilden verglichen.
Tatsächlich wurde ein signifikanter Unterschied festgestellt. Weil dieser Unterschied bei allen Triceratops-Nackenschilden auftrat, wird davon ausgegangen, dass Triceratops seinen Schädel absichtlich Verletzungsrisiken aussetzte.
Deshalb wird gesagt, dass Triceratops seinen Schädel tatsächlich als Rammwaffe eingesetzt haben könnte.

Wie ich schon an anderer Stelle zeigte, benutzten die Forscher für diese Aussagen die naturwissenschaftliche Methodik und folgten der scientific methode. Allerdings fällt noch etwas auf: Der Rammwaffeneinsatz des Schädels wurde bloß >indirekt< belegt. Nämlich über den statistischen Vergleich der Stoßmarkenzählung bei Triceratops- und Centrosaurus-Schädeln.

Oder anders: Niemand hat Triceratops beim Einsatz seiner Rammwaffe fotografiert. Der direkte Beleg fehlt.

Nach MAYR (und CLELAND und BRESTOWSKY) läge hier der methodologische Unterschied zwischen historischen forschenden Naturwissenschaften und Gegenwartsnaturwissenschaften: Historisch forschende Naturwissenschaften belägen ihre Hypothesen indirekt, Gegenwartsnaturwissenschaften belägen ihre Hypothesen direkt.

Dass historisch forschende Naturwissenschaften tatsächlich indirekt belegen, habe ich eben gezeigt. Ich bin mir zwar nicht so sicher, ob diese indirekte Belegführung generell und ausschließlich zutrifft. Zum Beispiel wird die Aussage "Amnioten traten schon während des Karbon auf" >direkt< belegt mit gut erhaltenen Fossilien von Hylonomus, Petrolacosaurus, Archaeothyris und Clepsydrops.

Nun jedoch möchte ich das Augenmerk auf das Vorgehen der Gegenwartsnaturwissenschaften richten. Wieder mit Hilfe von Beispielen.

1. ONPG-Test

Beim ONPG-Test handelt es sich um eine vielfach angewendete Farbumschlagreaktion. Grob gesagt wird eine Probe umso tiefer gelb, je mehr beta-Galactosidase sich in der Probe befindet. Einige Bakterien verfügen über dieses Enzym.
Über die Tiefe des Gelb-Tons wird also indirekt auf das Vorhandensein von beta-Galaktosidase und weiterhin ebenso indirekt auf die Anwesenheit von beta-Galaktosidase-produzierenden Mikroben geschlossen.

2. Detektionen im Teilchen-Beschleuniger

Werden in Teilchenbeschleunigern zwei Teilchen miteinander zur Kollision gebracht, hinterlassen sie eine Menge Lichtspuren. Die Lichtspuren werden in Detektoren registriert. Aus dem Verhalten und der Energie der Lichtspuren wird indirekt auf die Teilchen rückgeschlossen, die bei der Kollision entstanden.

3. Gravitationslinseneffekte am Bullet-Cluster

Der Galaxienhaufen 1E 0657-558 besteht eigentlich aus zwei kleineren Galaxienhaufen, die vor vielleicht 100 Millionen Jahren miteinander kollidierten. Die baryonische Materie der Galaxien trat in starke Wechselwirkung miteinander und blieb auch nach der Kollision eng zusammen.
Jenseits dieser bayronischen Kollisionsspuren (also westlich und östlich der sichtbaren Galaxien) werden starke Gravitationslinseneffekte festgestellt. Da jegliche baryonische Materie hier fehlt, um den Linseneffekt hervorzurufen, soll der Linseneffekt von einer unsichtbaren Gravitationsquelle hervorgerufen werden: Aus den messbaren Gravitationslinseneffekten wird indirekt auf das Vorhandensein von Dunkler Materie geschlossen.

Meines Erachtens zeigen die drei Beispiele, dass auch Gegenwartsnaturwissenschaft indirekte Belegführung betreibt.

[Ende von Teil 03. Teil 04 wird folgen]

dreisam hat gesagt…
Dieser Post wurde vom Autoren entfernt.
hallowach hat gesagt…

@dreisam
Wie ich schon sagte die Datenerhebungsmethode ist nicht der Unterschied, sondern der Untersuchungsgegenstand. Liegt der Geschehensablauf in der Gegenwart, betreiben sie Naturwissenschaft, liegt er in der Vergangenheit und ist er nicht unter Eingrenzung der Rahmenbedingungen wiederholbar, betreiben sie historische Wissenschaft auf dem Gebiet der Naturgeschichte.
Vielleicht können Sie sich hierzu mal äußern.

dreisam hat gesagt…

Könnte Kann so (gewesen) Sein
-----------------------------

" Brestowsky: 'Es ist offensichtlich, dass in diesem Sinne die Evolutionstheorie, wie auch die Theorien zum Werden des Kosmos konsistente, also empirisch nicht zu verifizierende Theorien sind.' Für die zentralen evolutionstheoretischen Aussagen gäbe es 'keine Kontrollmöglichkeit, keine Verifizierung
oder Falsifizierung'. So weit würde ich selbst nicht gehen; Kontrollmöglichkeiten sehe ich schon, aber nur in dem Sinne, wie Brestowsky Pietschmann zitiert: 'So könnte es gewesen sein.' " (Reinhard Junker)

Nach dem Zitat wären historisch forschende Naturwissenschaften keine Naturwissenschaften (sondern Geschichtswissenschaft), weil ihre Hypothesen nicht zu verifizieren seien.

Im Umkehrschluss wären Naturwissenschaften dann jene Wissenschaften, deren Hypothesen verifizierbar wären. Diese Behauptung gilt es zu prüfen.

Die scientific methode umfasst folgende Schritte:
a) Man macht irgendeine Beobachtung.
b) Mit Hilfe der naturwissenschaftlichen Deutungsmethoden (Parsimonie, Naturalismus, Aktualismus) wird eine allgemeine Hypothese formuliert, die auch den besonderen Fall der zuvor gemachten Beobachtung mit einschließt.
c) Auf der Basis dieser allgemeinen Hypothese werden Voraussagen für Spazialfälle formuliert. Diese werden mit Hilfe der naturwissenschaftlichen Datenerhebungsmethoden (Experimentieren, Messen, Zählen, Berechnen (Statistik, numerische Simulation), wiederholt intersubjektiv Beobachten, Objekte untersuchen) getestet.
d) Falls die getesteten Spezialfälle mit den Voraussagen übereinstimmen, gilt die Hypothese als gestützt, bzw. zumindest als nicht-widerlegt. Ansonsten muss die Hypothese umformuliert, erweitert oder verworfen werden.

Im Abschnitt d) steht: "gilt die Hypothese als gestützt, bzw. zumindest als nicht-widerlegt".

Das hier verwendete Verb 'Stützen' kann leicht synonym zum Verb 'Belegen' gesetzt werden. 'Stützen' und 'Belegen' sind jedoch nicht synonym zum Verb 'Beweisen'.

Die Wortwahl zu Gunsten von 'Stützen'/'Belegen' resultiert direkt aus der Methodologie der Naturwissenschaft. Denn *keine* naturwissenschaftliche Hypothese kann jemals als verifiziert bzw. als bewiesen gelten. Für eine naturwissenschaftliche Hypothese ist das maximal Erreichbare die vielfache Stützung bzw. Nicht-Widerlegung.

Trotz noch so vieler Stützungen bleibt jedoch die prinzipielle Vorläufigkeit der naturwissenschaftlichen Hypothese bestehen. Denn niemand kann heute sagen, ob nicht eines Tages neue Forschergenies mit neuen Techniken und neuen Ideen doch noch Widerlegungen finden.

Demzufolge muss jede naturwissenschaftliche Erklärung als bloß bis auf Weiteres gültig angesehen werden. Unabhängig vom Umfang ihrer Stützungen.

Wegen der naturwissenschaftlichen Methodologie kann eigentlich keine Naturwissenschaft - ob sie sich nun mit der Verschränkung von Photonen, dem Paarungsverhalten von Wasserflöhen, den Gezeitenkräften von Schwarzen Löchern oder den Schädelknochen der Ceratopsiden beschäftigt - jemals mehr sagen als "Es könnte so sein".

dreisam hat gesagt…

Fazit
-----

In den vier Teilen meiner Posting-Serie wurde gezeigt:

A. Historisch forschende _und_ das Jetzt erforschende Naturwissenschaften benutzen die gleiche Methodik.

B. Historisch forschende _und_ das Jetzt erforschende Naturwissenschaften folgen der gleichen scientific methode.

C. Historisch forschende _und_ das Jetzt erforschende Naturwissenschaften benutzen zur Stützung ihrer Hypothesen indirekte Belegführung.

D. Historisch forschende _und_ das Jetzt erforschende Naturwissenschaften dürfen aus methodologischen Gründen keine Aussagen treffen, die stärker sind als ein "Es könnte so sein".


Weshalb wollen dann MAYR (und CLELAND und BRESTOWSKY) einen gewichtigen Unterschied zwischen den historischen forschenden Naturwissenschaften und den das Jetzt erforschenden Naturwissenschaften sehen?

a) Meiner Meinung nach schätzen die Autoren die Methodik und die Aussagefähigkeit der historisch forschenden Naturwissenschaften durchaus richtig ein - d.h. "es könnte so gewesen sein".

b) Allerdings überschätzen die Autoren gleichzeitig die Möglichkeiten der das Jetzt erforschenden Naturwissenschaften - d.h. auch nur ein "es könnte so sein" und kein "es ist so"!

dreisam hat gesagt…

> Es bedeutet weiter, dass
> [die Evolutionsforscher]
> Wahrscheinlichkeitsaussagen
> treffen müssen, die eben in
> der Herkunftsforschung die
> Darwinisten scheuen, wie der
> Teufel das Weihwasser.
> (hallowach)

Ich weiß zwar jetzt nicht, was mit 'Darwinisten' gemeint ist (also ich zum Beispiel bin keiner ;-).

Davon abgesehen habe ich aber schon das Gefühl, in evolutionstheoretischen oder historisch-geologischen Arbeiten ziemlich häufig "es könnte so gewesen sein" oder ein passendes Äquivalent zu lesen. Auch fällt das Wort 'evidence' viel häufiger also das Wort 'proof'.

Erkenntnistheorie und Sprachgefühl sind aber nicht die Fächer, die ein Geologe oder Biologe im Beifach studieren muss. Man sollte hier ein bisschen nachsichtig sein. :-)

*

> Liegt der Geschehensablauf in
> der Gegenwart, betreiben sie
> Naturwissenschaft, ...
> (hallowach)

Und kommen höchstens zu einem "es könnte so sein".


> ... liegt er in der Vergangenheit
> und ist er nicht unter Eingrenzung
> der Rahmenbedingungen wiederholbar,
> betreiben sie historische Wissen-
> schaft auf dem Gebiet der
> Naturgeschichte.
> (hallowach)

Und kommen höchsten zu einem "es könnte so gewesen sein".

Übrigens: Auch kein Laborexperiment im Hier und Jetzt berücksichtigt alle denkbaren Rahmenbedingungen.

hallowach hat gesagt…

@dreisam
Vielleicht können Sie Ihren Skeptizismus bezüglich der Datenerhebung bei naturwissenschaftlichen Versuchen so beheben:

Den nächsten Fallversuch veranstalten Sie am besten mit einem Betonklotz, den Sie sich aus 2m Höhe auf -sagen wir- ihren kleinen Finger fallen lassen. Ich möchte sehen, ob sie dieses sinnliche Erlebnis danach mit dem Satz kommentieren: "Es könnte so gewesen sein....";-)

Lamarck hat gesagt…

Hi hallowach!


"Für jemanden, der laufend mit der Aufklärung von Sachverhalten, die in der Vergangenheit liegen, zu tun hat, mutet die vorliegende Diskussion beinahe lächerlich an."

Gut, Du bist als Versicherungskaufmann mit Schadensfällen betraut und magst somit hinreichend über die nötige wissenschaftstheoretische Expertise verfügen … . ;-)


"Sachverhalte" sind genauer Ereignisse, die Du notwendig nur dann "aufklären" kannst, wenn sie erfolgt sind – d. h. Deine "Sachverhalte" liegen mit einer gewissen Zwangsläufigkeit in der Vergangenheit.




"Für ein Gericht, dass ein Geschehen insbesondere anhand von Indizien aufklären muss, wäre es ein fataler Fehler, nicht zu erkennen, dass das ihm vorgelegte Sachverständigengutachten nicht den wirklichen Geschehensablauf rekonstruieren kann, sondern allenfalls zu Teilaspekten, die unter ähnlichen Rahmenbedingungen wiederholbar sind, Stellung nehmen kann."

Was genau soll denn das für ein "fataler Fehler" sein? Das Gericht bearbeitet eine spezifische Fragestellung und behandelt diese methodisch. Zwischen Methode und untersuchten Gegenstand besteht selbstverständlich keine Identität. Zur entsprechenden Methode gehören Indizien; Kläger, verkohlte Scheune, Brandbeschleuniger, Fingerabdrücke, Zeugenaussage, Geständnis mögen einen Tathergang hinreichend rekonstruierbar für eine Urteilsfindung erscheinen lassen.




"Was eben bei geschichtlichen Rekonstruktionen gerade fehlt, ist die Möglichkeit zur direkten Datenerhebung des eben unerbittlich in der Vergangenheit verlorenen Vorgangs. Auch Fossilien werden nur in der Gegenwart gefunden."

Direkte Datenerhebung gibt es nicht – das sind naive Vorstellungswelten. Es gehört schon einiges dazu, zu wissen, dass man ein Fossil gefunden hat - Fossilien werden offenbar in ganz ähnlicher Weise gefunden wie Gerichtsurteile. Die Vergangenheit verliert nichts, deswegen gilt Kausalität. Was macht Dich übrigens sicher, dass Du Eltern gehabt hast?




"Es ist eben ein bedeutender Unterschied, ob ich etwa die Beugung am Doppelspalt hier und jetzt wiederholen kann, oder ob ich diesen Vorgang nur als einmaligen Vorgang aus dem Jahr 1918 kennen würde und dann beschreibe und diskutiere."

Reproduzierbarkeit ist die wesentliche Anforderung an ein Experiment. So verfügt auch das Doppelspalt-Experiment, übrigens erstmalig 1802 durchgeführt, über ein spezifisches Versuchsdesign.

Preisfrage: Warum ist es entbehrlich, dem Versuchsdesign zum Doppelspalt-Experiment das "Original-Licht" von 1802 hinzuzufügen (d. h. "Licht" erfährt hier eine aktualistische Behandlung)?




"Gleichermaßen müssen alle Vorgänge, die in Chemiebüchern (a la darwin upheaval) beschrieben sind, in der Gegenwart wiederholbar sein, sonst taugen sie nicht als Grundlage für Naturwissenschaften. Dies wird für in Chemiebüchern beschriebene Versuche grundsätzlich vorausgesetzt."

Offensichtlich verhalten sich Deine naturwissenschaftlichen Kenntnisse umgekehrt proportional zu Deinem Duktus. Wie wäre es also, wenn Du mal einen beliebigen Versuch darstellen würdest? Sagen wir: Ausmessen eines Tisches?




"Wer diese Distinktion nicht nachvollziehen kann, ist nach meiner Anschauung für eine weitere Diskussion über Herkunftsforschung disqualifiziert. Ich empfehle für hartnäckige Fälle ein Praktikum an einem deutschen Strafgericht oder in der Schadensabteilung eines Versicherungsunternehmens."

Wie sagte es der Ritter La Trémouille in Shaws 'Heiligen Johanna', als er vom Erzbischof hörte, dass Pythagoras die Auffassung vertrat, dass die Erde rund sei und sich um die Sonne drehe? "Was für ein ausgemachter Narr! Hatte er denn keine Augen im Kopf?"

Nun gelten Strafgericht oder Schadensabteilung im Allgemeinen nicht unbedingt als Ausbund extremer geistiger Leistungen. Ausspruch eines bekannten Frankfurter Profs: "Für Jura musst Du nicht schlau sein - nur fleißig!" Pierre de Fermat bedurfte hier wohl des sportlichen Ausgleichs.

In diesem Sinne: Soweit Historik nicht normativ, sondern empirisch arbeitet, unterliegt sie einer naturwissenschaftlich kompatiblen Methodik. In weiterer Eingrenzung wird die Historik per definitonem genau dann Naturwissenschaft, wenn ihr Gegenstand die Natur ist. Kausalität ist von der Dimension Zeit unabhängig (Aktualitätsprinzip).





Cheers,

Lamarck

Lamarck hat gesagt…

Hi hallowach!


"Wie ich schon sagte die Datenerhebungsmethode ist nicht der Unterschied, sondern der Untersuchungsgegenstand. Liegt der Geschehensablauf in der Gegenwart, betreiben sie Naturwissenschaft, liegt er in der Vergangenheit und ist er nicht unter Eingrenzung der Rahmenbedingungen wiederholbar, betreiben sie historische Wissenschaft auf dem Gebiet der Naturgeschichte. "

Untersuchungsgegenstand ist etwas anderes als Geschehensablauf. Und den reichlich aufgelaufenen Hinweisen sollte doch schon langsam klar geworden sein, dass die Spagetti auf Deinem Teller (Konkretum) nicht identisch sind mit den Spagetti, die in Deinem Kochbuch-Rezept aufgeführt sind (Abstraktum). Analog die Verhältnisse bei der Wette, die Deine Company mit einem ihrer Versicherungsnehmer durchführt, indem Sterbetabellen (Abstraktum) für die Berechnung von Policen beispielsweise für eine bestimmte Erlebnisversicherung (Konkretum) herangezogen werden.

Experimente haben zum Ziel, Verallgemeinerungen zu erlangen. Erfolgte Experimente liegen trivialerweise immer in der Vergangenheit, sonst wären sie eben nicht erfolgt. Du kannst zwar möglicherweise ein Experiment nachbauen – das ist selbstverständlich aber nicht das konkrete Experiment, auf das Du Dich beziehst. Dieses ist nämlich – ebenso wie Dein Nachbau – wie jedes Konkretum einmalig. Wenn Deine Spagetti also nicht al dente sind, mag dies an den Angaben im Kochbuch liegen. Vielleicht aber auch an Dir.




"Vielleicht können Sie Ihren Skeptizismus bezüglich der Datenerhebung bei naturwissenschaftlichen Versuchen so beheben:

Den nächsten Fallversuch veranstalten Sie am besten mit einem Betonklotz, den Sie sich aus 2m Höhe auf -sagen wir- ihren kleinen Finger fallen lassen. Ich möchte sehen, ob sie dieses sinnliche Erlebnis danach mit dem Satz kommentieren: "Es könnte so gewesen sein....";-) "


Hier haben wir also einen Versuchsaufbau. Dieser gehört augenscheinlich in die Klasse der Gedankenexperimente. Ist es übrigens notwendig, dass dieses Erlebnis in Echtzeitig ablaufen muss? Ist es hinreichend, wenn der Betroffene über das Ereignis referieren kann? Was ändert sich hier, falls der Betroffene vor Schmerz aktuell bewusstlos ist? Was ist anders, wenn der Fall vor Jahrmillionen erfolgte? Zwischen Betonklotz und Finger scheint der kausale Zusammenhang jedenfalls nun nicht gerade das in Frage stehende zu sein.

Bei welchem Unternehmen bist Du denn tätig? – Eventuell hätte ich im Zusammenhang mit einem Fallversuch einen Schadensfall zu vermelden … .





Cheers,

Lamarck

theologie-der-vernunft hat gesagt…

Entschuldigt, wenn ich mich auf scheinbar absurde Weise in die Diskussion einmische.

Doch warum wird die Wissenschaft nur auf die Naturlehre angewandt?

In all dem, was ich hier immer wieder lese, wird stets versucht, den Mythos vom Schöpfergott neben dem natürlichen Werden zu bewahren, etwa die Naturgeschichte neu zu denken oder Erkenntnisse über den Mechanismus der Evolutionslehre umzuschreiben.

Doch wird die in allem vorausgesetzte Annahme, dass ein Schöpfergott zu beweisen sei, dem heutigen Wissen um den christlichen Urgrund (eine naturphilosophisch nachvollziehbare "schöpferische Vernunft") noch gerecht?

Sicher greift der alte Darwinismus zu kurz, ist Evolution nicht weiter gegen den Glauben zu stellen, sondern auf Höhe heutigen Wissens über eine menschlich umzusetzenden kreative=schöpferische Bestimmung im Rahmen des großen natürlichen Ganzen nachzudenken. (Was dann weit über egoistische Gene als menschliches Maß hinausgeht.)

Doch warum stellen wir eher die Axiome des Wissens bzw. natürlichen Werdens in Frage, statt in neuer Weise dort nach dem Wesen des Neuen Testamentes zu fragen, das der derzeit von vielen Deutschen gescholtene Chefdogmatiker in Rom nicht nur in seinem Jesusbuch als "schöpferisch Vernunft" (biblischen und historischen Jesus) bekennt?

(Leider nur als Dogma bzw. Mythos stehen lässt, dann nur zur weiteren Verwirrung führt.)

Denn wenn sich buchstaben-kretationistisch auch noch auf das Neue Testament berufen wird, weil Jesus (damit der Glaubensgrund westlicher Welt)nicht nur ein charismatischer Wunder-tätiger Naturbrecher, sondern der geheimnisvolle Schöpfer sei, den es nun gegen das natürlich-vernüftige Werden (die schöpferische Vernunft) zu beweisen gelte, scheint mir Babylon perfekt.

dreisam hat gesagt…

@ theologie-der-vernunft

Du sprichst sicherlich interessante Gedanken aus. Allerdings pflegt der Autor des Blogbeitrags eine entschieden andere Meinung - und erreichte mit seinen Ansichten die theologische Doktorwürde:

JUNKER, R.: Leben durch Sterben? Reihe Studium Integrale, Hänssler, 2. Auflage 1994

Eine Zusammenfassung gibt's hier:

http://www.christliche-autoren.de/
Junker.pdf

hallowach hat gesagt…

@ Lamarck

Direkte Datenerhebung gibt es nicht – das sind naive Vorstellungswelten. Es gehört schon einiges dazu, zu wissen, dass man ein Fossil gefunden hat - Fossilien werden offenbar in ganz ähnlicher Weise gefunden wie Gerichtsurteile. Die Vergangenheit verliert nichts, deswegen gilt Kausalität. Was macht Dich übrigens sicher, dass Du Eltern gehabt hast?

Ist auch das, dass Du meine Kommentare liest, auf die Du sogar antwortest, keine direkte Datenerhebung.

Zu meinen Eltern: Das ist in der Tat ein Sachverhalt, der für mich in der Vergangenheit liegt. Deswegen geht es hier um Plausibilitätsargumente; dafür mag Ähnlichkeit sprechen, dagegen, wenn meine Eltern 9 Monate vor meiner Geburt noch nichts voneinander wussten, oder mein angeblicher Vater zeugungsunfähig wäre. Gerade die Kausalität der Ereignisse will auf Basis plausibler Erklärungen festgestellt sein, sie folgt nicht aus einer bloßen Annahme.

Den Rest lasse ich, wegen der doch bedeutenden Länge und teilweise fehlenden Relevanz unkommentiert.

theologie-der-vernunft.de hat gesagt…

@dreisam,
das ist mir wohl bewusst.

Doch nicht nur der Kreationismus bleibt bisher im buchstäblichen Denken gefangen, will beispielsweise gar die Sinftlut geologisch nachweisen oder denkt gar über kleinwüchsige Tiere nach, die auf Noahs Kahn passten.

Auch wenn ich beispielsweise als Spiegeltitel lese "Hat die Bibel doch recht" weil ein Holzstück gefunden wurde, das ein Stück der Arche sein könnte, schließt es sich aus, das universale Ursächliche-Prinzip der Evolution wieder als "Arche" zu verstehen bzw. zu besteigen, die nach wie vor seetauglich wäre.

Wer will in diesem Paradigma Herrn Junker verdenken, dass er, wie viele seiner Mitstreiter, das ewige schöpferische Wort bzw. Wirken durch Belege für Buchstaben bzw. das, was allgemein bisher als "Glaube" gilt, behaupten will?

Doch die Welt dreht sich im bekannten Mechanismus nach den kreativ-vernünftigen, optimierenden Prinzipien der Evolution weiter, dessen bin ich gewiss: Diesem Wort des selbst Unsagbaren Schöpfers sei Dank.