Mittwoch, April 21, 2010

Junker über "Evolutionäre Entwicklungsbiologie"


Zusammenfassung: Hemminger & Beyer (2009) geben in ihrem Buchbeitrag Einblicke in die neue Forschungsrichtung der Evolutionären Entwicklungsbiologie (kurz: Evo-Devo). Nach Auffassung ihrer Befürworter – auch der beiden Autoren – bietet dieser neue Zweig der Evolutionsbiologie einen hoffnungsvollen Ansatz zum kausalen Verständnis der Evolution, insbesondere zur Entstehung von evolutionären Neuheiten. Die beiden Autoren vermitteln dem Leser durchweg den Eindruck, Evo-Devo liefere bereits für eine große Anzahl offener Fragen solide Erklärungen, obwohl sie – wie auch die von ihnen nur sehr selektiv zu Rate gezogene Originalliteratur – nur vage Vorstellungen und Ideen präsentieren. Die Autoren listen nur notwendige Bedingungen und bloße Beschreibungen möglicher evolutionärer Änderungen der Ontogenese auf, die per se keine Erklärungen von (hypothetischen) Evolutionsprozessen beinhalten. Sie versäumen es, auf die fehlenden empirischen und experimentellen Belege für die behaupteten evolutiven Prozesse hinzuweisen. Ob der Evo-Devo-Ansatz wirklich neues Erklärungspotential besitzt, muss sich erst noch erweisen; bislang beruht der Fortschritt der Forschung jedenfalls im Wesentlichen auf der „Devo“-Seite, also der Entwicklungsbiologie, die die Prozesse des Werdens individueller Organismen beschreibt. Hier wurden überraschende und faszinierende Entdeckungen gemacht wie die Modularität in der Genetik und im Stoffwechsel, die Ähnlichkeiten zahlreicher Regulationsgene in verschiedensten Tierstämmen (Konservierung der Gene) und die Mehrfachnutzung von Genen bzw. Proteinen oder ganzer Module. Ob und ggf. inwiefern diese Entdeckungen einen Schlüssel auch zum Verständnis der stammesgeschichtlichen Evolution (Phylogenese) liefern, ist offen.

Prozesse der Ontogenese (Individualentwicklung) dürfen nicht ohne empirisch belegte Nachweise auf phylogenetische Abläufe abgebildet werden, sondern vermitteln allenfalls Ideen, die getestet werden müssen. Diesen für den Anspruch von Wissenschaftlichkeit entscheidenden Schritt übergehen Hemminger & Beyer in ihrem Beitrag, die von ihnen vorgestellten experimentellen Befunde erklären im Wesentlichen nur Aspekte von „Devo“. Der Beitrag enthält zudem fachliche Fehler, insbesondere werden Schlüsselbegriffe (z. B. Heterochronie) z. T. falsch definiert und angewendet. Die Darstellung des Forschungsstandes zur Entstehung des Fledermausflügels ist gegenüber der Fachliteratur verkürzt und dadurch irreführend.

Die beiden Autoren befassen sich in ihrem Beitrag auch mit einem kritischen Artikel über Evo-Devo von Junker (2007). Dieser Teil ist durchsetzt von unwahren und sinnentstellenden Aussagen und lässt erkennen, dass von den Autoren wichtige Teile der Evo-Devo-Literatur nicht zur Kenntnis genommen wurden. Auffällig sind hier besonders eine fehlerhafte und geschönte Widergabe der Ausgangssituation der Evolutionsbiologie, sachliche Entstellungen von Argumenten sowie eine inkorrekte Einverleibung von Evo-Devo in das überkommene Gebäude der Synthetischen Evolutionstheorie. Ein Großteil der kritischen Analyse des Evo-Devo-Ansatzes durch Junker (2007) wird von Hemminger & Beyer dagegen nicht einmal erwähnt. Der Beitrag der beiden Autoren erschien im Sammelband „Evolution im Fadenkreuz des Kreationismus“. Dessen Anspruch, Argumentationen von „Evolutionsgegnern“ kritisch zu analysieren, wurde im Beitrag von Hemminger & Beyer deutlich verfehlt.


Zum Artikel.

7 Kommentare:

Christoph Heilig hat gesagt…

Ich schreibe das lieber als Kommentar, nicht direkt in den Verweis, weil es wieder nur ein Kommentar zu einem Randthema ist. Reinhard Junker versucht im letzten Abschnitt den Brückenschlag vom „Schöpfungsvokabular“ Evo-Devos zur Design-Perspektive. Dass ein solcher Schluss vom teleologischen Begriff zum teleologischen Ursprung nicht gerechtfertigt ist, wurde mittlerweile m.E. von verschiedenster Seite zu Genüge belegt. Der Hauptschwerpunkt seiner Anregung im Hinblick auf die Design-Perspektive ist jedoch, dass sich aus dieser Forschung im Hinblick auf Evo-Devo ableiten ließen:

„Aus teleologischer (Schöpfungs-)Perspektive ergibt sich ebenfalls eine Fülle von Fragen, die naturwissenschaftlich bearbeitet werden können bzw. müssen. Wie breit ist das Spektrum, in dem experimentell fassbare Veränderungen von Genen, Organen und Organismen dokumentiert werden? Welche Voraussetzungen für konstruktive „Neuprogrammierungen“ müssen gegeben sein? Kann erwartet werden, dass diese durch ungerichtet agierende Mechanismen entstehen und sich durchsetzen? Gibt es Hinweise auf vorprogrammierte Variabilität und Plastizität, die den Lebewesen ermöglichen, größere Umweltschwankungen zu verkraften? Bilden Endpunkte des möglichen Variabilitäts- und Plastizitätsspektrum von Organismen die Basis für evolutionäre Neuerungen? (vgl. Junker 2009b) Diese Fragen, die sich aus der Design-Perspektive ergeben, können nur durch weitere Forschung beantwortet werden. Die Komplexität der Lebewesen macht dies zu einer Mammutaufgabe, und einfache sowie eindeutige Antworten sind nicht zu erwarten. Dennoch: Je genauer das untersuchte System bekannt ist, desto besser können die aufgeworfenen Fragen beantwortet werden. Die Design-Perspektive braucht ebenso wie die Perspektive Evolution Forschung zu ihrer Stärkung (Junker 2009a)!“

Genau: Die Design-Perspektive braucht Forschung um ernstgenommen zu werden – allerdings, und entgegen Junker, nicht einfach nur im Hinblick auf die Variationsmechanismen des angeblich Designten, sondern vor allem im Hinblick auf ein kohärentes SD-Modell, welches die Natur- und Erdgeschichte unter den gegebenen Rahmenbedingungen plausibel erklärt.
Genau so ist es ja auch im Rahmen des Evolutionsparadigma: Es mögen manche Fragen im Hinblick auf die Mechanismen der Evolution offen sein – aber „descent with modification“ ist dennoch die einzige plausible Erklärung für die Fossilabfolge und ist somit auch anerkannt.
Auf dieselbe Art und Weise könnte auch ein kreationistisches Paradigma funktionieren: Könnte die Fossilabfolge (einigermaßen) plausibel erklärt werden, dann wäre es nicht so „schlimm“, wenn die oben erörterten Mechanismen der Variation nicht komplett verstanden wären. Andersherum bringt ein „kreationistisches Evo-Devo“ nichts, wenn die Fossilabfolge dennoch unerklärt bleibt.

So viel zu diesem Randthema von mir.

darwin upheaval hat gesagt…
Dieser Kommentar wurde vom Autor entfernt.
darwin upheaval hat gesagt…

Für den Fundamentalisten möchte ich mich entschuldigen. Damit bin ich über das Ziel hinaus geschossen. Tut mir Leid.

Ich möchte zur Erklärung meiner Gemütslage nur einmal die Bitte äußern, sich zu überlegen, wie das, was den Autoren in der Zusammenfassung geballt an den Kopf geschmissen wird, "auf der anderen Seite" ankommt. Wenn man sich sinngemäß sagen lassen muss, man habe keine Ahnung von dem, was man schreibt, alles sei "durchsetzt von unwahren und sinnentstellenden Aussagen", man beschönige die Realität, nehme die Literatur nicht zur Kenntnis, präsentiere nur Ideen ohne jede empirische Verankerung usw., um dann nonchalant zu behaupten, Evo-Devo hätte ja überhaupt keine Erklärungen, könne nichts belegen etc.

Ein Außenstehender macht sich gar keine Vorstellung davon, was es heißt, ein Buch dieses Umfangs herauszugeben und auch noch die Hälfte der Beiträge, die unter einem anderen Namen veröffentlicht wurden, mitrecherchiert und mitgeschrieben zu haben. Überhaupt als Nicht-Biologe erst mal auf ein Level zu kommen, um kompetent (so hoffe ich jedenfalls) in den wesentlichen Hauptfragen mitreden zu können, auch in wissenschaftstheoretischen Belangen. Und dann wird das so nonchalant über 2 x 11 Seiten "zerrissen", so als würde da nur Blödsinn drin stehen.

Es ist nicht sonderlich prickelnd, wenn man nur noch "Ehrenrunden" dreht, weil das, was man Reinhard Junker schon zum gefühlt 112. Male nahe zu bringen versucht hat (z. B. was man in den Naturwissenschaften unter einer Erklärung versteht, dass Erklärungen letztlich immer Denkmodelle sind und als solche immer mehr oder weniger unvollständig usw.), einfach nicht bei ihm ankommt. Er bleibt dabei, dass eine Erklärung der "Makroevolution" völlig (!) fehlt, und dass auch Evo-Devo dazu nichts beitragen kann. Und dass alle anderen Unsinn reden, nur nicht er selbst. Dass die anderen möglicherweise die Evolution weniger stark vereinfachen als er sie verkompliziert, weil er das, was man heute noch nicht weiß, einfach mit spekulativen Unwahrscheinlichkeits-Annahmen überbrückt, kommt ihm nicht in den Sinn.

Was soll man denn auf einen solchen Text entgegnen, was nicht schon 120 Mal gesagt wurde?

El Schwalmo hat gesagt…

@Darwin Upheaval

=== schnipp ===

Was soll man denn auf einen solchen Text entgegnen, was nicht schon 120 Mal gesagt wurde?

=== schnapp ===

überlegen, ob das, was da steht, die Aufregung, die es bei Dir auslöst, wert ist.

Was kratzt es an der Einschätzung Deiner Kompetenz, wenn man Dir nicht 100, sondern nur 95 Prozent gibt?

AMP hat gesagt…

"was man Reinhard Junker schon zum gefühlt 112. Male nahe zu bringen versucht hat (z. B. was man in den Naturwissenschaften unter einer Erklärung versteht"

lol. Du glaubst doch nicht, dass du Herrn Junker zum Umdenken bewegen wirst? Er ist doch sogar überzeugt, dass die Erde wenige 1000 Jahre alt ist, trotz aller Belege die dagegen sprechen. Who cares? Für ihn hat wohl einfach sein Glaube die höchste Priorität.

darwin upheaval hat gesagt…

>Klick mich<

Christian hat gesagt…

Die Markoevolution ist ja letztendlich nur eine Mirkoevolution mit ein paar 100.000 Jahren mehr Zeit und meist ein paar inzwischen ausgestorbenen Zwischenarten. Warum es da Endpunkte geben sollte sehe ich erst einmal nicht. Und "Designfehler" findet man ja auch bei Tieren, die wesentlich besser zur Evolution passen.